Sechs Kandidaten in Taufkirchen kämpfen um die Amtskette

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Applaus und Buh-Rufe wechseln sich ab: 580 Zuhörer verfolgen die Diskussion im Saal, bis zu weitere 200 sehen vor der Tür den Live-Stream. © Robert Brouczek

Bei der Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl in Taufkirchen prallen die Meinungen hart aufeinander. Besonders das Bahnhofsquartier spaltet die Gemeinde.

Taufkirchen – Wie geht es weiter mit dem Bahnhofsquartier? Wie wird der Haushalt saniert? Und wer führt künftig das Rathaus? Bei der Podiumsdiskussion in Taufkirchen konkurrieren sechs Bewerber für das Bürgermeisteramt: zwei Frauen, vier Männer – und jede Menge Meinungen.

Wer ist sattelfest? Wer bringt gute Impulse? Silvia Engelhardt (VHS) mit Jörg Pötke (ILT), Naciye Özsu (SPD), Christoph Nadler (Grüne), Maike Vatheuer-Seele (UWT), Sebastian Thoma (CSU), Uwe Görler (AfD) und Moderator Stefan Weinzierl (Münchner Merkur).
Wer ist sattelfest? (v.l.): Silvia Engelhardt (VHS), Jörg Pötke (ILT), Naciye Özsu (SPD), Christoph Nadler (Grüne), Maike Vatheuer-Seele (UWT), Sebastian Thoma (CSU), Uwe Görler (AfD), Moderator Stefan Weinzierl (Münchner Merkur). © Robert Brouczek

580 Gäste füllen den Saal, weitere 130 verfolgen den Livestream im oberen Saal und im Foyer. Noch-Bürgermeister Ullrich Sander begrüßt die Menge charmant mit den Worten: „Einer kriegt sie, der Rest schaut in die Röhre.“ Das Publikum lacht – die begehrte Amtskette darf er noch bis Ende April tragen.

VHS-Leiterin Silvia Engelhardt freut sich über das Interesse: „Kommunalpolitik bewegt.“ Moderator Stefan Weinzierl (Münchner Merkur) erklärt die Regel: 60 Sekunden, länger dürfen die Antworten nicht sein. Er bringt die Stimmung ironisch auf den Punkt: Die Berichterstattung über Taufkirchen sei „im Moment recht unterhaltsam“. Nirgendwo sonst gebe es derzeit so viele Bürgerbegehren. „Auf den neuen Bürgermeister kommt nicht nur viel Arbeit zu, er oder sie braucht ein dickes Fell.“

Maike Vatheuer-Seele (UWT) punktet als Gemeinderätin mit Fachwissen und hat eine klare Haltung. Ihr „Herzensanliegen“ sei es, „mich für nachschulische Betreuungsplätze einzusetzen“, sie fordert auch mit Nachdruck den Bau einer Mittelschule. Die 54-Jährige, die im Controlling arbeitet, will das Bahnhofsquartier voranbringen und setzt bei den Finanzen auf eine gemischte Strategie aus Grundstücksverkäufen und neuer Gewerbeansiedlung. Schlagfertig konterte sie Jörg Pötke (ILT) mehrfach, der die Gemeinde vor der Pleite sieht und warnt, dass der „Staatskommissar oder das Landratsamt“ die Regie übernimmt und Vereinszuschüsse streiche: Er sei ein „Schwarzseher“, sie halte es mit Zuversicht.

Christoph Nadler (Grüne), Gemeinderat und stellvertretender Landrat, will Kooperation statt Spaltung: „Bürgerbegehren gegen soziale Einrichtungen wie Schule oder Altenheim finde ich nicht gut.“ Lösungsansätze bietet der 70-Jährige mit Gewerbeentwicklung als Einnahmequelle. Das Bahnhofsquartier will er mit bezahlbaren Wohnungen, Kita und Ärztehaus „sozial ausgewogen“ umsetzen: „Wir bauen nicht zum Selbstzweck, sondern aus guten Gründen.“ Nadler setzt auf Geothermie, den Dialog mit den Stadtwerken, Windkraft, um Klimaneutralität bis 2040 zu erreichen.

Sebastian Thoma (CSU), promovierter Physiker bei Siemens, bringt wirtschaftliche Kompetenz mit: „Wir haben schwierige Projekte vor der Brust.“ Der 63-Jährige will das Bahnhofsquartier zügig realisieren – „das ist heute schon versiegelt“ – und ein neues Seniorenzentrum bauen. Sein Fokus: konstruktive Diskussionskultur, Bürgernähe und Ansiedlung finanzstarker Unternehmen. „Da können wir extrem stolz drauf sein“, sagte er über das engagierte Vereinsleben.

Naciye Özsu (SPD) bringt soziale Wärme und Verwaltungserfahrung ein. „Mein Vater war Gastarbeiter“, erzählt die 46-jährige VHS-Vorsitzende, „ich komme aus einer Arbeiterfamilie.“ Statt Grundstücksverkäufe will sie Erbpachtmodelle, setzt auf Windkraft und fordert bezahlbaren Wohnraum: „Im Pfarrer-Weidenauer-Weg muss gebaut werden“, gerne mit einer Genossenschaft.

Hat sie extra umgelegt, die Amtskette, „das Objekt der Begierde“, wie der scheidende Bürgermeister Ullrich Sander sagt. Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl 2026 in Taufkirchen, Ritter-Hilprand-Hof
Hat die Amtskette extra umgelegt, „das Objekt der Begierde“, sagt Noch-Bürgermeister Ullrich Sander. © Robert Brouczek

Uwe Görler (AfD) polarisiert mit konfrontativen Aussagen. Der 65-Jährige spricht von „ideologiegetriebener Politik“, fordert „Kassensturz“ und weniger „Meinungsverbote“. Die Eschenpassage nennt er „einen Schandfleck“ und bekommt Applaus. Er spricht sich gegen Wind- und Solarprojekte aus und streitet den menschlichen Einfluss auf das Klima ab, dafür gibt‘s Buh-Rufe.

Jörg Pötke (ILT), früherer Bürgermeister, geht mit scharfer Rhetorik auf Distanz zu Investoren: „Wir müssen sofort das Bahnhofsquartier stoppen.“ Er warnt vor „Klein-Manhattan“ im Ortszentrum. „Mich wird kein Investor erpressen“, wettert er, kritisiert vermeintliche Intransparenz der Verwaltung, schweift in Rückblicke ab und fürchtet Spekulantentum: Die Investoren – Peter G. Neumann von Rock Capital sitzt im Saal – wollten das Areal mit hohem Baurecht gewinnbringend weiterverkaufen. Vatheuer-Seele stellt Gerüchte klar, im Quartier würden Sexshops und Spielhöllen einziehen: „Das ist nicht der Fall, lassen Sie sich nicht hinter die Fichte führen.“

Nach einem Abend voller Kontraste zeigt sich eines besonders klar: Wer die Wahl und die Amtskette gewinnt, wird keine einfache Aufgabe haben.