Ein Jahr nach der Hagelkatastrophe: Großteil der Schäden in Bad Bayersoien behoben

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Wieder intakt: Die Gebäude in Bad Bayersoien sind neu eingedeckt worden. © bartl

Es herrschte der Ausnahmezustand in Bad Bayersoien, als vor einem Jahr ein Hagelsturm den Ort verwüstete: Heute erstrahlt das Dorf in neuem Glanz.

Bad Bayersoien – Auf dem Dach, auf der Motorhaube – Gisela Kiewegs Auto ist übersät mit kleinen runden Dellen. Narben auf Blech. Der Wagen fällt auf. Gerade im Urlaub, wie zuletzt an der Ostsee. Viele fragten, was denn passiert sei. Kieweg musste nicht viel erklären. Sobald die Bürgermeisterin „Bad Bayersoien“ erwähnte, machte es Klick. Ihren Heimatort kennt man am anderen Ende der Republik. Aus den Nachrichten, aus den Schlagzeilen über die Hagel-Katastrophe am Montag vor genau einem Jahr.

Zum Teil tennisballgroß waren die Hagelkörner in Bad Bayersoien.
Zum Teil tennisballgroß waren die Hagelkörner. © Bartl

Eine brachiale Unwetter-Front ist am 26. August 2023 gegen 16 Uhr über die Gemeinde am See hinweggefegt. Teilweise tennisballgroße Hagelkörner donnerten auf Häuser, Autos, ja sogar Tiere. Ihre Zerstörungskraft: immens. 15 Minuten genügten, um den idyllischen Kurort in ein Trümmerfeld zu verwandeln.

Wir haben Unterstützung von Wildfremden bekommen.

Kieweg war daheim, als Sturmtief „Denis“ ihren Heimatort heimsuchte. Sie beobachtete, wie beim Nachbarn die Dachplatten zu hüpfen begannen. Das Ausmaß des Unwetters „hab’ ich da noch nicht realisiert“, sagt die Rathauschefin heute. Erst als der Hagel gestoppt hatte und sie auf ihrem Fußweg zum Feuerwehrhaus schon die ersten Verwüstungen sah. Wie sich später zeigen sollte: Knapp 400 Gebäude wurden demoliert. Die Schäden bewegten sich in einer Höhe von zirka 15 Millionen Euro.

Eine harte Zeit brach an. Für alle Betroffenen. Die ganze Situation „hat mich teilweise runtergezogen“, erzählt Kieweg. Sie machte sich Sorgen. Darüber, wie es weitergeht. Und Gedanken darüber, was nun alles zu tun ist. „Es gibt ja kein Handbuch“, sagt sie. „Du musst einfach reagieren und aus dem Bauch heraus entscheiden.“ Viel geschlafen hat sie damals nicht, zuhause hielt sie sich auch nur selten auf. Zu vieles galt es zu koordinieren und organisieren.

Landwirte boten Futter an

Doch das Miteinander funktionierte. Das ganze Dorf packte an. Jeder half jedem in dieser Notlage. Eine riesige Welle an Solidarität traf Bad Bayersoien. „Wir haben Unterstützung von Wildfremden bekommen“, erinnert sich Kieweg. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Handwerksbetriebe aus allen Himmelsrichtungen ließen ihre eigentliche Arbeit stehen und liegen und brachten sich in der Ammertaler Kommune ein. Sie kümmerten sich vor allem darum, die Häuser dicht zu bekommen. Erst mit Planen, dann mit den Notdächern, am Ende mit Ziegeln. Landwirte aus dem Allgäu etwa boten ihren Kollegen Futter an, die Isartaler spendeten Heuballen. „Das ist mir ans Herz gegangen“, erzählt die Gemeindechefin.

Mit Notdächern und Planen schützten die Bayersoier ihre beschädigten Häuser.
Mit Notdächern und Planen schützten die Bayersoier ihre beschädigten Häuser. © Herold

Nicht nur tatkräftig, sondern auch finanziell griff man den Hagel-Opfern unter die Arme. Diverse Benefiz-Aktionen gab es. Darunter das Matinee mit den Well-Brüdern, dass die Landkreis-Bürgermeister initierten. Oder das Konzert im Ammergauer Haus, das dessen Pächter Maximilian Kasseckert veranstaltete. Insgesamt landeten im Spendentopf 384 000 Euro. Eine gewaltige Summe. „Man muss ganz dick Danke sagen“, unterstreicht Kieweg. Weil damit vielen geholfen werden konnte. „Es gab schon auch Schicksale.“ Inzwischen sind die Gelder verteilt worden. Nach längerem Hin und Her. Die Richtlinien zu erlassen, resümiert die Bürgermeisterin, sei ein „wahnsinniger Aufwand“ gewesen. Aber einer, der sich lohnte.

Belastungsprobe für die Bürger

Der Reparatur-Marathon ist größtenteils beendet. Zumindest kann Kieweg das für die Schäden an kommunalen Gebäuden wie Kindergarten, Schule oder Bierlinghaus behaupten. „Wir sind so gut wie durch.“ Bis auf ein paar Kleinigkeiten. Streicharbeiten zum Beispiel. Was noch aussteht, ist aber die Kriegergedächtniskapelle. Das Blechdach, das 2025 100 Jahre alt wird, ist verdengelt, erklärt die Rathauschefin. Doch erwies es sich als schwierig, eine Firma zu finden. Was mittlerweile aber gelungen ist.

„Denis“ stellte die Bad Bayersoier vor eine Belastungsprobe. Die haben sie bestanden. Unermüdlich werkelten sie in ihrer Freizeit. Kieweg macht stolz, was binnen eines Jahres geschafft wurde. Nur noch wenige der grünlichen Notdächer schützen Häuser. Das Dorf „erstrahlt wirklich wie neu“, betont sie. „Wir haben den Ort mit den schönsten roten Dächern.“ Die Rathauschefin zieht das Positive aus der Katastrophe. Das Entscheidende dabei: Niemand verletzte sich schwerer. Obwohl viele auf die rutschigen Dächer kraxelten.

Wurden demoliert: Autos, die im Freien standen.
Wurden demoliert: Autos, die im Freien standen. © dpa

Heute, glaubt Kieweg, werden sich einige an den Schreckenstag erinnern. So wie sie selbst jedes Mal, wenn sich ein Unwetter nähert. Wenn dunkle Wolken aufziehen. Dann hört sie in ihrem Kopf wieder die Geräusche, wie bei ihr zuhause Dachplatten und Scheiben springen. Doch die Bürgermeisterin schnauft durch und denkt sich: So heftig trifft’s Bad Bayersoien nicht wieder. „Daran“, sagt sie, „muss man glauben.“

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