Trotz fehlender Großevents in Erding: Die Begeisterung für Frauenfußball wächst
Erding - Frauenfußball-Fieber auch in Erding? Nunja, von großen Events und Public Viewing ist nichts zu sehen. Die Erdinger Gastronomie am Kleinen Platz zum Beispiel verweist darauf, dass in den Wirtsräumen ohnehin keine TV-Geräte aufgestellt werden. Ähnlich ist es in Dorfen. „Ich persönlich schaue die Spiele zwar, aber in unseren Lokalen haben wir sie nicht ausgestrahlt“, sagt Tobi Maier (Bar Amore, Lebzelter).
Aber dafür kommt ein dickes Lob aus berufenem Munde, nämlich von einem echten Nationalspieler. Er würde sich nicht als Fan vom Frauenfußball bezeichnen, so Dieter Brenninger, „aber das Spiel gegen Frankreich hat mich eines Besseren belehrt“, sagt der einstige Stürmer des FC Bayern. „Super gekämpft, nie aufgegeben“, so seine Bilanz. „Die Französinnen haben ja wirklich eine gute Mannschaft, aber gegen uns haben sie sich die Zähne ausgebissen, weil die Deutschen taktisch hervorragend gespielt und keinen Zweikampf gescheut haben.“ Das Niveau dieser EM gefalle ihm ohnehin sehr gut. Und das sei nicht immer so gewesen, macht der Altenerdinger klar.
Auch Philipp Bönig zeigte sich beeindruckt, wie das DFB-Team „im Stile einer Turniermannschaft“ auftritt. „Der Sieg gegen Frankreich in Unterzahl war eine top Teamleistung. „Alles ist jetzt möglich“, meint der Erdinger, der viele Jahre für den VfL Bochum in der Bundesliga spielte. Und Benedikt Bauer, 21-jähriger Juniorennationalspieler, war vom Teamspirit beeindruckt. „Das war schon sehr stark“, sagt der Defensivmann von Jahn Regensburg. Er schaue sich die Spiele ohnehin sehr gern an. Ebenso Bönig, der den Wandel im Frauenfußball erkannt hat. „Grundsätzlich ist es schön zu sehen, wie viele Mädels gern und begeistert Fußball spielen. Das durfte ich vergangenen Sonntag auch wieder beim Merkur-CUP-Finale in Unterhaching live erleben.“
Aber nicht nur Profis und Ex-Profis sind begeistert, sondern schlichtweg Sportinteressierte wie Sophie Albert aus Erding. „Es war ein legendäres Spiel“, sagt die 15-Jährige. Besonders Ann-Kathrin Berger habe sie begeistert. „Deutschland erreichte auch verdient das Halbfinale.“
Ähnlich sieht es Michelle Schulze, die für den FC Moosinning kickt. „Die aktuelle Leistung ist beeindruckend. Ich finde es großartig, wie präsent die Mädels gerade sind und wie viel Aufmerksamkeit sie bekommen. Das tut dem Frauenfußball insgesamt richtig gut: Mehr Zuschauer, mehr Medieninteresse und vielleicht auch mehr junge Mädchen, die selbst anfangen, Fußball zu spielen. Dieser Erfolg könnte dem Frauenfußball langfristig einen echten Boost geben“, meint die 17-Jährige aus Schwaig. „Man spürt richtig, wie viel Leidenschaft und Qualität dahinterstecken. Hoffentlich bleibt dieser positive Trend auch nach dem Turnier.“
Ex-Profi Bönig ist optimistisch: „Fast alle Stadien in der Schweiz sind ausverkauft, die TV-Quoten hoch, Deutschland wieder im Halbfinale: Ich denke, es wird dem Frauenfußball einen weiteren nächsten großen Schub geben.“ Und Benedikt Bauer merkt an, wo die Partien übertragen werden: „Komplett im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das ist die große Bühne und gibt dem noch eine ganz andere Wertigkeit.“
Venja Quast, seit vielen Jahren unermüdliche Antreiberin im Frauenfußball beim FC Lengdorf, freut sich zwar auch über die
kämpferische Leistung der DFB-Elf, merkt aber auch an: „Spielerisch war das Team im Vergleich zu anderen Mannschaften bisher eher schwach. Die Abwehr war wackelig, und nach vorne vermisse ich etwas die Kreativität und Dynamik.“ Freilich liege das auch an den sehr vielen Ausfällen. Quast freut sich, dass sich die Denke über den Frauenfußball verändert hat und über die mediale Aufmerksamkeit. Allerdings vermisse sie ein ähnliches Public Viewing, wie es zum Beispiel vergangenes Jahr beim Erdinger Altstadtfest während der Männer-EM erlebt habe. „Es ist ziemlich traurig, dass es keine einzige Übertragung gab“, sagt sie. „In der Schweiz funktioniert das besser“, das habe sie erlebt, als sie vergangene Woche in Zürich war. „Da war viel junges und auch männliches Publikum“, sagt sie und blickt voraus. „Mal schauen, was passiert, wenn Deutschland die Frauen-EM 2029 zugesprochen bekommt.“
Bayernliga-Kicker feuern die Mädels an
Manfred Buchhauser war viele Jahre Trainer der Frauen des FC Schwaig. Er lobt den Teamgeist, „denn nur als Mannschaft war der Erfolg gegen Frankreich zu schaffen. Man darf nicht vergessen, dass mit Giulia Gwinn und auch Lena Oberdorf zwei Leistungs- und Mentalitätsspielerinnen fehlen.“ Die EM sei speziell nach der zuletzt schwachen WM für den deutschen Frauenfußball enorm wichtig. „Und die Tatsache, dass mittlerweile ein zweistelliges Millionenpublikum die Spiele am TV verfolgt, zeigt, dass das Interesse weit über die reinen Freunde des Frauenfußballs hinaus angekommen ist.“
Für Buchhauser aber auch wichtig: „Es wird immer Menschen geben, die den Frauen- direkt mit dem Männerfußball vergleichen – und da werden die Frauen immer den Kürzeren ziehen. Aber diese Leute werden immer weniger. Und die Tatsache, dass Frauen auch in gut besetzten großen Stadien spielen dürfen und das vom Publikum auch angenommen wird, spricht schon für sich, dass der Wandel fortgesetzt wird.“ Als Beispiel nennt er den FC Schwaig. „Da kommt es auch vor, dass die Männer der Bayernligamannschaft, die von einem Auswärtsspiel heimkommen, nicht direkt nach Hause fahren, sondern sich auch das Spiel unserer Frauen ansehen und sie anfeuern.“
Langfristig sei die Zukunft des Frauenfußballs rosig, meint die 15-jährige Albert. Je populärer der Sport, desto mehr Geld werde investiert, auch in Nachwuchsleistungszentren. Und die kurzfristige Zukunft – also das Halbfinale? „Das Spiel hat viel Kraft gekostet“, meint Brenninger. „Fifty-fifty“, stehe es gegen Spanien. Und Buchhauser: „Im weiteren Turnierverlauf ist alles drin, da der Sieg gegen Frankreich das Team noch mehr zusammenschweißen wird, auch wenn mit Sjoeke Nüsken die nächste Mentalitätsspielerin ausfallen wird.“