Ein Politiker kehrt in die Schule zurück: Fritz Felgentreu war von 2013 bis 2021 Mitglied des Bundestages. In den Jahren 2012 bis 2016 war er stellvertretender Landesvorsitzender der Berliner SPD und von 2004 bis 2014 Kreisvorsitzender der SPD in Neukölln. Die Politik hat er inzwischen an den Nagel gehängt: Seit dem Schuljahr 2022/2023 arbeitet der 57-Jährige in seinem ursprünglich erlernten Beruf als Lehrer am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.
Felgentreu musste feststellen, dass sich in den vergangenen Jahren einiges an den Schulen verändert hat. "Im Vergleich zu meiner Zeit als Lehrer hier vor den Jahren im Bundestag sind das Leistungsniveau und die Konzentrationsfähigkeit gesunken, die Rechtschreibprobleme haben zugenommen. Daran sieht man, dass die Kinder heute weniger lesen als früher", sagte er der "Welt".
"Rechtschreibprobleme haben zugenommen“, klagt Ex-Politiker: Schülern wird zu wenig Leistung abverlangt
Felgentreu führt die schwächere Konzentrationsfähigkeit auf den Missbrauch mobiler Endgeräte mit ihrem Suchtfaktor, das Setzen auf schnelle Themenwechsel und das ständige Weiterwischen zurück. Er plädiert für einen anderen Umgang mit diesen Geräten im Kindes- und Jugendalter.
Zudem stellt der Lehrer die Grundtendenz fest, dass von Schülern zu wenig Leistung verlangt wird. Das System sei zu sehr darauf ausgelegt, das Wohlgefühl der Jugendlichen zu stärken.
Dramatische Lage an unseren Schulen: "Nur noch 60 Prozent können rechnen und lesen"
Felgentreus Beobachtung wird durch eine Unicef-Studie unterstützt: Demnach verschlechtern sich sowohl schulische Leistungen als auch die allgemeine Zufriedenheit – ein Trend, der sich durch alle sozialen Schichten zieht. Der Bericht des Unicef-Forschungsinstituts Innocenti vergleicht Daten aus 43 OECD- und EU-Ländern aus den Jahren 2018 und 2022 und kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland im Ranking vom 14. auf den 25. Platz abgerutscht ist.
Besonders dramatisch ist der Rückgang der schulischen Grundfähigkeiten. So verfügen laut Unicef nur noch 60 Prozent der Kinder in Deutschland über grundlegende Kompetenzen in Rechnen und Lesen. 2018 waren es noch 73 Prozent. In nur zwei Ländern – den Niederlanden und Zypern – fiel der Rückgang noch stärker aus.
Dabei geht es nicht nur um Noten. Wer in der Grundschule nicht rechnen oder lesen kann, wird später kaum Chancen auf einen stabilen Berufsweg haben. Der Verlust dieser Basisfähigkeiten – teilweise können Kinder nicht einmal Treppen steigen – betrifft inzwischen breite Teile der Gesellschaft und nicht nur Kinder aus armen Haushalten.