Herausgeputzte Rösser, festlich geschmückte Wagen und Teilnehmer in prächtiger Tracht machen die Leonhardifahrt in Benediktbeuern zu einem der bedeutendsten Brauchtumsfeste Bayerns – und zu einem echten Publikumsmagneten. In diesem Jahr findet sie am Sonntag, 9. November, statt. Erwartet werden 50 Gespanne und rund 230 Pferde.
Benediktbeuern – Für Lena Sonner vom Geigerhof in Benediktbeuern ist die Leonhardifahrt in ihrem Heimatort etwas Besonderes. „Die ganze Familie ist dabei“, erzählt sie. Die Landwirtin ist verantwortlich für den Motivwagen „Abendläuten“, der heuer von Martin Baumgartners Gespann durch die Straßen des Klosterdorfs gezogen wird. Die Pflege der verkleinerten Darstellung einer Kapelle ist eine Familientradition, die Sonner sehr am Herzen liegt. „Es ist wichtig, dass das weitergegeben wird“, betont sie. Ihr Schwiegeropa hatte einst die Holzkonstruktion gefertigt – seither wird sie Jahr für Jahr für die Pferde-Prozession mit Naturmaterialien wie Moos oder Efeu liebevoll geschmückt. „Ich mag das total gern“, berichtet Sonner. Und während des Umzugs haben ihre Kinder eine spezielle Aufgabe: Sie dürfen die kleine Glocke des Miniatur-Gotteshauses läuten – Ausdruck einer tiefen Verwurzelung im Glauben.
Benediktbeuern fiebert dem Feiertag entgegen: Am Sonntag, 9. November, ist es wieder so weit. Ab 9 Uhr setzen sich 50 Pferdegespanne, begleitet von zahlreichen Reitern, in Bewegung. Die Strecke führt von der Dorfstraße über die Bahnhofstraße in Richtung Kloster.
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Segnung an Don-Bosco-Straße
Dort gibt es, wie schon im Vorjahr, eine Änderung im Ablauf: Aufgrund der Bauarbeiten im Innenhof der Niederlassung der Salesianer Don Boscos – das Gerüst verengt den Eingang zu sehr – wird die Segnung der Pferde und Wallfahrer nach draußen verlegt an die Don-Bosco-Straße, auf Höhe des Klostersportplatzes. Die Resonanz dürfte wieder beträchtlich sein: Gerechnet wird mit etwa 6000 Besuchern.
Den Gottesdienst feiern die Gläubigen um 10 Uhr im Klosterinnenhof – unter freiem Himmel. Zelebrant ist Pater Reinhard Gesing. „Das ist schon eine Ehre“, sagt er. Zum zweiten Mal wird ihm diese Aufgabe zuteil. Der Geistliche ist in Benediktbeuern kein Unbekannter: Von 2015 bis 2017 leitete er als Direktor das Kloster, bevor er zum Provinzial der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos berufen wurde.
Der Heilige Leonhard ist nicht nur der Patron des Viehs, sondern auch als „Kettenheiliger“ bekannt – ursprünglich war er der Beschützer der Gefangenen. Daher besitzt der theologische Hintergrund der Leonhardifahrt mehrere Dimensionen. Es gehe darum, die Tiere als Mitgeschöpfe zu achten, erläutert Gesing. Zugleich habe das Fest einen aktuellen Bezug: Auch im übertragenen Sinn sollen Ketten gelöst werden – etwa jene von Kriegen oder Konflikten.
Die Rückfahrt der Wallfahrer erfolgt über den Ortsteil Pechlern zum Dorfplatz. Neben den Frauen in Tracht nehmen mehrere Motivwagen sowie Schützenkompanien und Musikkapellen teil. Den Abschluss bildet das Goaßlschnalzen am Dorfplatz, also das althergebrachte Peitschenknallen der Fuhrleute. Um 19 Uhr beginnt der Leonharditanz im neuen Saal des Gasthofs zur Post.
Für Organisator Peter Schalch – unterstützt von Martin Höck junior, Michael Huber und Peter Sonner senior – steht im Mittelpunkt, gelebte Tradition zu bewahren und aktiv mitzugestalten. „Es ist ein besonderes Gefühl, Teil davon zu sein“, sagt er. Wichtig sei ihm das familiäre Miteinander: Schon bei den Vorbereitungen helfe das ganze Dorf mit.
Ursprünge im 17. Jahrhundert
Leonhardifahrten sind in Bayern seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Brauchtums. Ihre Ursprünge in Benediktbeuern gehen vermutlich auf einen Stephaniritt im 17. Jahrhundert zurück. Im Laufe der Zeit verlagerte sich die Verehrung vom Heiligen Stephanus auf den Heiligen Leonhard, der zum Hauptpatron der Rösser wurde. Beim Neubau der heutigen Basilika entstand eine Leonhardskapelle; fast zeitgleich wurde an der Nordseite der Kirche eine barocke Leonhardisäule errichtet. Früher bestand die Wallfahrt vermutlich nur aus einem Ritt zur Leonhardisäule. Mit der Säkularisation kam diese Tradition zunächst zum Erliegen. 1881 ließen die Benediktbeurer den Umzug wieder aufleben. Seither wird – mit Ausnahme der Kriegsjahre 1941 bis 1944 – stets am Sonntag gefeiert, der dem 6. November am nächsten liegt. Nur selten musste die Leonhardifahrt abgesagt oder in reduzierter Form als reiner Ritt abgehalten werden: 1989 wegen der Pferdegrippe, 1995 aufgrund starker Schneefälle, 2020 und 2021 infolge der Corona-Pandemie sowie 2023 wegen der Schäden durch das Hagelunwetter.