Der Mount Everest wird Jahr um Jahr immer höher. Studien zeigen, wie ein Fluss den höchsten Berg der Welt um zwei Millimeter pro Jahr hochtreibt.
München – In den eisigen Höhen des Himalaya spielt sich ein geologisches Drama ab, das Wissenschaftler erst jetzt zu verstehen beginnen. Der Mount Everest, mit 8.849 Metern der höchste Berg der Welt, wächst weiter – und das schneller als bisher gedacht. Zwei bahnbrechende Studien aus dem Jahr 2024 enthüllen die überraschenden Geheimnisse hinter der Entstehung und dem anhaltenden Wachstum dieses majestätischen Giganten.
Die erste Studie, veröffentlicht im Journal of the Geological Society, revolutioniert unser Verständnis der geologischen Entstehung des Mount Everest. Forscher um Mike Searle haben entdeckt, dass zwei flach einfallende Störungszonen das Everest-Massiv durchziehen: die obere Qomolangma-Störung und die untere Lhotse-Störung.
Internationales Forschungsteam veröffentlicht spektakuläre Entdeckung
Diese Strukturen entstanden durch einen als „Kanalfluss“ bezeichneten Prozess, bei dem teilweise geschmolzene Gesteinsmassen der mittleren Erdkruste während des Miozäns vor etwa 21 bis 15 Millionen Jahren nach Süden gepresst wurden. Das Everest-Massiv bildet den oberen Teil der Greater Himalayan Sequence, des metamorphen Rückgrats des Himalaya.
Noch spektakulärer ist die Entdeckung eines internationalen Forschungsteams, die bei Nature Geoscience veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass ein Fluss 75 Kilometer vom Mount Everest entfernt maßgeblich zu dessen aktuellem Höhenwachstum beiträgt. Vor etwa 89.000 Jahren ereignete sich ein dramatischer Vorgang: Der Arun-Fluss „kaperte“ das Wasser eines anderen Flusses und vereinigte sich mit dem Kosi-Flusssystem. Diese sogenannte „Flusspiraterie“ verstärkte die Erosionskraft des Kosi-Flusses erheblich und schuf eine tiefe Schlucht durch das Himalaya-Gebirge.
Mount Everest wächst um wenige Millimeter pro Jahr
Die verstärkte Erosion löste eine isostatische Reaktion aus – die Erdkruste federte regelrecht zurück, als das Gewicht der abgetragenen Gesteinsmassen wegfiel. „Die sich verändernde Höhe des Mount Everest verdeutlicht wirklich die dynamische Natur der Erdoberfläche“, erklärt Dr. Xu Han von der China University of Geosciences.
GPS-Messungen zeigen, dass der Mount Everest derzeit um etwa zwei Millimeter pro Jahr wächst – doppelt so schnell wie der langfristige Durchschnitt von einem Millimeter jährlich. In den vergangenen 89.000 Jahren hat die Flusspiraterie bereits 15 bis 50 Meter zur Höhe des Berges beigetragen, heißt es in der veröffentlichten Ausarbeitung. Andere Forscher hatten gezeigt, wieso das „Dach der Welt“ nicht einstürzt.
Erklärung für die Höhe des Mount Everest im Vergleich zu benachbarten Gipfeln
Dr. Jin-Gen Dai von der China University of Geosciences beschreibt die besondere Situation: „Ein interessantes Flusssystem existiert in der Everest-Region. Der Arun-Fluss fließt stromaufwärts nach Osten in großer Höhe mit einem flachen Tal. Dann wendet er sich abrupt nach Süden als Kosi-Fluss, verliert an Höhe und wird steiler.“
Diese ungewöhnliche Topographie erklärt teilweise, warum der Mount Everest etwa 250 Meter höher ist als die benachbarten Himalaya-Gipfel. Das Wachstum beschränkt sich nicht nur auf den Everest selbst – auch die Nachbarberge Lhotse und Makalu, der viert- und fünfthöchste Berg der Welt, werden von diesem Prozess erfasst. Obwohl die Berge im Himalaya als gefährlich gelten, reisen immer mehr Menschen dorthin. (Quellen: Journal of the Geological Society, Nature Geoscience) (rd)
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