Ein Forschungsteam entdeckt, warum der Mount Everest und die anderen Berge des Himalaya nicht in sich zusammenfallen und eine alte Theorie falsch ist.
Mailand – Im Himalaya befinden sich zahlreiche Berge, die mehr als achttausend Meter hoch sind – darunter der höchste Berg der Erde, der Mount Everest mit 8848 Metern Höhe. Dazu kommen noch unzählige „Siebentausender“ und „Sechstausender“ – der Himalaya wird auch das „Dach der Welt“ genannt. Doch wie schafft es eigentlich der Boden unter dem gewaltigen Gebirge, diese Massen zu halten? Seit mehr als hundert Jahren gibt es dazu eine Theorie des Schweizer Geologen Émile Argand: Demnach liegt die Erdkruste unter dem Himalaya und dem Hochland von Tibet quasi doppelt – und ist deshalb 70 bis 80 Kilometer dick. Das soll das gewaltige Gewicht des Gebirges halten, so die Theorie.
Entstanden sind das Gebirge und die darunter liegende Schicht der Theorie nach so: Der indische und der asiatische Kontinent kollidierten vor etwa 50 Millionen Jahren. Die indische tektonische Platte rutschte dabei under die eurasische Platte – eine stabile Unterlage für das mächtige Gebirge. Doch eine neue Studie im Fachjournal Tectonics zeigt, dass diese 100 Jahre alte Annahme womöglich falsch ist.
Warum stürzen die Berge im Himalaya nicht ein? Forschung zur „Unterlage“ des Gebirges
„Beobachtungs-, experimentelle und geodynamische Einschränkungen stehen im Widerspruch zu einer durchgehenden 70 bis 80 Kilometer dicken Kruste unter Tibet“, schreibt das Forschungsteam um Pietro Sternai (Universität Milano-Bicocca), den Hauptautor der Studie. Das hätten bereits zahlreiche Experimente gezeigt. Gegenüber LiveScience wird Sternai deutlicher: „Wenn man eine 70 Kilometer dicke Erdkruste hat, wird der unterste Teil duktil … er wird wie Joghurt – und auf Joghurt kann man keinen Berg bauen.“
Daher sei „die Entstehung und das Fortbestehen des höchsten und größten Gebirges der Erde während eines Großteils des Känozoikums rätselhaft“, steht in der Studie. Das Erdzeitalter des Känozoikums umfasst die letzten 66 Millionen Jahre. Ein anderes Forschungsteam stellte kürzlich fest, dass die tektonische Platte unter Tibet in zwei Teile zerbrechen könnte.
Die Forschenden um Sternai nutzten computergestützte Simulationen, um zu zeigen, was tatsächlich passiert sein muss: Die indische Kruste schob sich nicht über die asiatische Kruste, sondern unter die asiatische Lithosphäre – also unter den starren Teil des Erdmantels, der unter der asiatischen Kruste liegt. „In diesem Szenario sorgt die indische Kruste für Auftrieb und der asiatische Mantel für die Festigkeit, um die Topografie des Himalaya-Tibet-Gebirges anzuheben und zu stützen“, erklärt das Forschungsteam in der Studie.
Neue Theorie könnte nicht nur für den Himalaya anwendbar sein, sondern auch für die Alpen
Diese Entdeckung verändert das Verständnis der Gebirgsbildung grundlegend. Die Forschenden verglichen ihre Computersimulationen mit seismischen Daten und konnten zeigen, dass ihr Modell die verfügbaren Beobachtungen besser erklärt als bisherige Theorien. Die neue Erkenntnis hat weitreichende Bedeutung: Sie erklärt nicht nur, wie das „Dach der Welt“ entstehen und über das gesamte Känozoikum bestehen konnte, sondern deutet auch darauf hin, dass ähnliche Prozesse bei anderen großen Gebirgszügen wie den Alpen eine Rolle spielen könnten. (tab)