Fast 15.000 Menschen ermordet: Dieser Ort hat eine furchtbare Geschichte

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In der ehemaligen Landesheilanstalt befindet sich heute eine Gedenkstätte, die an die furchtbaren Verbrechen in der NS-Zeit erinnert.

Hadamar – Etwa 90 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main zeugt die ehemalige Landesheilanstalt – heute die Gedenkstätte Hadamar – vom düstersten Kapitel der deutschen Geschichte. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden an diesem Ort fast 15.000 Menschen systematisch ermordet.

Die Anstalt in Hadamar während der NS-Zeit

Hadamar Symbol für Euthanasie-Morde der Nazis
Blick in ein Krankenzimmer der Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar in Hessen (undatierte Archivaufnahme). Der mittelhessische Psychiatriestandort mit seiner Gedenkstätte ist international zu einem Symbol der Euthanasie-Verbrechen der Nazis geworden. Während der NS-Zeit wurden in der «Landesheil- und Pflegeanstalt» als «lebensunwert» geltende Behinderte und geistig Kranke mit Gas, überdosierten Medikamenten oder mangelhafter Ernährung systematisch umgebracht. Zwischen 1941 und 1945 starben so rund 15.000 Menschen. © picture-alliance/ dpa/dpaweb | DB

Die 1906 eröffnete Landesheilanstalt Hadamar war ursprünglich als psychiatrische Einrichtung konzipiert. Zuvor hatte sich dort eine „Corrigendenanstalt“ befunden, also ein Arbeitshaus. In der Landesheilanstalt waren bis zu 193 „geisteskranke“ Menschen untergebracht. Später lebten dort auch psychisch erkrankte Soldaten, dann „Psychopathinnen“, vor allem junge Frauen. Immer wieder prägte und verschlechterte ökonomische Not die Versorgung.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann eine verhängnisvolle Entwicklung. Die Anstalt wurde Teil des menschenverachtenden „Euthanasie“-Programms der Nazis, das die Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen zum Ziel hatte. Allein 1935 wurden mehr als 130 Patientinnen und Patienten in Hadamar zwangssterilisiert.

Der Begriff „Euthanasie“

„Euthanasie“ wird hier in Anführungszeichen gesetzt. Mit dem Begriff wird eigentlich die Tötung auf Verlangen beziehungsweise aktive Sterbehilfe bezeichnet. Im Dritten Reich allerdings, nach Debatten um „lebenswertes“ und „lebensunwertes“ Leben seit dem Ersten Weltkrieg, wird „Euthanasie“ zum verharmlosenden Begriff für die Ermordung von Menschen, die angeblich „lebensunwert“ sind. Ihre Tötung dient der nationalsozialistischen, menschenverachtenden und totalitären Ideologie zufolge der „Rassenhygiene“ und der Allgemeinheit und deren Wohlstand.

Hadamar wurde aber auch zu einer von sechs Gasmordanstalten im Deutschen Reich. Die Anstalt wurde dafür gezielt umgebaut, eine Gaskammer und Krematoriumsöfen wurden eingerichtet. Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“, benannt nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin, dem Sitz der Organisationszentrale, begann am 13. Januar 1941 die systematische Ermordung von Patienten. „Vom 13. Januar bis zum 24. August 1941 wurden in Hadamar 10.072 Menschen mit Kohlenmonoxidgas ermordet“, informiert die Gedenkstätte Hadamar. Die Opfer kamen aus psychiatrischen Anstalten, Altenheimen und Fürsorgeeinrichtungen.

„Dezentrale Euthanasie“ von 1942 bis 1945 im westhessischen Hadamar

Nach offizieller Beendigung der „Aktion T4“ im August 1941 gingen die Morde in Hadamar weiter. In der Phase der sogenannten „dezentralen Euthanasie“ von August 1942 bis März 1945 wurden mindestens weitere 4817 Menschen durch Medikamentenüberdosierungen und gezieltes Verhungernlassen getötet. Zu den Opfern zählten nun auch psychisch erkrankte Bombengeschädigte, ehemalige Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS, Zwangsarbeiter, Kinder und Jugendliche.

Ein Sektionsraum im Keller der Gedenkstätte Hadamar (2007)
Ein Sektionsraum im Keller der Gedenkstätte Hadamar. Die Opfer wurden von Heil- und Pflegeanstalten mit grauen Bussen nach Hadamar gebracht und dort noch am selben Tag umgebracht (Archivbild, 2007). © Thomas Frey/dpa

Ab 1943/44 wurden auch an Tuberkulose erkrankte Zwangsarbeiter und „jüdische Mischlingskinder“ in Hadamar ermordet. Das medizinische Personal entschied, wer sterben musste. Wer nach Hadamar kam, hatte geringe Chancen zu überleben. Die Gesamtzahl der in dieser Zeit in Hadamar ermordeten Menschen beläuft sich auf fast 15.000. Hinter dieser erschütternden Zahl stehen individuelle Schicksale. Die Gedenkstätte Hadamar bewahrt die Erinnerung an einige dieser Opfer.

Befreiung und juristische Aufarbeitung

Mit der Befreiung durch US-amerikanische Truppen am 26. März 1945 endete das Morden in Hadamar. In den folgenden Jahren fanden mehrere Gerichtsprozesse statt, in denen einige der Verantwortlichen für ihre Taten verurteilt wurden, teils zum Tode. Viele Verurteilte haben ihre Strafe nicht ganz abgesessen. Der Hadamar-Prozess von 1947 war einer der ersten „Euthanasie“-Prozesse.

Heute ist die ehemalige Landesheilanstalt Hadamar eine Gedenkstätte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und über die NS-„Euthanasie“-Verbrechen aufzuklären. Besucher können an Führungen teilnehmen, die Dauerausstellung besichtigen und den historischen Kellerbereich mit der ehemaligen Gaskammer und dem Krematoriumsraum sehen. Die Gedenkstätte ist von Montag bis Freitag geöffnet, Führungen werden nach Voranmeldung auch an Wochenenden angeboten. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung für Gruppen und Einzelpersonen ist erforderlich und kann über die Website der Gedenkstätte erfolgen.

2025 wurde in Bebra eine Gedenkstätte eingeweiht. Die Bronzetafel mit den 82 Namen erinnert an jüdische Opfer des Nationalsozialismus.