Die Steinzeit mit dem Tastsinn erleben: Blindenführung im Steinzeitdorf Pestenacker

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Bei der Blindenführung im Steinzeitdorf Pestenacker zeigte Nicole Vokrouhlik ( r.) unter anderem auf einem Tast-Modell, wo weitere Pfahlbaufundstellen der UNESCO-Welterbestätte sind. © Schelle

Um etwas Schönes zu erleben, muss man nicht aller Sinne mächtig sein. Das zeigt sich immer wieder in den inklusiven Veranstaltungen, die im Steinzeitdorf Pestenacker angeboten werden. Beim Sommerfest wurde erstmals eine Blindenführung durchs Dorf veranstaltet.

Pestenacker – Passend zum Sommerfest hat es an besagtem Sonntag knapp 30 Grad und Sonnenschein. Trotz Badewetter kommen viele Familien und Interessierte, um sich im Steinzeitdorf umzuschauen. Wobei man sich an diesem speziellen Tag nicht zwingend ‚umschauen‘ muss, um das Dorf zu erleben. Denn bei der Führung, die Steinzeitdorf-Leiterin und Archäologin Lejla Hasukic regelmäßig anbietet, gibt es diesmal ein Zuckerl: Nicole Vokrouhlik von der Koordinationsstelle Inklusion im Landsberger Landratsamt ist ebenfalls dabei und hat für die Besucher allerlei „Sachen zum Anfassen“ parat.

Blindenführung im Steinzeitdorf Pestenacker - Mit dem Tastmodell

Aber wie kann man mit haptischen Dingen eine geführte Tour durch ein Steinzeitdorf auch für Gehörlose greifbar machen? Das kommt eben ganz auf die Dinge an, die man auch greifen kann. So erklärt Hasukic zu Beginn der Führung, dass das Steinzeitdorf ein Teil des UNESCO Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ sei. Die Welterbestätte umfasse eine Auswahl von 111 Pfahlbaustationen in sechs Ländern um die Alpen: Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Schweiz und Slowenien. Passend dazu zieht Vokrouhlik ein Tastmodell aus ihrem Korb – eine Übersicht zu den Pfahlbaufundstellen. Darauf können die Besucher ertasten, wo die Fundstellen angesiedelt sind.

Blindenführung Steinzeitdorf Pestenacker
Die Blindenführung im Steinzeitdorf Pestenacker leitete Lejla Hasukic (r.). Sie nahm die Besucher mit in eine längst vergangene Zeit. © Leitenstorfer

Nur rund 500 Meter von Pestenacker entfernt liegt eine weitere Siedlung: die Feuchtbodensiedlung von Unfriedshausen, erklärt Lejla Hasukic. Als sie den interessierten Besuchern mit einer Armbewegung die Richtung der Siedlung weist, meldet sich Claudia Hippe zu Wort. „Können Sie links oder rechts sagen?“ Nur durch eine Handbewegung und ein „in diese Richtung“ könne ein Besucher mit Sehbehinderung natürlich nicht erkennen, um welche Richtung es sich handelt.

Im Herzen des Steinzeitdorfes angekommen erklärt die leitende Archäologin, aus was und wie die Häuser im Steinzeitdorf gebaut wurden. Mensch und Tier lebten in kleinen sogenannten Wohnstallhäusern zusammen. Die 20 bis 32 Quadratmeter großen Häuser wurden von Pfosten getragen und mit Schilf, Gras, Stroh und Schindeln bedeckt. Die Posten bestanden meist aus Eiche – und wieder rückt Vokrouhlik mit ihrem Korb an. Darin befindet sich jetzt eine Scheibe aus Eiche, die die Besucher anfassen können. Das selbe Spiel ein paar Meter weiter, wo Hasukic von Steinzeit-Jagd und -Tieren erzählt. Während die Siedler damals vor allem Rotwild, Wildpferde, Wildschweine und Braunbären jagten, hielten sie sich Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Hunde. Parallel zum Vortrag gibt es zwei Pappboxen mit einer Öffnung, durch die die Besucher Fell der Steinzeit-Tiere im Inneren erfühlen können. Übrigens: Im weitesten Sinne sind beim Sommerfest auch Steinzeit-Zeitzeugen zu Besuch. Hinter den Häusern tummeln sich einige Steinschafe und sind natürlich ein Highlight für die Kinder. „Die sind eventuell mit den Schafen von damals verwandt“, meint Hasukic.

Steinzeitdorf Pestenacker Blindenführung
Claudia Hippe vom Blinden- und Sehbehindertenbund und Behindertenbeauftragte Kaufering war auch bei der Führung im Steinzeitdorf dabei. © Leitenstorfer

Im Ausstellungsraum des Steinzeitdorfes angekommen erklärt Hasukic, welches Geschirr die Siedler damals benutzt und mit welchen Werkzeugen sie gejagt und gearbeitet haben. Während Gefäße und Schüsseln meist aus Keramik waren, wurden Waffen und Werkzeuge vor allem aus Stein hergestellt. Für schneidende Werkzeuge mit scharfen Kanten kam Feuerstein zum Einsatz. Passend zur Erklärung gibt es auch einen Geschirrsatz, Werkzeuge oder Messer zum Anfassen, was auch die Besucher ohne Sehbeeinträchtigung freut.

Mehr Angebote

Die inklusive Führung war mit zwei Sehbehinderten und einigen Gästen der Arche inklusiv eher mäßig besucht. Trotzdem sind Hasukic und Vokrouhlik zuversichtlich, dass sich das inklusive Angebot herumspricht. Die Blindenführung war nicht das erste inklusive Angebot vom Steinzeitdorf-Team. „Von Anfang an machen wir Führungen in leichter Sprache“, erklärt Hasukic. Im Rahmen der inklusiven Freiwilligentage, die unter anderem im Steinzeitdorf stattfinden, haben die Firma Hilti und die Arche Landsberg im April beispielsweise einen steinzeitlichen Lehmofen gebaut. In Zukunft würde das Steinzeitdorf-Team gerne mehr inklusive Angebote anbieten, wie Tafeln mit Blindenschrift oder einen Audioguide für die Besucher.

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