Brieftauben und Eishockey: Hans Schichtls große Leidenschaften

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„Die Rennpferde des kleinen Mannes“: Rund 60 Brieftauben sind im Dachgeschoss von Hans Schichtls Schreinerei zu Hause. © Arndt Pröhl

Hans Schichtl, einst Eishockey-Meister, widmet sich heute der Brieftaubenzucht. Dass sein Umfeld wenig Verständnis hat, stört ihn nicht.

Reichersbeuern - Es gab Zeiten, da war Brieftaubenzucht fast schon ein Volkssport. Doch das ist lange her, im Landkreis gibt es nur noch eine Handvoll Züchter. Einer davon ist Hans Schichtl, legendärer Eishockey-Verteidiger in der 1966er-Meistermannschaft des EC Bad Tölz. Der Reichersbeurer kann stundenlang über sein Hobby referieren und ist noch immer mit der gleichen Leidenschaft bei der Sache wie einst als kleiner Bub.

Im Taubenschlag von Hans Schichtl (Foto: Arndt Pröhl)
Wenn Wertungsflüge anstehen, bekommen die Tauben Code-Ring um den Fuß, auf dem die Vereinsnummer, der Jahrgang und die Nummer der Taube stehen. © Arndt Pröhl

Brieftaubenzucht gilt heutzutage als exotisches Hobby, auch in der eigenen Familie hält sich die Begeisterung in überschaubaren Grenzen, wie ein Anruf im Hause Schichtl zeigt. Auf die Frage, ob unter dieser Telefonnummer der Brieftaubenzüchter erreichbar sei, ist auf der anderen Seite der Leitung nur ein leises Stöhnen zu hören: „Ja, leider Gottes.“

1000 Euro für Taubenfutter

Beim Interviewtermin ein paar Tage später bestätigt Schichtl den Eindruck, dass er mit seiner Begeisterung ziemlich alleine dasteht. Seine Frau sei noch kein einziges Mal in seinem Taubenschlag gewesen, berichtet er schmunzelnd. Sein Hobby erfordert einiges an Toleranz. Alleine für das Taubenfutter gibt Schichtl jedes Jahr „so ungefähr einen Tausender“ aus. Hinzu kommen die Kosten für Impfungen, Präparate und Zusatzfutter – Hanf, Raps, geschälte Sonnenblumenkerne und Erdnüsse, damit die Vögel ein schönes Gefieder behalten. Was für die Begeisterung im Hause Schichtl ebenfalls nicht förderlich ist: Viele Urlaube sind wegen der Taubenzucht schon ausgefallen, weil gerade Wertungsflüge angestanden sind. Lakonisch sagt der 82-Jährige: „Wenn du die Tauben schon die ganze Woche fütterst, dann möchtest du auch sehen, wie sie zurückkommen.“

Nachbar schoss Schichtls Brieftauben ab

Schichtl ist es seit jeher gewohnt, dass seine Mitmenschen nicht allzu viel Verständnis für sein Hobby haben. Als er mit 12, 13 Jahren seine ersten Brieftauben erwarb, war der benachbarte Bauer alles andere als angetan – und schoss das Federvieh mit einem Luftgewehr ab. Schichtl beschwerte sich bei der Gemeinde und bekam heftigen Gegenwind zu spüren. Er musste seine Brieftauben anmelden, registrieren und nachweisen, dass er mit den Tieren keine Spionage betreibt. Immerhin: Nachdem dies geschehen war, machten nur noch Wanderfalke, Sperber und Habicht Jagd auf die Tauben, aber nicht mehr der Bauer.

Lorenz Funk senior weckt die Begeisterung

Dass Schichtl zur Brieftaubenzucht gekommen ist, liegt in erster Linie an Lorenz Funk, dem Vater des ehemaligen Rekord-Nationalspielers Lorenz Funk senior. Der „alte Funk“ war Wirt in Reichersbeuern, Inhaber einer Wach- und Schließgesellschaft und Konditionstrainer beim SC Reichersbeuern. „Das war ein Unikum, ein Rübezahl“, erinnert sich Schichtl. „Bei ihm haben wir Liegestützen gemacht, bis wir nur noch daliegen konnten – aber wir wollten es so.“ Funk habe die Briefzucht im Ort angekurbelt, begleitete die Jugendlichen auf dem Moped zu den Startplätzen nach Warngau und Lenggries. So schaffte er es, dass viele Eishockeyspieler sich für die Zucht begeisterten. Wer im Dorf etwas gelten wollte, musste sich Brieftauben erwerben.

Schwindeln ist nicht möglich

Der Ablauf eines Flugtages ist bis heute ähnlich geblieben, auch wenn nun deutlich mehr Technik im Einsatz ist. Die Tauben bekommen einen Code-Ring um den Fuß, auf dem die Vereinsnummer, der Jahrgang und die Nummer der Taube stehen. Jedes Wochenende gibt es einen Wertungsflug. Schichtl packt dann seine Tauben in Körbe. Dann schickt die Reisevereinigung Loisachtal einen Lastwagen los, der von Züchter zu Züchter fährt und die Tiere abholt. Zu bestimmten Zeiten werden die Brieftauben an mehr oder weniger weit entfernten Orten in die Freiheit entlassen.

„Rennpferde des kleinen Mannes“

Sie fliegen dann – je nach Witterung und Windrichtung – mit einer Geschwindigkeit von 60 bis 100 Kilometern pro Stunde zurück zu ihrem Taubenhaus. In der Luke befindet sich eine Antenne, die die Flugzeit elektronisch misst. „Schwindeln ist also nicht möglich“, sagt Schichtl. Der Regionalverband kümmert sich um die Auswertung, die schnellsten Tauben werden ausgezeichnet. „Man schaut, wann die Tiere ankommen: Wer wird Erster? Wer wird Zweiter? Wer wird Dritter? Das ist das Spannendste an dem Ganzen“, sagt Schichtl. „Es ist wie bei Rennpferden. Nicht umsonst heißen Brieftauben ja auch die Rennpferde des kleinen Mannes.“

Von 1962 bis 1977 verteidigte Hans Schichtl beim Eisclub und gewann 1966 die Deutsche Meisterschaft.
Von 1962 bis 1977 spielte Hans Schichtl beim EC Bad Tölz © Archiv

Mittlerweile gebe es in seinem Verein nur noch drei aktive Züchter. „Wir sind eine aussterbende Art. Die Jungen schauen auf ihr Handy, wir schauen lieber in die Luft.“ Ans Aufhören denkt Schichtl nicht. Er wolle zwar seinen Bestand reduzieren. „Aber dann kommen wieder ein paar schöne Junge nach – und ich lass’ sie doch wieder fliegen.“