Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören weltweit zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen. Ein entscheidender Risikofaktor bleibt das LDL-Cholesterin – je niedriger, desto besser. Seit Jahren gilt: Viele Patientinnen und Patienten erreichen ihre LDL-Zielwerte trotz Statinen, Lebensstiländerungen oder Kombinationstherapien nicht. Und viele vertragen die Therapie nicht ausreichend oder benötigen stärkere Senkungen.
Genau in diese Versorgungslücke fällt jetzt eine Entwicklung, die im November 2025 bei einem Treffen der American Heart Association (AHA) für große Aufmerksamkeit gesorgt hat: ein PCSK9-Blocker als tägliche Tablette.
Cholesterin-Pille erhält "Staubsauger" für schlechte Blutfette
PCSK9 ist ein Eiweiß, das vor allem in der Leber entsteht. Seine wichtigste Aufgabe: Es entscheidet mit darüber, wie viele LDL-Rezeptoren der Leber zur Verfügung stehen. Und diese Rezeptoren funktionieren wie kleine "Staubsauger" für LDL-Cholesterin im Blut. Wenn PCSK9 aktiv wird, blockiert es diese Staubsauger und sorgt dafür, dass sie abgebaut werden. Das bedeutet: Die Leber kann weniger LDL aus dem Blut holen – der Cholesterinspiegel steigt.
PCSK9-Blocker setzen genau an diesem Punkt an. Sie schalten das Eiweiß aus, bevor es die Rezeptoren blockieren kann. Dadurch bleiben mehr dieser LDL-Staubsauger erhalten – und die Leber kann sehr viel mehr Cholesterin aus dem Blut entfernen. Das führt zu einer starken Senkung des LDL-Werts, oft um 50 bis 60 Prozent – mit einer Wirkung, die über Statine hinausgeht. Statine hemmen die körpereigene Cholesterinproduktion, während PCSK9-Blocker direkt den Abbau von LDL-Rezeptoren verhindern. Beide Therapien ergänzen sich, aber PCSK9-Blocker sind in ihrer LDL-Senkung deutlich stärker.
PCSK9-Blocker gab es bisher nur als Spritze
Bisher hatten diese Medikamente jedoch einen Nachteil: Sie mussten (unter die Haut) gespritzt werden. Für viele Menschen ist das eine Hürde – sei es wegen Kosten, Nebenwirkungsangst oder einfach dem Gefühl, sich regelmäßig eine Injektion verabreichen zu müssen. Genau deshalb ist die Idee einer wirksamen PCSK9-Therapie als Tablette so relevant.
Dr. med. Nana-Yaw Bimpong-Buta, Kardiologe und Bestsellerautor, vermittelt als „Herzensdoc Nana“ in einfachen Worten präventive Herzmedizin und gibt lebensnahe, medizinisch fundierte Tipps für ein gesundes Herz. Er ist Teil unseres Experts Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
Eine Pille lässt sich leichter in den Alltag integrieren, sie senkt Barrieren und kann die Therapietreue verbessern. Hersteller MSD (in den USA als Merck bekannt) spricht davon, die Therapie "zu demokratisieren". Das meint genau diesen Punkt: ein wirksames Medikament breiter zugänglich zu machen, damit es einfacher einzunehmen ist und langfristig Kosten reduzieren kann.
In der jetzt präsentierten Phase-3-Studie mit knapp 3000 Teilnehmenden zeigte eine Tablette ("Enlicitide"“) eine LDL-Senkung von bis zu 60 Prozent innerhalb von 24 Wochen – und das mit einem Sicherheitsprofil, das sich kaum vom Placebo unterschied. Bemerkenswert ist, dass fast alle Studienteilnehmenden bereits Statine erhielten und dennoch weit von ihren Zielwerten entfernt waren. Genau diese Gruppe könnte besonders profitieren.
Kardiologe: Die Alltagstauglichkeit entscheidet über Erfolg
Die Fachwelt reagierte entsprechend: "I see this as the future", sagte ein Experte der "New York Times". Ein anderer bezeichnete die Aussicht auf eine erschwingliche Tagespille mit der gleichen Wirkung wie gespritzte Medikamente als "potenziellen Game Changer".
Ist das wirklich so? Aus kardiologischer Sicht: ja, es hat das Potenzial dazu. Nicht, weil der Mechanismus neu wäre – PCSK9-Blockade kennen wir seit Jahren – sondern, weil die Alltagstauglichkeit über Erfolg und Misserfolg entscheidet.
Fakt ist: Eine Therapie wirkt nur, wenn sie dauerhaft korrekt angewendet wird. Eine Tablette, die dieselbe Wirkung wie eine Spritze hat, senkt die Hürde enorm. Das könnte Millionen Menschen helfen, ihre LDL-Werte überhaupt erst in einen sicheren Bereich zu bringen. Andererseits sind wir, als betreuende Ärzte, natürlich gefordert, die Wirkung und Sicherheit dieser Tablette genau zu erläutern, gerade um dann die gewünschte Therapietreue zu erreichen.
Buchtipp
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Bildquelle: Pinguin Random House
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Vorläufige Ergebnisse sind ein wichtiger Schritt in der Herzmedizin
Wichtig ist, diese neuen Ergebnisse korrekt einzuordnen. Denn die präsentierten Daten sind vorläufig und stammen aus einer Kongressvorstellung, noch ohne vollständige Publikation. Zudem fehlt der wichtigste Nachweis: ob Enlicitide nicht nur das LDL senkt, sondern auch langfristig Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Tode sicher und effektiv reduziert.
Genau diese Frage untersucht die große CORALreef-Outcomes-Studie, deren Ergebnisse noch ausstehen. Bis wir diese Daten haben, bleibt es eine sehr vielversprechende, aber eben vorläufige Innovation. Auch der Einsatz im Praxisalltag ist noch nicht unmittelbar greifbar. MSD plant eine Zulassung bei der US-amerikanischen Behörde FDA im Frühjahr 2026 – realistisch wäre ein Einsatz in den USA frühestens Ende 2026 oder 2027.
Trotz dieser Einschränkungen ist eines klar: Wenn sich der Effekt bestätigt, könnte dies die Prävention von kardiovaskulären Ereignissen auf ein neues Niveau heben. Eine wirksame Tablette, die das LDL massiv senkt, einfach einzunehmen ist und gut verträglich bleibt, wäre ein wichtiger Schritt in der zukunftsnahen Herzmedizin. Für viele Betroffene, die ihre Zielwerte trotz bester Therapie nicht erreichen, könnte genau das der Unterschied sein, der Leben rettet.