Söder will die Deutschen länger arbeiten lassen und Karenztage einführen. Auch Telefon-Krankschreibungen sind ihm ein Dorn im Auge.
München – Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fordert eine fundamentale Wende in der deutschen Arbeitskultur. Der CSU-Chef will die Deutschen zu mehr Arbeit und weniger Krankfeiern bewegen, um die sozialen Sicherungssysteme vor dem Kollaps zu bewahren.
„Wenn wir immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen haben, kann man das nur ausgleichen, indem Deutschland länger arbeitet. Und zwar generell in der Lebenszeit“, erklärte Söder im Bild-Interview. Optimistisch zeigt sich der 58-Jährige dabei mit Blick auf die Leistungsfähigkeit der Deutschen: „Sind wir ehrlich: Die Deutschen sind auch fit wie nie in ihrer Geschichte.“ Diese körperliche Fitness sieht er als Grundlage für längere Arbeitszeiten. Belege dafür nannte Söder nicht.
Söder: Strukturreformen für mehr Wochenarbeitszeit – Vorbild Schweiz
Söders Reformansatz geht weit über das Renteneintrittsalter hinaus. „Das Kernziel muss sein, Strukturen zu finden sowie Gesetze anzupassen, damit wir wieder länger arbeiten. Das gilt in der Woche, das gilt im Jahr“, konkretisiert er seine Pläne. Auch gegen das Homeoffice wetterte Söder jüngst.
Als internationales Vorbild verweist der bayerische Ministerpräsident auf die Schweiz: „Schweizer arbeiten zum Beispiel viel länger.“ Konkrete Zahlen nannte Söder nicht. Tatsächlich liegt Deutschland laut Statistischem Bundesamt mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 34,3 Stunden deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.
Söder will Lebensarbeitszeitkonten als Flexibilisierungsinstrument
Clevere Lösungen sieht Söder in Lebensarbeitszeitkonten: „Man muss nicht ein ganzes Leben länger arbeiten, wenn man in der Woche länger arbeitet.“ Diese könnten es Beschäftigten ermöglichen, durch längere Wochenarbeitszeit das Renteneintrittsalter zu stabilisieren. Besonders kritisch sieht Söder die deutsche Krankenstandspraxis. „Wir sind zu oft und zu schnell krankgeschrieben in Deutschland“, moniert er und fordert konkrete Gegenmaßnahmen.
Seine Lösung: „Deswegen wäre es wichtig, dass wir im Gesundheitssystem darüber nachdenken, Karenztage wieder einzuführen, also dass die Lohnfortzahlung erst später stattfindet, und dass die Krankschreibepflicht früher stattfinden muss, also zum Beispiel ab dem dritten Tag.“
CSU-Chef Söder fordert Abschaffung der telefonischen Krankschreibung
Scharf kritisiert Söder die 2023 eingeführte telefonische Krankschreibung für fünf Tage. Seine Forderung: „dass man die telefonische Diagnose absagt. Vielleicht kann das Dr. House, aber sonst kann das keiner.“ Diese Anspielung auf die US-amerikanische TV-Ärzteserie unterstreicht seine Skepsis gegenüber Ferndiagnosen.
Als Lösung schlägt Söder Teil-Krankschreibungen vor: „In Skandinavien gibt es die Teil-Krankschreibung. Das heißt, bei leichten Beschwerden nicht den ganzen Tag krankbleiben, sondern nur den halben Tag.“ Dieses System könnte sowohl Arbeitgebern als auch dem Gesundheitssystem helfen. Gleichzeitig betont er den Schutz wirklich Kranker: „Denn wer wirklich krank ist, der muss auch weiter beste medizinische Versorgung haben.“
Reiche fordert zusätzlich Kündigungsschutz-Reform
Während Söder auf systemstabilisierende Maßnahmen setzt, konzentriert sich Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf den Kündigungsschutz für Besserverdiener. Auch sie sagt aber: „Wir müssen in Deutschland insgesamt mehr arbeiten“, und schlägt zusätzlich „einen flexibleren Kündigungsschutz“ vor.
Der politische Handlungsdruck ist erheblich. Die Rentenkommission der Bundesregierung hat im Dezember 2025 ihre Arbeit aufgenommen und soll Reformvorschläge für die immer teurer werdende Altersversorgung vorlegen. Der bevorstehende Renteneintritt der geburtenstarken Babyboomer-Generation verschärft die Finanzierungsprobleme zusätzlich.
Fehltage durch Burnout steigen – Söders Ansatz falsch?
Wissenschaftliche Studien sprechen eine deutliche Sprache gegen Söders und Reiches Forderungen nach längeren Arbeitszeiten. Eine WHO/ILO-Studie zeigt laut Transforming Economies negative gesundheitliche Auswirkungen von zu langer Arbeitszeit auf.
Bereits heute zeigen sich alarmierende Trends. Der aktuelle DAK-Psychreport 2024 zeigt, dass psychisch bedingte Fehltage einen neuen Höchststand erreichten – im Zehnjahresvergleich stiegen sie um 52 Prozent auf 323 Arbeitsunfähigkeits-Tage je 100 Versicherte. (Quellen: Bild, dpa, Statistisches Bundesamt, Transforming Economies, DAK) (cgsc)