Da hatte sich Papst Johannes XXII. aber gründlich getäuscht. Der Pontifex belegte am 13. März 1324 König Ludwig IV. mit dem Beinamen ‚Bavarius‘ – und meinte das als Schimpfwort. Beide Männer waren sich in ihren Machtansprüchen nicht grün. Das Ergebnis ihrer jahrelangen Fehde: Kloster Ettal.
Ettal – Kirchenfürst und Monarch enthoben sich wechselseitig ihrer Ämter. Sie beschimpften sich als Ketzer. Exkommunizierten sich gegenseitig und belegten sich mit Kirchenbann.
1328 ritt Ludwig nach Rom. Er wollte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches werden. Der Papst jedoch sagte: Nein! Also drückte eine Delegation des römischen Volks dem Wittelsbacher die Kaiserkrone aufs Haupt. Des Kaisers Pech: Für die Heimreise fehlte ihm das Geld.
Jetzt beginnt eine Legende, die ein Mönch 1388 niederschrieb. So soll ein grauer Einsiedler dem Kaiser einen Batzen Geld versprochen haben, wenn er im heimischen Ammertal ein Kloster gründet. Ludwig muss etwas missverstanden haben, denn der unheimliche Pater hatte gar kein Geld, sondern gab dem Kaiser eine Marien-Statuette. Ludwig erreichte das Ammertal. Doch was passierte? Inmitten des unwegsamen Gebirges stolperte sein Ross dreimal; in der Sage heißt es, das Pferd kniete nieder.
Dabei rutschte die kleine Marienfigur aus der Satteltasche. Ludwig erinnerte sich an sein Gelübde und stiftete das Kloster Ettal – in der das marmorne Püppchen als Gnadenbild verehrt werden soll. Das war am 28. April 1330.
Der Münchener Historiker Manfred Heim sieht die Geschichte wissenschaftlich nüchterner. Tatsächlich erhielt der mittellose Kaiser in Rom von einem Azzo von Visconti 25.000 Goldgulden – ein beachtlicher Betrag. Das Geld reichte nicht nur für die Heimreise sondern auch für die Stiftung des Klosters Ettal.
Kloster als Symbol der weltlichen Macht
Die ‚Ettaler Madonna‘ stammt aus dem 14. Jahrhundert. Sie wurde wohl in der Gegend um Pisa aus Marmor gehauen. Die Klostergründung folgte keiner göttlichen Fügung, sondern dem politischen Kalkül des Kaisers. Wir erinnern uns: Kaiser Ludwig hatte Zoff mit Papst Johannes XXII. Auf der nördlichen Seite des Ammertals begann das Herzogtum Bayern, auf der anderen Seite die Grafschaft Werdenfels. Werdenfels gehörte zum Hochstift Freising. Dort residierte Fürstbischof Konrad von Klingenberg. Der war ein strammer Gefolgsmann des Papstes. Der Kaiser baute das Kloster also direkt an die Grenze von Bayern und der Grafschaft Werdenfels. Er knallte damit dem verhassten Kirchenoberhaupt ein gewaltiges Zeichen seiner Macht vor die Nase.
Sandstein aus Echelsbach
40 Jahre später gab es die Streithanseln nicht mehr. Zur Weihe der Klosterkirche reiste an einem Samstag, dem 5. Mai 1370, der Fürstbischof von Freising, Paul von Jägerndorf an. Aus München kam Herzog Stephan mit Familie. In der Chronik heißt es: „Die übrige Volksmenge von beiderlei Geschlecht, jung und alt, hohen und niederen Standes ist fast unzählbar gewesen .“
Über dieses gotische Gotteshaus ist nicht viel bekannt. Ihr Anblick muss überwältigend gewesen sein. Die Sandsteinblöcke kamen per Ochsenkarren aus einem Steinbruch bei der heutigen Echelsbacher Brücke. Den Mittelpunkt bildete ein Altar mit dem Marien-Gnadenbild.
Die Wallfahrten im 15. und frühen 16. Jahrhundert nahmen von Jahr zu Jahr zu. Die Gläubigen brachten also viel Geld – hauptsächlich für die Ausstattung des Klosters.
Im Jahr 1552 verwüsteten Truppen des Sächsischen Herzogs Moritz die Abtei. Beim Wiederaufbau investierten die Mönche in silberne Kerzenständer und in eine Monstranz aus Gold, Silber und Edelsteinen. Kurfürstin Anna-Maria stiftete einen neuen Altar für das Gnadenbild.
Die verschwundene Madonna
Aus sieben Jahrhunderten Klostergeschichte ließe sich noch vieles erzählen. Zum Abschluss ein Sprung in das Krisenjahr 1744, wie es Frater Basilius einmal nannte. In der Chronik steht zu lesen: Die Mönche saßen am Montag, 29. Juni, – Peter und Paul – beim Abendessen. Da stürmte ein Diener in das Refektorium. Es brennt! Die Flammen schlagen bereits beim Dach hinaus! Rasend schnell breitete sich das Feuer aus. Der Chorsaal wurde vernichtet, die Sakristei mit allen Paramenten und dem silbernen Messgeschirr.
In der Bibliothek verbrannten 30.000 Bücher und Schriftstücke. Die Wohnung des Abtes, die Kirche und der Klausurbereich wurden ein Raub der Flammen. Unter Lebensgefahr retteten die Patres, was noch zu retten war: Das Allerheiligste und die großen Reliquienschreine. Abt Benedikt Pacher trug das Gnadenbild aus dem brennenden Gebäude.
Am 18. März 1991 war die Muttergottes mit dem Jesuskind verschwunden. Mit vier Briefen forderte der Dieb Lösegeld. Die Spur führte über Saudi-Arabien nach England, wo der Täter verhaftet wurde. Die Madonna hatte das Ammertal nie verlassen. Sicher verpackt und vergraben lag sie in Oberammergau.
Endlich, am 27. August 1991, brachte der damalige Ministerpräsident Max Streibl das Gnadenbild zurück ins Kloster Ettal, an seinen angestammten Platz.