Die Almen sind ein grenzenlos wertvoller Lebensraum, den es zu erhalten gilt. Das Euregio-Projekt macht die Bedeutung der Almwirtschaft deutlich.
Lenggries/Fall – Das von den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach gemeinsam mit dem Bezirk Schwaz initiierte, grenzüberschreitende Euregio-Projekt „AlmenREICH grenzenlos“ hat sich der Förderung und dem Erhalt der Artenvielfalt auf den Almen im heutzutage offenen bayerisch-tirolerischen Grenzgebiet des Karwendels verschrieben. Gleichzeitig möchte man das Verständnis und die Wertschätzung der Bevölkerung für die Bergbauern wecken, die mit ihrer Arbeit seit Jahrhunderten die artenreiche Kulturlandschaft der Almen überhaupt erst geschaffen und erhalten haben.
Bei einer mehrstündigen Rundwanderung über die Lerchkogel-Alm (Niederleger und Hochleger) und Ludern-Alm erläuterten Vertreter der Forstverwaltung, Unteren Naturschutzbehörde und des Almwirtschaftlichen Vereins sowie der in Innsbruck angesiedelten Geschäftsstelle des Alpenparks Karwendel den 40 Teilnehmern den hohen Wert der bäuerlichen Kulturlandschaft für die biologische Vielfalt im alpinen Raum. Als Fachreferentin für die Exkursion zur Vertiefung des interdisziplinären Gedankenaustausches hatte man die aus Kärnten angereiste renommierte Botanikerin und Almpflege-Fachberaterin Susanne Aigner gewonnen.
Das weitläufige Almgebiet im Vorkarwendel südlich von Fall in Höhenlagen zwischen 1.200 und 1.800 Metern wird von acht Bergbauern aus Gaißach und Lenggries (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) gemeinschaftlich bewirtschaftet. Auf 270 Hektar Lichtweide grasen dort von Juni bis Ende September rund 300 Rinder und 20 Pferde in größtmöglicher Freiheit. Über das Gebiet der 1493 erstmalig urkundlich erwähnten Almen verteilen sich 15 teils denkmalgeschützte Hütten für die Almleute und Unterstände für das Vieh. Je nach Jahreszeit, Witterung und Fortschritt der Vegetation folgen die Tiere quer durch die Höhenzonen immer dem jeweils besten Futterangebot.
Artenarmer Wald, Vielfalt auf der Alm
Susanne Aigner machte deutlich, dass dieser Bereich des Vorkarwendels südlich von Fall ein Musterbeispiel für Biodiversität ist. Während der Bergwald als Urform der Vegetation in diesen mittleren Höhenlagen „ein Lebensraum-Typ mit begrenzter Artenvielfalt“ sei, entstünde in den vom Menschen gerodeten Almflächen eine Vielzahl unterschiedlicher Bodenstrukturen: basenreiche Kalkmagerrasen, humusreichere Flächen, Kalkniedermoore und Randzonen zum Wald. Dort wachsen unzählige Arten sehr wertvoller Blumen, Gräser, Kräuter und Moose. Nicht nur Rinder profitieren vom kleinräumigen Nebeneinander, sondern auch zigtausende Kleinlebewesen, denen die Alm „wie auf einem Mosaik“ den optimalen Lebensraum biete.
Ohne die Almwirtschaft würden diese besonderen Lebensräume wieder verloren gehen, erklärte Susanne Aigner. „Seid stolz darauf“, rief sie den Almbauern zu und zog ein bemerkenswertes Fazit: „Über jeder naturschutzfachlichen Maßnahme müssen immer die Weiterbewirtschaftung und der Fortbestand dieser Almen stehen.“
Almbauer Kaspar Schmidtner (Almhütte Eberwein) beschrieb die Besonderheiten des stellenweise moorigen Lerchkogel-Hochlegers. Georg Mair (Almhütte Schömer) stellte die naturschutzfachlich wertvolle, weil „steinreiche“ Ludern-Alm vor, die in einem Karstgebiet mit den dafür so charakteristischen Kalkplatten liegt. Über einen aus der Zeit der Wittelsbacher stammenden Reitsteig ist von hier aus auch die Weide auf dem Gipfelplateau des 1.766 Meter hohen Kotzen zu erreichen.
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Gemeinsam mit Susanne Aigner begründete Mair auch die Notwendigkeit des „Schwendens“, bei dem Weideflächen in mühsamer Arbeit und in Abstimmung mit dem Naturschutz regelmäßig von nachdrängenden Latschen und Sträuchern sowie einzelnen Bäumen freigeschnitten werden. Manch unbedarfter Wanderer würde diese Aktionen „leider völlig missverstehen und für einen Naturfrevel halten“.
Franz Steger von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt und Forstbetriebsleiter Robert Krebs betonten gegenüber der Almwirtschaft ihre Solidarität und Bereitschaft zur guten Zusammenarbeit. Gemeinsam könne man die Herausforderungen bei Wald und Weide meistern. Die Tölzer Gebietsbetreuer Margret Hütt und Jakob Braun sowie ihre Innsbrucker Kollegin Marina Hausberger vom Alpenpark Karwendel zeigten sich erfreut über das harmonische Miteinander und die gute Resonanz dieses grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausches. Der sollte auch dazu beitragen, dass die vielen Almfreunde und Exkursionsteilnehmer das Verständnis für die Almwirtschaft weiter unters Volk bringen.
Woher hat der Kotzen seinen Namen?
Viele Bergfreunde haben schon gerätselt, wie der 1.766 Meter hohe Kotzen zu seinem scheinbar anrüchigen Namen gekommen ist. Diese Frage kam auch bei der Exkursion auf die Lerchkogel- und Ludern-Alm auf. Der Name Kotzen hat nichts mit Übelkeit und einer entsprechenden Abwertung dieses Berges zu tun. Er kommt vielmehr aus dem Slawischen von „Cossa“, was dort für Ziegen, aber auch für Sensen steht. Und beides hat mit Beweidung zu tun.
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