Hindenburg, Leybold, Thoma: Belastete Straßennamen in Landsberg umbenennen?

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Belastete Straßennamen: Ludwig Thoma war ab 1948 OB in Landsberg. Als Landrat von Schongau war er in der NS-Zeit auch für Überstellungen in Konzentrationslager zuständig. © Greiner

Wie umgehen mit belasteten Straßennamen in der Lechstadt? Welche sind das überhaupt, und warum? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung im Festsaal des historischen Rathauses.

Landsberg – Auf dem Podium begrüßten OBin Doris Baumgartl und Stadtheimatpfleger Stefan Paulus fünf renommierte Historiker: Peter Fleischmann von der Universität Erlangen-Nürnberg, Annette Eberle von der Katholischen Stiftungshochschule München, Wolfram Pyta und Günther Kronenbitter von der Universität Augsburg sowie Jens-Christian Wagner, Direktor der KZ-Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau Dora und Historiker an der Universität Jena. Wagner, Fleischmann und Paulus gehören der Expertenkommission an, die im Auftrag des Stadtrats Straßennamen im Hinblick auf das Wirken der Namensgeber während der NS-Zeit untersucht.

Belastete Straßennamen in Landsberg - Oberbürgermeister und Landrat Ludwig Thoma

Fleischmann, Eberle und Pyta referierten jeweils über drei relevante Personen: Otto Leybold, Paul von Hindenburg und Ludwig Thoma (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, ebenfalls belasteten Schriftsteller). Der Landsberger Thoma war während der NS-Zeit Landrat von Schongau und partiell stellvertretender Landrat des Kreises Landsberg. In dieser Position war er für Einweisungen in sogenannte Heil- und Pflegeanstalten sowie für Überstellungen in Konzentrationslager zuständig, wie Annette Eberle berichtete. Damit war er für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich.

1947 wurde er jedoch in einem Spruchkammerverfahren als „minderbelastet“ eingestuft, in der Berufungsinstanz 1948 sogar als „entlastet“. Im selben Jahr wurde er Oberbürgermeister von Landsberg, ein Amt, das er zehn Jahre lang bekleidete. Die Oberbürgermeister-Thoma-Straße im Osten der Stadt erinnert daran.

Landsberger Gefängsnisdirektor Otto von Leybold gewährte Hitler in seiner Haftzeit Freiheiten

Otto Leybold war in Landsberg Gefängnisdirektor, während Adolf Hitler dort seine Festungshaft verbüßte. Leybold gewährte seinem prominenten Häftling entgegen der Vorschriften zahlreiche Freiheiten, darunter Gespräche mit Besuchern ohne Anwesenheit einer Aufsicht, wie Hitler-Experte Fleischmann erklärte. Leybolds positive Stellungnahme trug wesentlich zur frühzeitigen Haftentlassung Hitlers bei. Die Otto-Leybold-Straße liegt in der Nähe der JVA.

Wolfram Pyta präsentierte neuere Forschungen zu Paul von Hindenburg, Namenspate des Hindenburgrings. Pyta hob vor allem dessen interne Absprachen mit Hitler hervor, die zur Machterlangung des Diktators maßgeblich beigetragen hatten – ein Beispiel für nach außen legitimierte demokratische Prozesse, die durch interne Vereinbarungen unterlaufen wurden.

Bürgerbeteiligung für die Landsberger Straßen mit belasteten Namen ist vorgeschrieben

Die Expertenkommission empfiehlt in allen drei Fällen eine Umbenennung. Wie Jens-Christian Wagner betonte, sollten diese unbedingt mit entsprechenden Kontextualisierungen einhergehen, sprich, mit einer öffentlichen Erklärung, warum die Umbenennung erfolgt. Das letzte Wort in der Sache hat der Stadtrat.

Zuvor wird es noch eine gesetzlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung in Form einer öffentlichen Auslegung geben. Wie die Stadt in einer Pressemitteilung ankündigt, sollen die einzelnen Gutachten der Historiker zeitnah auf der Homepage www.landsberg.de abrufbar sein.

Unterdessen setzt die Expertenkommission ihre Arbeit fort – sie untersucht noch weitere Straßennamen. Welche das sind, bleibt vorläufig nichtöffentlich, wie Stadtheimatpfleger Paulus auf Anfrage des Kreisboten mitteilt. Wenn die Ergebnisse feststehen, werde die Öffentlichkeit informiert.

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