Viele Krankschreibungen entstehen in den ersten Krankheitstagen. Nun schlägt KBV‑Chef Andreas Gassen eine neue Linie vor, die das System entlasten soll.
Mit einer Erkältung bleibt man oft nur wenige Tage zu Hause und benötigt keine ärztliche Hilfe. Doch für viele Arbeitgeber zählt schon der erste Tag. Ein ärztliches Attest wird dann zur kleinen Hürde im Alltag. Genau diese Routine steht nun erneut im Licht der Debatte. Die Frage, wie viel Kontrolle nötig ist und wie viel Vertrauen möglich bleibt, wird lauter. Und inmitten dieser Diskussion meldet sich der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen, mit deutlichen Worten.
Laut dem Deutschen Ärzteblatt plädiert Gassen dafür, Atteste erst ab dem vierten Krankheitstag zu verlangen. Er betonte, dass die ersten drei Tage ohne Arztbesuch auskommen sollten. So könnten 27 Millionen kurze Arztkontakte entfallen. Er sprach sich auch dafür aus, telefonische, digitale und persönliche Atteste in diesem Zeitraum abzuschaffen, doch das aus einem ganz anderen Grund.
Neue Linie bei Krankschreibung: Kann man am Telefon erkennen, ob ein Patient krank ist?
Gassen verwies gegenüber dem Tagesspiegel darauf, dass die Telefon‑AU (Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung) „zum Missbrauch einlade“. Er erklärte, dass am Telefon niemand sicher einschätzen könne, wie krank jemand sei. Er sagte, dass auch die persönliche Beurteilung oft schwer falle. Gassen unterstützte die Sicht von Friedrich Merz, der die wachsenden Krankenstände in Deutschland kritisiert hatte.
Die KBV betonte in einer Pressemitteilung, dass eine selbst verantwortete Karenzzeit von drei Tagen Praxen entlasten würde. Gassen erklärte, dass eine AU ab dem vierten Tag wieder mehr Gewicht hätte. Er sagte, dass eine solche Bescheinigung dann ein echtes ärztliches Attest sei. Zudem könne dies unseriösen Angeboten wie der digitalen Online‑AU per Klick entgegenwirken. Gassen hielt es laut Deutschem Ärzteblatt für nachvollziehbar, dass Hausärzte an der Telefon‑AU festhalten wollen. Er verwies besonders auf Kinderkrankentage, da Eltern oft ein Attest benötigen, obwohl das Kind zu Hause betreut werde: „Bei den sogenannten Kinderkrankentagen ist es oft völlig absurd.“
Kein ärztliches Attest in den ersten drei Tagen wäre kein Freifahrtschein für Blaumacher.
Gassen sprach im Tagesspiegel von organisatorischen Vorteilen. Die Regelung würde Praxen entlasten und Bürokratie abbauen, ohne eine Zunahme von Betrug zu befürchten. Er schlägt vor, Krankmeldungen auf Vertrauensbasis zu handhaben, Bonussysteme für Nicht-Kranke einzuführen oder unbezahlte Karenztage zu nutzen. Diese Regelungen gebe es in vielen Ländern. Er behauptet, dass dies Verantwortung stärke und Missbrauch mindere. Die Lohnfortzahlung im echten Krankheitsfall bleibe unverändert wichtig, doch für leichte Beschwerden brauche es kein Attest.
Über eine Wiedereinführung von Karenztagen (unbezahlte Krankheitstage) wird in Deutschland heftig gestritten. Befürworter sehen darin ein Mittel gegen Blaumachen und zur Entlastung der Sozialkassen, während Kritiker soziale Ungerechtigkeit, eine Zunahme von „krank zur Arbeit“-Gehen und eine Schwächung der Arbeitnehmerrechte befürchten. Gassen betonte jedoch auch: „Wir benötigen einen Kulturwandel. Die allermeisten Menschen missbrauchen das System nicht, aber wir kennen alle das „Montagsschnüpfchen“. Das ist sicher nicht die Mehrheit, aber es passiert.“ Auch hier wird eine Reform gefordert: Zu alt, zu jung, zu berufstätig: Warum kaum jemand mehr ein Tier aus dem Tierheim bekommt.