Über die Datierung und die Geheimnisse dieser historischen Altstadthäuser staunen sogar Forscher. Die Bauwerke sind im Südwesten Deutschlands zu finden.
Stuttgart – Zwischen modernen Geschäften und belebten Straßen verbirgt sich in Baden-Württemberg eine Häuserreihe, die Besucher aus aller Welt anlockt. In der Stadt Esslingen am Neckar gibt es nicht nur bedeutende Einzelbauten wie das älteste Fachwerkhaus Deutschlands oder Fachwerkperlen, die zu den schönsten des Landes gehören, sondern hier steht auch eine komplette Häuserzeile mit außergewöhnlicher Vergangenheit.
Wer über das Pflaster des Hafenmarkts in der Kernstadt spaziert, ahnt womöglich nicht, dass unter seinen Füßen jahrhundertealte Gewölbekeller liegen. Über ihnen erheben sich die Hausnummern 4 bis 10 – eine geschlossene Häuserfront, deren Balken zwischen den Jahren 1328 und 1331 zusammengefügt wurden. Mit diesen Geburtsjahren übertreffen die Gebäude selbst das berühmte Göttinger Fachwerkhaus, das lange als Deutschlands ältestes galt. Nur wenige Schritte entfernt in der Webergasse 8 steht ein noch älterer Nachbar: Das 1266/67 errichtete Einzelhaus trägt den Titel als ältestes Fachwerkhaus der Nation.
Rettung in letzter Sekunde
Die Jahrhunderte hinterließen ihre Spuren an den Hafenmarkt-Fassaden. Verputz bröckelte ab, Balken verdunkelten sich, und 1982 griffen die Stadtplaner zum drastischen Mittel: Abriss sollte Platz für Neues schaffen. Die Bagger rückten bereits an, Haus Nummer 5 verschwand unter ihren Schaufeln.
Doch der Abbruch legte frei, was für Jahrhunderte verborgen geblieben war. Wissenschaftler erkannten in den freigelegten Holzwerken mittelalterliche Baukunst von unschätzbarem Wert. Sofort stoppten sie die Zerstörung und untersuchten die verbliebenen Häuser. Ihre Messungen und Analysen brachten eine Sensation zutage: Hier steht die älteste zusammenhängende Fachwerkhäuserzeile Deutschlands.
Keller voller Geheimnisse
Unter der Erde verbinden mächtige Steingewölbe die Häuser miteinander – ein unterirdisches Netzwerk, das von der durchdachten Bauweise des 14. Jahrhunderts erzählt. Die Keller dienten einst als Lager für Handwerker und Kaufleute, die ihre Waren über den nahen Neckar transportierten. Esslingen blühte bereits im Mittelalter auf: 866 wurde „Hetsilinga“, wie es zu dieser Zeit hieß, erstmals im Zusammenhang mit dem Marktrecht erwähnt, zwischen 950 und 1050 betrieb die Stadt sogar eine eigene Münzprägestätte.
Das zerstörte Haus 5 stand wieder auf, diesmal jedoch als Rekonstruktion nach historischen Vorlagen. Die übrigen vier Bauten haben dagegen mehr als 600 Winter und Sommer überstanden. Ihre Balken knarren noch immer unter der Last der Jahrhunderte, während moderne Sanierungen behutsam ihre Substanz erhalten.
Wenn Balken Geschichten erzählen
Heute weist eine Hinweistafel Spaziergänger auf den historischen Wert der auf den ersten Blick unscheinbaren Häuserreihe hin. Touristen fotografieren die dunklen Balken und hellen Gefache – jene mit Lehm oder Ziegeln ausgefüllten Zwischenräume im Holzgerüst. Im Erdgeschoss des deutschlandweit ältesten bewohnten Fachwerkhauses der Webergasse 8 hat ein Second-Hand-Modeladen namens „Chamäleon“ seine Türen geöffnet.
Aber nicht nur an dieser Adresse verknüpft die Esslinger Altstadt Geschichte und Gegenwart: Nur einen Steinwurf entfernt steht das Central-Theater im Roßmarkt 9 – das älteste noch erhaltene Kino Süddeutschlands, ein 1629 erstmals erwähntes Gebäude, das seit 1913 als Lichtspielhaus diente, und wo heute Theateraufführungen stattfinden. (Quellen: www.esslingen-info.com, eigene Recherche.)