Polizeibeamte leiden laut einer Auswertung häufiger unter psychischen Belastungen als andere Berufsgruppen. Langzeiterkrankungen nehmen zu, heißt es bei der Gewerkschaft.
Psychische und emotionale Belastungen von Polizistinnen und Polizisten in Deutschland nehmen zu und sind signifikant höher als in anderen Berufen. Das geht aus Zahlen der Gewerkschaft der Polizei (GdP) hervor, die dem Münchner Merkur von Ippen.Media exklusiv vorliegen. Die Folgen psychischer Belastung führten zu mehr Ausfällen bei der Polizei und mittelfristig zu einem Sicherheitsproblem, so die GdP.
Grundlage der GdP-Zahlen ist die bundesweit repräsentative Beschäftigenbefragung „Index Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) der Jahre 2020 bis 2025*. Demnach sind Polizeibeamte unter anderem besonders oft Konflikten ausgesetzt und werden überdurchschnittlich oft Opfer von Beleidigungen oder Übergriffen. Gerade wertschätzendes Verhalten im persönlichen Job-Kontakt gilt in der Arbeitspsychologie als wichtiges Merkmal einer guten Arbeitsqualität.
Folgen psychischer Belastung: Mehr Ausfälle bei Polizisten – GdP nimmt Dobrindt in die Pflicht
Wer regelmäßig während der Arbeit mit Respektlosigkeit konfrontiert wird, empfindet das wiederum oft als starke Belastung. „Die Kollegen werden bespuckt, beleidigt, körperlich attackiert. Das geht nicht spurlos an einem vorbei“, sagt Hagen Husgen, der im GdP-Bundesvorstand unter anderem für Gesundheitsschutz zuständig ist, im Gespräch mit dieser Redaktion. Das gelte auch für andere Berufe, wie Feuerwehrleute oder Zugbegleiter, sagt Husgen: „Die Respektlosigkeit insgesamt steigt, und die Zündschnur bei manchen wird immer kürzer“. Erst vor wenigen Tagen war der 36 Jahre alte Zugbegleiter Serkan C. von einem Fahrgast zu Tode geprügelt worden.
Überdies leiden Polizisten öfter als Menschen in anderen Berufsgruppen unter widersprüchlichen Arbeitsanforderungen. So gaben 55 Prozent der befragten Beamten an, oft oder sehr oft Anforderungen erfüllen zu müssen, die schwer miteinander zu vereinbaren seien. Bei anderen Berufsgruppen liegt diese Zahl bei 32 Prozent. Hagen Husgen, der im GdP-Bundesvorstand unter anderem für Gesundheitsschutz zuständig ist, nimmt vor allem die aktuelle Bundesregierung und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) in die Pflicht: „Plötzlich sollen Grenzen gesichert werden und die Beamten müssen dann dahin. Die Polizei ist getrieben von immer neuen politischen Vorgaben, von der Bundesregierung, vom Innenminister“, so Husgen im Gespräch mit dieser Redaktion.
„Viele Einsatzkräfte sagen: Ich kann gar nicht mehr das machen, was meine originäre Aufgabe ist. Das macht einen auf Dauer kaputt“, so Husgen. Ein weiteres Problem bestehe darin, dass Polizisten häufiger als Menschen in anderen Berufsgruppen darunter litten, ihre Gefühle unterdrücken zu müssen (55 Prozent gegenüber 26 Prozent in anderen Berufen).
Immer häufiger führten dauerhafte psychische Belastungen unter Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten zu Langzeiterkrankungen und Ausfällen von mehr als zwölf Wochen. „Wir nähern uns dem Punkt, an dem die noch gesunden Beschäftigten das Fehlen der Erkrankten nicht mehr auffangen können“, sagt der Gewerkschafter. Das führe mittelfristig zu einem Sicherheitsproblem in Deutschland. Es brauche „mindestens 20.000“ zusätzliche Polizistinnen und Polizisten, „um die derzeitigen Aufgaben zufriedenstellend erfüllen zu können, und ohne, dass noch mehr Einsatzkräfte krank werden“, so Husgen.
Aber auch eine bessere psychologische Betreuung und mehr Vorbereitung auf die Erfordernisse im Job seien notwendig. Dafür brauche es mehr finanzielle Mittel – und den politischen Willen zur Verbesserung, so Husgen, der ein Sondervermögen für innere Sicherheit fordert.
*Für den DGB-Index wurden im genannten Zeitraum insgesamt 36.598 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Für die Polizei wurden die Daten von 296 Beschäftigten aus dem Polizeivollzugs- und Kriminaldienst ausgewertet.