Ein Sabotage-Anschlag legt den Berliner Südwesten tagelang lahm. Die Wirtschaft rechnet mit einem Schaden in Millionenhöhe.
Berlin – Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über dem Teltowkanal hat den Südwesten Berlins seit Samstagmorgen in einen mehrtägigen Ausnahmezustand versetzt. Die wirtschaftlichen Folgen des Stromausfalls könnten nach Einschätzung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) in die Millionen gehen. Am Dienstag, dem vierten Tag des Blackouts, waren noch rund 25.000 Haushalte und 1200 Geschäfte sowie Firmen ohne Strom.
Die Dimension des wirtschaftlichen Schadens wird erst allmählich sichtbar. Laut Informationen des Handelsblatt waren am Samstagmorgen zunächst 45.000 Haushalte und 2200 Unternehmen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf von der Stromversorgung abgeschnitten. Alexander Schirp, Hauptgeschäftsführer der UVB, bezifferte die zu erwartenden Schäden gegenüber dem Spiegel konkret: Die Unternehmensverbände rechnen mit Schäden in Millionenhöhe an Anlagen und Maschinen sowie durch hohe Umsatzausfälle.
Wirtschaft rechnet mit Millionenschäden: Kleine Betriebe ohne Notstromaggregate besonders betroffen
Besonders hart trifft der Stromausfall jene Unternehmen, die mit elektrischen Maschinen arbeiten oder verderbliche Waren verarbeiten. Die Berliner Zeitung zitierte eine Sprecherin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, die von Umsatzeinbußen in den betroffenen Gebieten ausgeht, weil Gäste nicht untergebracht und bewirtet werden können und Waren bei unterbrochener Kühlkette nicht mehr verwendet werden dürfen.
Die Bio-Company-Supermarktkette musste in zwei Filialen angeschnittenes Fleisch entsorgen, konnte jedoch den größten Teil der Ware bei einem Großhändler und einem Logistiker zwischenlagern, wie der Spiegel berichtet. Elke Sarkandy, Sprecherin der Berliner Handwerkskammer, warnte: Ein Stromausfall kann für viele handwerkliche Betriebe einen Totalausfall zur Folge haben. In den betroffenen Gegenden gebe es bis zu 800 Handwerksbetriebe. Gerade kleinere Betriebe könnten sich keine teuren Notstromaggregate leisten, sagte Sarkandy laut Spiegel.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) sieht nach dem Brandanschlag erhebliche Defizite beim Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland. Infrastrukturen eines Landes sind die Lebensadern der jeweiligen Wirtschaft, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov dem Handelsblatt. Kritische Infrastruktur müsse daher schnellstmöglich an die veränderte Sicherheitslage angepasst werden. Melnikov drängte auf den zügigen Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens zum sogenannten Kritis-Dachgesetz. UVB-Hauptgeschäftsführer Schirp kritisierte: Der Stromausfall zeige, dass die Infrastruktur nicht ausreichend und zeitgemäß gegen Angriffe und Unfälle geschützt sei. Das sei ein ernstes Problem und schüre Unsicherheit in der Wirtschaft. Es ist bereits das dritte Mal in drei Jahren, dass es in Berlin und im Umland zu einem großflächigen Stromausfall gekommen ist.
Blackout in Berlin: Vulkangruppe bekennt sich zu Brandanschlag – Linke Szene weist Verantwortung zurück
Die linksextremistische Vulkangruppe hat sich in einem Bekennerschreiben zu dem Brandanschlag bekannt. Die Polizei stuft das Schreiben nach rbb-Informationen als authentisch ein. Darin heißt es, Ziel sei die fossile Energiewirtschaft gewesen, nicht Stromausfälle. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) bezeichneten die Täter als offenkundig linksextremistisch. Die Gruppierung bekannte sich bereits zu einem Brandanschlag auf einen Strommast, der im März 2024 die Tesla-Fabrik in Grünheide lahmlegte.
Auf Nachfrage von IPPEN.MEDIA in den Umkreisen der Berliner Linken Szene wurden Verantwortlichkeiten für den aktuellen Stromausfall zurückgewiesen. Es sei sehr abwegig, dass ein derartiger Anschlag von linken Extremisten begangen worden sei. Man wolle schließlich keine Normalbürger oder ältere Personen mit Pflegegrad treffen. Das würde bei derartigen Aktionen durchaus berücksichtigt werden. Die Zweifel an der Echtheit des Bekennerschreibens wachsen.
Parallelen zu russischer Sabotageserie vor der Bundestagswahl 2025
Bestätigte Erkenntnisse über die Hintergründe des aktuellen Anschlags gibt es noch nicht. Dass Russland-Gerüchte im Zusammenhang mit Sabotage kursieren, erinnert jedoch an Vorfälle im Dezember 2024. Damals hatten mehrere Täter im Vorfeld der Bundestagswahl im Februar 2025 in mehreren Bundesländern in einer Sabotageserie hunderte Fahrzeuge beschädigt. Darunter Berlin, Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg – viele von den Fahrzeugen waren Porsche-Modelle im höheren Preissegment. Nach Recherchen des Spiegel soll die Sabotageserie auf das Konto russischer Auftraggeber gehen. Deutschlandweit wurden mehr als 270 Fahrzeuge beschädigt. Die Empörung über die vermeintlich grünen Straftäter war beabsichtigt.
Nach Angaben des Spiegel sollen die mutmaßlichen Saboteure über den Messenger Viber von einem Russen angeschrieben worden sein, der ihnen detaillierte Instruktionen gab. Für jedes beschädigte Fahrzeug sei ihnen ein Honorar von 100 Euro versprochen worden. Sicherheitskreise sprechen von einer gezielten Kampagne mit der Absicht, im Bundestagswahlkampf Hass auf die Grünen zu schüren. Es wäre also nicht das erste Mal, dass russische Schattenagenten Einfluss auf das politische Klima nehmen wollen. Solange die Staatsanwaltschaft ihrer Ermittlung noch nicht abgeschlossen hat, sollte man ergo keine voreiligen Schlüsse ziehen. (ls)