Über die Feiertage ist es vermeintlich still geworden um die Coronaviren. Das Robert-Koch-Institut (RKI) pausiert mit seinen wöchentlichen Berichten über die Atemwegserkrankungen in Deutschland noch bis zum Abend des 7. Januars. Überhaupt schauen viele momentan viele eher auf die sich aufbauende Grippewelle. Doch im Hintergrund hat sich still und heimlich eine neue Corona-Variante ausgebreitet – BA.3.2 oder "Cicada". Erst jetzt macht die Zikade genannte von sich reden.
Den Spitznamen bekam sie, da die Entstehung des Virus an die lange unterirdische Lebensphase der gleichnamigen Zikade erinnert. Forscher weltweit haben derzeit ein Auge auf "Cicada", die nach aktuellsten Zahlen in Deutschland dominiert:
- "Cicada" (BA. 3.2): 38 Prozent,
- "Stratus" (XFG): 34 Prozent,
- "Nimbus" (NB.1.8.1): 25 Prozent der Fälle.
"Cicada" zeigt immense Wachstumsrate
Schon Ende November schrieb der australische Datenjournalist Mike Honey auf der Plattform "X": "Es gibt besorgniserregende Anzeichen für eine neue Covid-Welle in Deutschland, deutlich nach dem vorherigen Höhepunkt bei XFG". Er vermutete den Anstieg der Variate BA.3.2. als mögliche Erklärung – laut RKI machte "Cicada" zu diesem Zeitpunkt rund 30 Prozent aller nachgewiesenen Sars-CoV-2-Infektionen in Deutschland aus. In der Vorwoche waren es nur um die neun Prozent – eine immense Wachstumsrate, die sich Experten mit der hohen Anzahl an Mutationen erklären.
Corona-Variante "Cicada" breitet sich im Verborgenen aus
Die neue Variante stammt von einer der ersten Omikron-Varianten ab BA.3 ab. Die habe nur wenige Infektionen ausgelöst und sei gleich wieder verschwunden, berichtet der österreichische Virologe Florian Krammer in seinem Podcast "Virologisch". "Ende 2024 ist eine Version davon wieder aufgetaucht, in Südafrika. Und die hat mehr als 50 Mutationen im Spikeprotein gehabt – verglichen mit der ursprünglichen BA.3-Variante".
Diese neue Variante, mittlerweile bekannt als BA.3.2 oder "Cicada", begann von dort aus, sich schleichend auszubreiten. Zunächst habe man eine handvoll Fälle weltweit detektiert, etwa in Deutschland, in den Niederlanden, den USA und Australien, berichtet Krammer. "Das hat so ausgeschaut, als wäre das Virus nicht besonders fit", blickt der Virologe zurück. Doch mittlerweile finden Forscher die Variante immer häufiger, Tendenz steigend.
"Es ist noch wenig. Aber es wächst genug, dass man sich da anfängt, Sorgen zu machen", sagt der Professor in seinem Podcast.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat BA.3.2 am 5. Dezember 2025 sogar als „Variante unter Beobachtung“ (variant under monitoring, VUM) eingestuft: Durch genetische Veränderungen könnten sich diese Varianten schneller von Mensch zu Mensch ausbreiten als andere Varianten – daher werden sie engmaschig beobachtet.
50 Mutationen sorgen dafür, dass Cicada auch beim Immunsystem unter dem Radar läuft
Was "Cicada" so besonders macht, sind die vielen Mutationen im Spike-Protein. Laut RKI verfüge die Variante im Vergleich zu BA.3 und anderen zirkulierenden Varianten über "zahlreiche Aminosäureaustausche und mehrere Aminosäuredeletionen". Immer wieder ist die Rede von 50 Mutationen im Spikeprotein.
Auf Nachfrage von FOCUS online erklärt Epidemiologe Timo Ulrichs die Veränderungen genauer: "Im Vergleich zur letzten Variante sind auch die Genprodukte verändert, also vor allem die Oberflächenproteine: Aminosäuren fehlen oder wurden ausgetauscht." Dadurch sehe das Protein anders aus und habe möglicherweise auch eine veränderte Funktionsfähigkeit.
"Das bedeutet, dass die bereits im menschlichen Immunsystem vorliegenden Antikörper das Protein nicht mehr so gut erkennen können", führt Ulrichs aus. Denn das Immunsystem sei gegen frühere Virusvarianten oder durch vorhandene Impfstoffe trainiert – die "neuen" Viren werden nicht so gut erkannt und bekämpft.
In der Fachsprache wird das auch Immunevasion oder Immunflucht genannt. Die ist bei "Cicada" besonders ausgeprägt, wenn auch nicht ganz so extrem, wie anfangs angenommen. Stattdessen ist sie ähnlich wie bei der XFG-Variante oder "Stratus" – das schreiben Forscher in einer Fachpublikation im Januar 2026. Ulrichs sieht diese Entwicklung gelassen: "Das ist das erwartbare Resultat, wenn neue die bisherigen Virusvarianten verdrängen."
Entwarnung: Keine besondere Krankheitsschwere erwartet
Um zuverlässig sagen zu können, ob "Cicada" neue Symptome verursacht, müssen noch mehr Fälle analysiert werden. Die WHO gibt aber Entwarnung hinsichtlich der Krankheitsschwere. Bisher gebe es keine veröffentlichten klinischen oder epidemiologischen Studien, die darauf hindeuten, dass BA.3.2 im Vergleich zu anderen zirkulierenden Nachkommen mit einer erhöhten Schwere der Erkrankung verbunden ist. Ebenfalls gebe es keine Anzeichen für einen
- Anstieg der Krankenhausaufenthalte,
- Intensivstationseinweisungen
- oder Todesfälle
die auf BA.3.2 zurückzuführen sind.
"Es sieht bisher so aus, als würde sich die neue Variante darin nicht so sehr von den alten unterscheiden", bilanziert Ulrichs.
Vor schweren Krankheitsverläufen kann nach wie vor eine Impfung schützen, betont Ulrichs. Auch wenn der dadurch aufgebaute Immunschutz bei dieser Variante etwas weniger wirksam sein könnte.
Das betont auch Krammer. Die Neutralisierungs-Titer, also das Maß für die Menge an neutralisierenden Antikörpern, würden trotzdem etwas gegen BA.3.2 ansteigen. Auch, wenn man sich mit dem aktuellen Impfstoff impfen lässt. Ganz zusammenpassen würde es aber nicht. "Das heißt, ich nehme an, wenn sich diese Variante durchsetzt, muss man den Impfstoff nächstes Jahr anpassen und zwar auf diese Variante. Aber das werden wir ja sehen".
"Cicada" mutiert weiter und könnte immer fitter werden
Dennoch haben internationale Forscher "Cicada" im Blick. Denn auch wenn die Veränderungen noch recht harmlos für die Krankheitsschwere scheinen, bedeutet BA.3.2 einen großen Shift. Neben Omikron und Pirola wird sie in einer Fachbublikation "als dritte große evolutionäre Veränderung in der Entwicklung von Sars-CoV-2 " gehandelt.
Und die ist noch lange nicht vorbei: Forscher haben schon weitere Sublinien von BA.3.2 auf dem Radar: BA.3.2.1 und BA.3.2.2. "Man sieht da jetzt zwei unterschiedliche Linien: Die australische, im Prinzip, und die europäische", sagt Krammer. Beide haben zwei zusätzliche Spike-Protein-Mutationen.
"Wenn das Virus so weitermutiert, findet es wahrscheinlich einen evolutionären Weg um fitter und fitter zu werden. Und dann können sie wieder zu einer größeren Welle kommen", bilanziert Krammer. Doch das heiße nicht, dass es auch passiert.