Kennen Sie das? Sie sitzen im Café, vor Ihnen ein Stück Torte, und während Sie noch überlegen, ob Sie sich das "leisten" können, sitzt am Nebentisch jemand, der bereits das zweite Stück verputzt, und dabei aussieht, als wären Kalorien ein Fremdwort für ihn. Genau diese Ungerechtigkeit hat mich als Arzt und Wissenschaftler zu einer jahrelangen Spurensuche angetrieben.
Alles begann noch während meiner Schulzeit an einem warmen Sommertag im Freibad. Mein bester Freund Daniel und ich – beide typisch "Lauch" oder um es mit einer anderen Gemüseart zu beschreiben: schlank wie eine Bohnenstange –genehmigten uns eine riesige Portion Pommes mit Mayo. Unsere Freundin Alina hingegen, obwohl sportlich und immer in Bewegung, nippte frustriert an ihrer Apfelschorle und seufzte: "Ich werde schon dick, wenn ich euch nur zuschaue."
Tim Hollstein arbeitet als Oberarzt und Stoffwechselforscher am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel. Dort erforscht er die Geheimnisse des menschlichen Stoffwechsels. Tägliche Einblicke in seine Arbeit und praktische Tipps teilt er auf Instagram.
Diese Frage ließ mich nie wieder los. Warum konnte ich als Jugendlicher Unmengen an Pommes mit Mayo essen und blieb dabei dünn, während andere ständig mit ihrem Gewicht kämpften? Die Antwort, das wurde mir im späteren Medizinstudium und in meiner Forschung klar, ist weit komplexer als die simple Formel "iss weniger, beweg dich mehr".
Entweder schlank, fett oder muskulös: Die alten Mythen der Körpertypen
Schon vor "meiner Zeit" versuchte man, diese Unterschiede mit einfachen Modellen zu erklären. Vielleicht haben Sie schon von den drei Körpertypen gehört, die der US-Psychologe William Sheldon in den 1940er-Jahren populär machte:
- Der Ektomorphe: Schlank, schmal, mit schnellem Stoffwechsel – der klassische "Hardgainer"
- Der Endomorphe: Weicher Körperbau, neigt zum Fettansatz, der "Softgainer"
- Der Mesomorphe: Muskulös, athletisch, der geborene Sportler
Diese Einteilung ist eingängig und wird bis heute in Fitnessstudios und Lifestyle-Magazinen verwendet. Das Problem ist nur: Sie hat keine wissenschaftliche Grundlage. Es wurde nie in Studien bewiesen, dass diese Körpertypen wirklich existieren oder dass eine typgerechte Ernährung irgendeinen Vorteil bringt. Es waren reine Vermutungen.
Aufschluss liefert schließlich eine Kammer in der Wüste Arizonas
Also mussten neue Forschungsarbeiten durchgeführt werden. Genau das geschah an den National Institutes of Health (NIH) in Phoenix, Arizona. An dieser Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums untersuchten US-Forscher seit den 1960er-Jahren den menschlichen Stoffwechsel.
Sie bedienten sich dabei einer sogenannten Stoffwechselkammer – einem vollständig abgeriegelten Raum mit Bett, kleinem Bad, Stuhl und Fernseher, in dem man den Energieverbrauch eines Menschen auf die Kalorie genau messen kann. Probanden verbringen in diesen Kammern normalerweise ein bis zwei Tage. Ihr gesamter Energieverbrauch wird in dieser Zeit minutiös gemessen.
In einer wegweisenden Studie, die 2001 veröffentlicht wurde, lud man Probanden ein und testete ihre Reaktion auf Überernährung (doppelte Kalorienmenge) und Fasten.
Stoffwechseltypen neu gedacht: Sind Sie eher der Sparfuchs oder Verschwender?
Die Forscher entdeckten ein klares Muster, das die Geburtsstunde der wissenschaftlich fundierten Stoffwechseltypen markiert:
- den "Sparfuchs"
- den "Verschwender"
Die gewaltigen individuellen Unterschiede zeigten sich in zwei Extremszenarien:
Nach 24 Stunden komplettem Fasten fuhren die "Sparfüchse" ihren Energieverbrauch drastisch herunter, um wertvolle Energie zu konservieren. Die "Verschwender" hingegen traten kaum auf die Bremse und zeigten nur eine moderate Reduktion.
Noch deutlicher wurde es bei 24 Stunden massiver Überernährung: Während der Stoffwechsel der "Verschwender" hochtourte und einen signifikanten Anstieg zeigte, um die zusätzlichen Kalorien einfach zu verheizen, tat sich bei den "Sparfüchsen" fast nichts – ihr Anstieg war nur geringfügig. Ihr Körper ist darauf getrimmt, jede überschüssige Kalorie für schlechte Zeiten zu speichern.
Das sagt der Stoffwechseltyp über Ihren Diäterfolg aus
Ich war so elektrisiert von diesen Erkenntnissen, dass ich mich für ein zweijähriges Forschungsstipendium am Nationalen Institut für Diabetes und Verdauungs- und Nierenerkrankungen (NIDDK) bewarb, welches zu den NIH gehört. Und ich hatte Glück, gerade war eine Stelle frei. Von 2018 bis 2020 habe ich an den NIH mitgeforscht.
Unser Team konnte in dieser Zeit zeigen, dass die Stoffwechseltypen voraussagten, wer bei einer sechswöchigen Diät viel Gewicht verlor, wer nicht, und wer den "Jo-Jo Effekt" bekam. Auch andersherum funktionieren die Stoffwechseltypen: Sie konnten vorhersagen, wer nach einer sechswöchigen Überernährung am meisten Gewicht zugelegt hat und wer nicht.
Jetzt verstand ich auch meine Erlebnisse in der Jugend: Mein Freund Daniel und ich waren klassische "Verschwender". Unser Körper reagierte auf die Pommes und den Kuchen mit einem hochgefahrenen Stoffwechsel. Alina hingegen war vermutlich eine "Sparfüchsin". Ihr Körper klammerte sich an jede Kalorie; ein Mechanismus, der in der Evolution überlebenswichtig war, aber in unserer heutigen Welt zum Verhängnis wird.
-
Bildquelle: ZS Verlag
Buchempfehlung (Anzeige)
Das Buch "Kuchen-Paradox: Warum manche alles essen können und trotzdem schlank bleiben – und andere nicht" von Tim Hollstein erscheint am 4. März im ZS-Verlag.
So machen Sie Ihren Stoffwechsel zum "Verschwender"
Im nächsten Schritt wollten wir wissen, warum es diese Unterschiede im Stoffwechsel genau gibt. Ein entscheidender Mechanismus ist das sogenannte braune Fettgewebe. Anders als weißes Fett, das Energie speichert, ist braunes Fett ein hochaktives Gewebe voller Mitochondrien, das Kalorien direkt in Wärme umwandeln kann.
Wir konnten zeigen: Bei "Verschwendern" ist dieses Gewebe von Natur aus aktiver und wird bei einem Kalorienüberschuss schnell hochgefahren – es leuchtet förmlich auf, um Energie zu verbrennen.
Die gute Nachricht: Jeder kann sein braunes Fett trainieren und seinen Stoffwechsel ein Stück weit in Richtung "Verschwender" verschieben.
- Der stärkste Reiz dafür ist Kälte. Regelmäßige Kältereize – sei es die kalte Dusche am Morgen, das Herunterdrehen der Heizung oder Sport bei kühlem Wetter – zwingen den Körper, diesen inneren Ofen anzuwerfen, um die Körpertemperatur zu halten.
- Weiterhin können auch bestimmte Nahrungsmittel das braune Fett aktivieren. Dazu zählen Chili, Ingwer, grüner Tee, Menthol und Omega-3-Fettsäuren. Eine ausgewogene Ernährung, die auch ruhig einmal scharf sein kann, garniert mit einem Ingwer-Tee, bringt den Stoffwechsel also auf Trab.
- Zudem gibt es Hinweise, dass Intervallfasten und regelmäßige Saunagänge den Stoffwechsel ebenfalls ankurbeln können.
Man muss also nicht tatenlos zusehen, wie andere schlemmen. Wenn man seine Komfortzone verlässt und sich ein bisschen "thermogener" ernährt, kann man seinen Stoffwechsel-Motor selbst zünden. Und vielleicht schmeckt einem das nächste Stück Kuchen dann schon mit einem deutlich besseren Gefühl.