Bundeswehr-Oberst Katalyn Roßmann erklärt, warum Ehrenamt im Dorf wichtig ist. Sie sieht darin den Schlüssel zur Resilienz der Gesellschaft.
Oberstveterinärin Katalyn Roßmann aus Egmating, 51, ist ausgebildet in globalem Gesundheitsmanagement. Für die Bundeswehr leitet die Berufssoldatin ein gut 20-köpfiges Spezialistenteam, das weltweit Gesundheitsmonitoring und Seuchenbekämpfung betreibt; machte den Landkreis Ebersberg in der Coronapandemie zur Pilotregion für die Virusüberwachung des Abwassers. Seit 1994 lebt die gebürtige Niedersächsin in Bayern, seit 2014 in Egmating. Im Interview erklärt sie, warum internationale Krisenbekämpfung und die Rettung der Demokratie in den Vereinsheimen der Region beginnt.
Frau Dr. Roßmann, als, pardon, Zugezogene sitzen Sie im Gemeinderat, sind Ortsvorsitzende und im Kreisvorstand der CSU. Wie kam’s?
Ich gucke nicht schnell genug weg! (lacht) Als wir damals nach Egmating gezogen sind, hat mich einer von den Hiesigen am Wertstoffhof angesprochen, vielleicht ein bisschen misstrauisch: „Warum hast du keinen Schalk?“ Später hat mich dann derselbe gefragt, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren würde. Und dann bin ich da so nach und nach reingerutscht.
Sie sind weltweit für die Bundeswehr in Sachen Seuchenbekämpfung unterwegs. Ist da Kommunalpolitik nicht ein bisschen bieder?
Nein, finde ich nicht. Über die Leute im Kreisverband kannst du bodenständige Ideen vom Dorf in einen Transmissionsprozess Richtung Kreis, Land, Bund und sogar Europa bringen. Demokratie funktioniert nicht durch Wegschauen, sondern durch Mitmachen. Nicht nur politisch – als Jugendwart im Sportverein, Aktiver bei der Feuerwehr oder beim Kuchenbacken für den Seniorennachmittag: Was auf den ersten Blick nach banaler Gewohnheit aussieht, ist in Wahrheit etwas ganz Wertvolles: Resilienz, die Widerstandskraft unserer Dorfgemeinschaft.
Was hat Kuchenbacken mit Widerstandskraft zu tun?
Jedes Ehrenamt trägt dazu bei, dass im Dorf nicht nur gewohnt, sondern gemeinsam gelebt wird. Vereine sind soziale Knotenpunkte, an denen Generationen zusammenkommen, wo Zugezogene wie ich Anschluss finden und Traditionen weitergegeben werden. In Krisenzeiten zeigt sich, was dieses Netzwerk wirklich bedeutet: Wir begegnen uns nicht nur virtuell, sondern ganz in echt, in der Sitzecke in unserem Dorfladen, im Proberaum, im Gemeindesaal, im Feuerwehrhaus, auf dem Dorffest. Dabei lernen Menschen einander kennen und sich zu vertrauen. Es entsteht der gute Wille, füreinander einzustehen.
Ein funktionierendes Dorfleben ist etwas Wunderbares, aber die Sache mit der Resilienz hört sich doch etwas arg staatstragend an.
Wir haben es in unserer Gemeinderatsliste etwas bodenständiger formuliert (zückt ihr Handy und liest eine WhatsApp-Nachricht vor): „Des is nix anders ois Krisenfestigkeit – ned glei umfoin, sondern aus da G’schicht gscheida wieder rausgeh!“
Sogar auf Bairisch! Aber aus welcher Gschicht?
Wir haben in der Pandemie erlebt, wie wir mit unseren Ehrenamtlichen, vor allem der Feuerwehr, eine Impfaktion im Gemeindesaal auf die Beine gestellt haben. Wie sich Nachbarn gegenseitig geholfen haben. Wie alle zusammengerückt sind. Und wir erleben jetzt, wie unsere Demokratie zerstörerischen Kräften von außen wie von innen ausgesetzt ist: Russland führt einen manipulierenden Macht- und Kulturkampf, der in nahezu jedem unserer Haushalte angelangt ist. Befüttert wird dieses Gefühl, dass alles irgendwie schlecht ist, auch von innen. Dagegen braucht es greifbare Vorbilder, den Glauben an den Sinn und die Beständigkeit unserer Werte. Wir als Bundeswehr haben in der Pandemie oder bei Hochwasser hier den Leuten helfen können. Falls es, Gott bewahre, zu einem Verteidigungsfall kommen sollte, müssen sie uns helfen. Wenn die Gesellschaft nicht trägt, funktioniert in einem Land gar nichts.
Es gibt offenbar eine Menge Leute, die glauben, dass Deutschland den Bach runtergeht.
Du giltst heute als intellektuell, wenn du negativ kritisch bist. Wenn du dich positiv für etwas engagierst, bist du ja fast grenzdebil. Mit dem Motzen sind wir hierzulande großartig. Sich beklagen, die Schuld auf andere schieben, nie für etwas dankbar zu sein: Das ist doch der Inbegriff der Unmündigkeit! Vor zwei Jahren saß ich mal abends in der Nähe von Tromsö, Nordnorwegen, mit anderen Offizieren nach einer NATO-Veranstaltung beim Rentiergulasch zusammen. Da deutet einer der Norweger nach Osten und sagt: „Nicht weit von hier haben im 2. Weltkrieg die Franzosen und Briten unseren Großvätern gegen die Deutschen geholfen. Heute seid ihr Europas Garant für Frieden und Sicherheit.“ Da weißt du erst mal nicht, was du sagen sollst.
Stimmt das denn?
Wir können Dinge leisten, zu denen kleinere Staaten nicht in der Lage sind; die machen wir für sie mit. Ein Beispiel aus meinem Bereich: Deutschland stellt NATO-Partnern, Österreich, Schweiz und Japan ein Datennetzwerk für Gesundheitsgefahren weltweit bereit. Wir können etwas reißen, vor allem gemeinsam, als Europa. Wir müssen nur aufhören, uns ständig zu streiten.
Was hat das Dorfleben damit zu tun?
Hier kann man noch erleben, dass Gemeinschaft nicht vom Staat verordnet wird, sondern aus Freiwilligkeit, Nähe und mit Herz von unten wächst. Gerade in einer Zeit, in der vieles global, schnell und anonym wird, sind unsere oberbayerischen Dörfer kleine Labore der Zukunft. Sie bilden den Aggregationskern der Miteinander-Kultur. Und beweisen, dass das Ehrenamt tragende Säule einer zukunftsfähigen Gesellschaft und ausschlaggebende Kohäsionskraft des sozialen Gefüges einer freiheitlichen Demokratie ist.
Können Sie das auch auf Bairisch?
(zückt Handy, liest vor) Zamhoit’n ist koa Glückssach – des is a Einstellung.