„Angriffslustige Piloten“: Selenskyjs F-16 halten den Himmel gegen Putin eisern offen

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Die ukrainischen Soldaten sind offenbar erwachsen geworden. US-Offizier lobt die Entwicklung eigener Taktiken. Ukraine entwickelt Patchwork-Luftwaffe.

Kiew – „Dieser Krieg ist grundlegend anders“, sagt der unbekannte Pilot. Die Kyiv Post berichtet über ein Video der ukrainischen Luftwaffe, in dem F-16-Kampfjet-Piloten klagen, sie wären von den NATO-Partnern ausgebildet worden für Gefechte, die sie nie zu führen hätten. Wladimir Putin stelle andere Anforderungen an die Waffen und ihre Bediener, so die einhellige Meinung der Befragten. Demzufolge werde jetzt nach hausgemachten Rezepten trainiert. „Nach unserer Rückkehr nach Hause wurden wir mit der Realität konfrontiert“, sagt der Pilot weiter.

Eine Nahaufnahme des Cockpits einer fliegenden F-16 über blauem Himmel.
Im Fokus des Volkes: Die F-16-Kampfjets der Ukraine bleiben trotz ausbleibender überwältigender Erfolge die Hoffnungsträger des Volkes. Ihre Piloten haben offensichtlich ihre eigenen Taktiken entwickelt – und ernten dafür Lob von US-Offizieren. © IMAGO/Senior Airman Duncan C. Bevan/U.S Airforce

„Die Taktiken, die uns beigebracht wurden, waren für den Krieg, den wir führen, nicht vollumfänglich geeignet“, schreibt die Kyiv Post weiter über die Einschätzungen der Piloten. Die F-16 ist dabei nur eine von vielen Herausforderungen: Die moderne Luftwaffe der Ukraine besteht frühestens seit 2022 – dem Jahr des völkerrechtswidrigen Überfalls durch Russland. Vier verschiedene Kampfflugzeug-Typen fordern das Können von Piloten, die zum Teil noch auf sowjetischen Maschinen gelernt und die Abläufe internalisiert haben: die in den USA gebaute F-16, die französischen Mirage 2000- und Rafale-Kampfjets sowie die schwedische Saab Gripen, zuzüglich der Saab 340/ASC830 AEW&C (Airborne Early Warning and Control) als Aufklärer.

Die Ausbildung auf die F-16 habe Ende 2023 durch die Amerikaner begonnen – auf der Morris Air National Guard Base in Tucson, Arizona, wie die Kyiv Post schreibt; mit etlichen heftigen Geburtswehen. Ein Jahr später war das Ergebnis noch als bescheiden angesehen worden: „Das Grundausbildungsprogramm muss optimiert werden“, sagte Serhiy Melnyk. Den Brigadegeneral und damaligen stellvertretenden Verteidigungsminister der Ukraine zitierte die Kyiv Post damit, dass die Verteidiger gegen Wladimir Putins Invasionsarmee mehr Piloten für die aus dem Westen gelieferten F-16-Kampfjets benötigen. Melnyk wertete offenbar Quantität höher als Qualität. Die neuen ukrainischen Jetpiloten sollten künftig in drei Monaten für die F-16 fit gemacht werden.

Ukraine-Krieg: Unerfahrene Luftwaffen-Mannschaft trifft auf eine zielsichere Luftabwehr

„Westliche Piloten fliegen selbst nach Abschluss ihrer Ausbildung oft noch viele Monate mit ihren Einheiten und nehmen an Übungen teil, bevor sie sich an komplexe Missionen in Kampfgebieten wagen. Die ukrainischen Piloten hingegen wechselten schnell von der Ausbildung aufs Schlachtfeld“, schrieben Lara Seligmann und Nancy A. Youssef für das Wall Street Journal (WSJ). Die Meinung ist einhellig: Westliche F-16 können nur so viel bewirken, wie ihre Piloten zu leisten imstande sind. Und daran hatte die Wirksamkeit bis immer gekrankt: Erst Ende 2024 waren die ersten Piloten halbwegs in der Lage, den Luftraum zu überblicken, schreibt das Defence Horizon Journal. Geschweige denn zu beherrschen. Laut dem Magazin verdoppeln sich die Herausforderungen.

Eine unerfahrene Luftwaffen-Mannschaft trifft auf eine zielsichere Luftabwehr. „In Gebieten, in denen S-400-Systeme in Frontnähe stationiert sind, müssen F-16 tief fliegen, um nicht entdeckt zu werden. Dieser Tiefflug verringert die Reichweite ihrer Raketen aufgrund des erhöhten Luftwiderstands, wodurch die AIM-120 gegen Russland weniger effektiv wird“, schreibt Defence Horizon-Autor Shamil Abdullah Saleh. Allerdings sind auch die russischen Piloten von einem anderen Kaliber, als die Verteidiger. Offensichtlich haben sich die ukrainischen Piloten deshalb verabredet, ihren russischen Gegnern Köder hinzuwerfen, um sie von den eigentlichen Zielen abzulenken – eine „Friss und stirb“-Taktik:

Selenskyjs Truppe imponiert: „Innovation, Wirkung und Entschlossenheit“

Wie die Kyiv Post berichtet, würden sich Kampfverbände insofern aufteilen, als dass die Flugzeuge zur Deckung offensiv auf die Russen zuflügen, um die zum Angriff mit Luft-Luft-Raketen zu provozieren. Abseits vom Raketenregen könnten dann ukrainische Kampfjets ihre präzisionsgelenkten Bomben nahezu unbehelligt ins Ziel bringen – so die Erzählung der Piloten, wie die Kiyv Post-Autorin Alisa Orlova reportiert: „Bei einer solchen Operation, so der Pilot, zwang eine Formation aus drei Flugzeugen die russischen Kampfjets dazu, Raketen aus verschiedenen Richtungen abzufeuern, wodurch ein ukrainisches Kampfflugzeug sein Ziel zerstören und die gesamte Gruppe sicher zur Basis zurückkehren konnte.“ Die Meinungen über den Wirkungsgrad der ukrainischen Luftwaffe bleiben aber geteilt.

„Innovation, Wirkung und Entschlossenheit angesichts der Aggression“, titelt aktuell das Air & Spaceforces Magazin. „Die ukrainischen F-16-Staffeln fliegen die von NATO-Partnern bereitgestellten Block 10- und Block 15-Modelle, und trotz Bedingungen, die selbst die modernsten Luftstreitkräfte vor Herausforderungen stellen würden, leisten sie gute Arbeit“, lobt Generalleutnant a. D. David A. Deptula. Laut dem ehemaligen US-Luftwaffenoffizier spiele der F-16-Kampfjet „die zentrale Rolle“ in der Verteidigung des ukrainischen Luftraumes sowie der „laufenden Transformation der ukrainischen Luftwaffe“. Deptula zieht seinen Optimismus aus der Abschussbilanz einzelner ukrainischer Piloten. „AB“ lautet das Rufzeichen eines stellvertretenden ukrainischen Jagdgeschwader-Kommandeurs, dessen Bilanz er als beispielhaft darstellt:

Kampfjets aus aller Herren Länder: Streitmacht, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hat

Mehr als 1000 gekillte russische Shahed-Drohnen und Marschflugkörper für das Geschwader bezeichnet Deptula als „eine außergewöhnliche Kampfbilanz“. Die scheint aber tatsächlich „homemade“ zu sein, wie Deptula fortfährt. Der Praktiker deutet an, dass sich sowohl die Ukraine als auch die NATO auf eine Situation einzustellen hatten, für die weder eine Dienstvorschrift existiert hat noch eine taktische oder strategische Planung. Die Luftwaffe habe aus dem Stand heraus improvisieren müssen. „AB“, so schreibt der Generalleutnant, hätte seine Fluglizenz auf einer sowjetischen MiG-29 erworben und sei dieses Flugzeug geflogen, bis mit der russischen Annexion der Krim ein neues militärisches Zeitalter für die Ukraine angebrochen war.

„Mangels formaler Ausbildungsprogramme, etablierter Taktiken, Techniken und Verfahren sowie der Unterstützung durch US-amerikanische Auftragnehmer haben sich ukrainische Piloten und Bodenmannschaften schnell selbst beigebracht, die Flugzeuge effektiv zu warten, zu bewaffnen und einzusetzen. Sie haben sogar innovative neue Taktiken, Techniken und Verfahren entwickelt, um die Kampfkraft und Überlebensfähigkeit der F-16 in einem der feindlichsten Luftraumgebiete der Welt zu maximieren“, schreibt der US-Amerikaner. Wie Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits im Oktober angekündigt hatte, wird die ukrainische Luftwaffe ohnehin eine Patchwork-Teilstreitkraft werden. Eine Melange aus den technischen Finessen des Westens und den Kapazitäten des Ostens – letztendlich eine Streitmacht, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hat.

Selenskyjs Credo für die Zukunft: „Wir führen parallel Gespräche mit Schweden, Frankreich und den USA“

„Wir führen parallel Gespräche mit Schweden, Frankreich und den USA. Die allgemeine Forderung betrifft eine Flotte von 250 neuen Flugzeugen. Das ist unsere Zukunft“, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Oktober gegenüber dem heimischen Sender RBC geäußert. Möglicherweise mutiert die ukrainische Luftwaffe zu einer Art Schweizer Taschenmesser eines westlichen Verteidigungsbündnisses mit Waffen, die leicht mit anderen Waffen kompatibel sind. „F-16 in der Ukraine – das bedeutet mehr getötete Besatzer“, hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Ankunft der Flieger den ukrainischen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj zitiert; was sich mittlerweile als hanebüchene Übertreibung herausgestellt hat, weil der F-16-Effekt noch immer weit hinter dem zurückbleibt, was sich die westliche Welt davon versprochen hat: einen Sieg.

Immerhin hat aber die ukrainische Luftwaffe eine Niederlage abwenden können. Laut Alexander Palmer und Kendall Ward habe sich das „Humankapital“ als entscheidend für das Patt in der Luftüberlegenheit erwiesen – weil auch die russischen Piloten eventuell mehr Defizite in der Handhabung ihrer Maschinen aufweisen, als der Westen vermutet, so die Analysten des US-Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS): „Russlands technologische Überlegenheit reichte nicht aus, um Ausbildungsdefizite auszugleichen, und die angriffslustigen ukrainischen Piloten konnten die Bemühungen ihrer besser ausgerüsteten, aber unzureichend ausgebildeten VKS-Gegner (Vozdushno-kosmicheskiye sily, zu Deutsch: Luft- und Weltraumkräfte) zunichtemachen.“ (Quellen: Center for Strategic and International Studies, Kyiv Post, Wall Street Journal, Defence Horizon Journal, Defence Horizon Journal, RBC, Frankfurter Allgemeine Zeitung) (hz)

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