Ohnmacht: In Venezuela verliert Putin Waffen, Verbündete und Einfluss an seinen Erzfeind

  1. Startseite
  2. Politik

Kommentare

Drohnen, Schützenpanzer, Kampfjets, Luftabwehrsysteme – den USA öffnet sich in Venezuela an russischen Waffen eine Schatzkiste. Voller altem Schrott.

Washington D.C. – „Die Welt ist schon voller Konflikte. Wir brauchen keine neuen“, sagte Dmitri Peskow Anfang November. Der Kremlsprecher äußerte gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS sein Bedauern über die Eskalation zwischen Donald Trump und der von Nicolás Maduro geführten venezolanischen Regierung. Fraglich ist, wie Wladimir Putin letztlich reagieren wird. „Z-Blogger jubeln über Angriff – muss im Kreml wehtun“, urteilt ntv-Korrespondent Rainer Munz in Moskau.

Nicolás Maduro und Wladimir Putin schütteln sich die Hand.
Abschiedsbesuch? Anfang Mai hatte Venezuelas Regierungschef Nicolás Maduro Wladimir Putin in Moskau besucht. Jetzt hat ihn der russische Diktator fallengelassen. © Alexander Zemlianichenko/AFP

Obschon Russland zu den engen Verbündeten Venezuelas gezählt wird, wurden die Bombardierung der Hauptstadt Caracas sowie die Festnahme von Nicolás Maduro „im Land jedoch nicht durchgehend negativ aufgefasst“, so Munz. „Eine militärische Unterstützung könne der Karibikstaat nicht erwarten.“ Mehr noch, wie der Defense Express berichtet: Russland werde scheinbar einen Großteil seiner Waffen los: „Letztlich, im Einklang mit der Monroe-Doktrin, würden amerikanische Spezialisten, falls es den Vereinigten Staaten gelingt, eine neue, Washington gegenüber loyale Regierung an die Macht zu bringen, Zugang zum gesamten Arsenal der venezolanischen Streitkräfte erhalten, einschließlich der kürzlich von Russland gelieferten Waffensysteme“, schreibt das Magazin.

Putins Arsenal in Venezuela: Beobachter betrachten Daten über diese Waffen als „zweifellos wertvoll“

Der 1823 vom fünften US-Präsidenten James Monroe aufgestellte Glaubenssatz gründete sich einerseits auf dem Prinzip, dass sich die USA aus europäischen Konflikten heraushalten wollten, und andererseits darauf, dass die europäischen Mächte Lateinamerika in Frieden ließen und nicht zu rekolonialisieren versuchten. Was jetzt allerdings insoweit ausufert, dass offenbar die USA Venezuela unter ihre Kontrolle nehmen. Was dazu führen sollte, Russland etwas genauer in die Waffenkammer schauen zu können, wie der Defense Express schreibt: „Dies würde auch mehrere Systeme umfassen, deren detaillierte Untersuchung für das Pentagon zweifellos von erheblichem Interesse wäre, selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass eine große Anzahl erbeuteter russischer Waffenmuster höchstwahrscheinlich bereits in die Ukraine verbracht wurde.“

Das Magazin spricht von einer Bandbreite von Drohnen über Schützenpanzer bis zu Kampfjets und Luftabwehrsystemen. Dabei wollten die USA offenbar die Systeme nicht nur kennenlernen, sondern sie auf lange Sicht durch eigene ersetzen, vermutet der Defense Express.

Laut dem Magazin kämpfen die venezolanischen Streitkräfte mit „mehr als sechs S-125 Pechora-2M-Flugabwehrraketensystemen, mit drei bis neun Buk-M2E-Flugabwehrraketensystemen sowie mit einer bis zwei Divisionen S-300VM-Flugabwehrraketensystemen“. Inwieweit die von Interesse für US-Militärs sind, bleibt fraglich. Da auch der Iran entsprechende Systeme geliefert bekommen hat, stuft der Defense Express detaillierte Daten über diese Waffen als „zweifellos wertvoll“ ein. Möglicherweise haben die anrückenden Streitkräfte aber auch viel von der Luftabwehr neutralisiert und Schrott produziert.

Venezuelas Armee nach US-Angriff – Technik aus Sowjet-Ära

Generell ist aber die Armee Venezuelas mit Sowjet-Material bestückt, während andere lateinamerikanische Länder bereits zu den Kunden der USA zählen. Allerdings gilt Venezuela laut CNN eher als Papiertiger in Lateinamerika: „Die FANB (Fuerza Armada Nacional Bolivariana, kurz FANB) verfügt über eine eher geringe operative Leistungsfähigkeit und Ressourcenverfügbarkeit, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass das Land seit über einem Jahrzehnt unter einer Wirtschaftskrise leidet“, zitiert der Sender Andrei Serbin Pont, einen auf Verteidigung spezialisierten Analysten des lateinamerikanischen Thinktanks Coordinadora Regional de Investigaciones Económicas y Sociales (CRIES). Offenbar haben sich die USA mit ihrem Militärschlag auch Su-30MKV-Kampfjets einverleibt, sowie Luft-Luft-Raketen vom Typ R-77.

Gerade die R-77-Raketen bereiten Russland im Ukraine-Krieg mächtig Ärger, weil sie mittlerweile auch modifiziert von Marinedrohnen aus eingesetzt und auch von Humvees gestartet werden. Allerdings scheint die Ab- und Festsetzung von Nicolás Maduro weniger profitabel zu werden durch den Gewinn eines möglichen neuen Kunden für die US-Rüstungsindustrie oder durch Industriespionage.

Mit Nicolás Maduro hat Russland einen Satellitenstaat verloren, wie Wladimir Rouvinski gegenüber der BBC erklärt: „Russland und China kritisieren zwar weiterhin die US-Intervention, sind aber nicht bereit, noch weiter zu gehen. Die Unterstützung, die er in der Vergangenheit genoss, existiert in der Realität nicht mehr, abgesehen von gewissen rhetorischen Äußerungen“, so der Direktor des Labors für Politik und Internationale Beziehungen an der ICESI-Universität in Kolumbien.

Gerade darin könnte der wahre Sieg Donald Trumps in Lateinamerika liegen: dass er Wladimir Putin einen Zacken aus der Krone gebrochen und ihm vor Augen geführt hat, in der Ukraine könne er bestenfalls einen Pyrrhussieg erringen – darin weist das Politikmagazin Cicero aktuell hin: „Wie der Ukraine-Krieg den Niedergang Russlands beschleunigt“, formuliert der Politikwissenschaftler Stefan Meister. Ihm zufolge könnte auch die ausgebliebene Unterstützung Maduros ein Zeichen dafür sei, dass sich der „Abstieg Russlands als regionale und globale Macht beschleunigt“. Vor allem, weil Wladimir Putin vor kurzer Zeit noch den engen Schulterschluss mit dem venezolanischen Machthaber gesucht hatte, wie der Thinktank „China-Global South Project“ (CGSP) noch Anfang November berichtet hat.

Putin-Bomber machten mutig: „Vorbereitet, Venezuela notfalls bis zum letzten Zentimeter zu verteidigen“

„Unter Präsident Wladimir Putin schmiedeten Russland und Venezuela eine umfassende strategische Partnerschaft, die auf antihegemonialer Solidarität und pragmatischer Zusammenarbeit beruhte. Politisch positionierte sich Moskau als entschiedener Unterstützer der Maduro-Regierung“, so die Autorin Han Zhen unter Berufung auf eine Studie chinesischer Wissenschaftler. Als deutliches Zeichen der engen Verbindung galt schon der Besuch zweier Tupolev Tu-160-Bomber in Caracas im Jahr 2018; als Wiederholung eines Besuches aus 2013 und aus 2008. Für die USA die schiere Provokation; und für die Russen offenbar ein wichtiges Zeichen ihrer Präsenz im Hinterhof der USA. Der Bomber ist in der Lage, Atomwaffen zu transportieren.

„Wir sind darauf vorbereitet, Venezuela notfalls bis zum letzten Zentimeter zu verteidigen“, zitierte die BBC den damaligen venezolanischen Verteidigungsminister Wladimir Padrino in Anspielung auf die häufigen Vorwürfe durch seine Regierung, imperialistische Mächte versuchten, sie zu stürzen. Waffenlieferungen sind ein Teil der Strategie, gegenüber den USA geopolitisch einen Fuß in der Tür zu behalten, beziehungsweise seine Kreise in Lateinamerika weiter auszudehnen. „Russland betrachtet den Aufbau beidseitig vorteilhafter und vertrauensvoller Beziehungen zu lateinamerikanischen Ländern als Teil seiner nationalen Interessen und strebt danach, deren politische Unterstützung in der internationalen Gemeinschaft zu gewinnen“, schreiben die Studien-Autoren Gao Fei und Guo Xi von der „Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften“.

Putin-Pleite in Trumps Hinterhof: „Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen“

Laut den Analysten ziele diese Strategie darauf ab, ein Gegengewicht zu schaffen gegen die Außenpolitik der USA und anderer westlicher Nationen; und darauf, den Einfluss Russlands in Lateinamerika zu vergrößern. „Für Russland sind die lateinamerikanischen Länder nicht nur ein Schachbrett in seinen geopolitischen Spielen und ein Kanal zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit, sondern auch Partner beim Aufbau einer multipolaren Weltordnung“, schreiben die Autoren. Was durch den Ukraine-Krieg für Russland gründlich schiefgegangen ist. Wladimir Putin hat sich offensichtlich überhoben. Der Verlust des Regimes Maduro ist somit weit schmerzlicher als der der Waffen.

Die sollen ohnehin in einem erbarmungswürdigen Zustand sein, weil Russland auch keine Ersatzteile hat liefern können oder wollen. Pikanterweise war Venezuela das erste lateinamerikanische Land, in das F-16-Kampfjets exportiert worden waren: Laut einem Vertrag von 1982 seien Venezuelas F-16-Kampfjets zusammen mit 150 infrarotgelenkten Luft-Luft-Raketen vom Typ AIM-9L/P-4 Sidewinder geliefert worden, schreibt The War Zone (TWZ). Eine Zeit, in der die Beziehungen beider Staaten miteinander noch gut gewesen seien, wie TWZ-Autor Thomas Newdick schreibt. Jetzt hat Donald Trump seinen russischen Widersacher samt seinem Vasallen vom Tisch gefegt und Platz geschaffen für die Vertreter seiner Rüstungsindustrie.

Laut Stefan Meister befällt Wladimir Putin in Lateinamerika genauso wie in den Randstaaten der Russischen Föderation die Ohnmacht, wie er in Cicero schreibt: „Russlands kann nur dabei zusehen, wie seine Gegner und Partner gleichermaßen in seinem ,traditionellen Hinterhof‘ an Einfluss gewinnen – vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.“ (Quellen: Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften, China-Global South Project, TASS, ntv, Defense Express, CNN, BBC, Cicero, The War Zone) (hz)