Identifizierung der Opfer: Schweizer Gerichtsmediziner erledigen Höllen-Job

Die Aufgabe der Spezialisten war so grauenvoll wie der Anblick, der sich ihnen bot: verbrannte Menschen ohne Gesichter, großflächige offene Wunden, verkohlte und verrußte Gliedmaßen, geschmolzene Haare. Viele der Opfer waren noch jung; Kinder, Teenager, Heranwachsende. 

Sie feierten Silvester in Crans-Montana, einer Gemeinde im Schweizer Kanton Wallis. Der Party-Hotspot, eine Bar namens „Le Constellation“, wurde für 40 Gäste zum Grab. Sie starben, als in der Bar ein Feuer ausbrach, das Schaumstoff an der Decke in Brand setzte.

Sich rasch ausbreitende Flammen, hochgiftige Gase, enorme Temperaturen – wer es nicht rechtzeitig aus dem Lokal schaffte, hatte so gut wie keine Überlebenschance. Die Körper vieler Opfer waren hochgradig zerstört und in einem Zustand, der eine Identifizierung mit bloßem Auge nicht zuließ.

Flammen-Inferno bei Silvesterparty: 40 Tote in Schweizer Bar 

An diesem Sonntag, keine 72 Stunden nach dem Inferno, teilte die Polizei mit: Alle 40 Todesopfer wurden identifiziert. Sie waren zwischen 14 und 39 Jahre alt, kamen aus der Schweiz, Italien, Belgien, Frankreich, Portugal, Rumänien, der Türkei.

Dass die Toten nun – wieder – Namen haben, ist eine gute Nachricht nicht nur für deren Familien, Freunde und Bekannte. Mit der Identifizierung der Opfer ist ein wichtiges Kapitel der Ermittlungsarbeit abgeschlossen. 

Zu verdanken ist dies einem 40-köpfigen Expertenteam aus dem Bereich „Disaster Victim Identification“ (DVI). Die Schweizer Spezialeinheit wurde Anfang 2001 zusammengestellt und besteht unter anderem aus Kriminaltechnikern, erfahrenen Gerichtsmedizinern, forensischen Zahnärzten und Präparatoren. 

Der Kommandant der Kantonspolizei Bern, Christian Brenzikofer, leitet das Team. Im Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sagte er, die Arbeit habe „nichts mit den schnellen Abgleichen aus Krimiserien“ zu tun. Es gehe darum, „eine felsenfest sichere Identität“ festzustellen. Dabei dürfe man sich auch nicht von dem großen „politischen Druck“ beirren lassen.

Opfer identifiziert: "Irgendwer muss diese Arbeit machen"

Brenzikofer beschrieb den Job nach dem Brand in Crans-Montana als „extrem schwierig“. Er fügte an: „Aber am Ende bleibt der Gedanke: Irgendwer muss diese Arbeit machen.“

Seinen ersten Einsatz hatte das Schweizer DVI-Team nach der Brandkatastrophe im Gotthardstraßentunnel 2001. Der erste große Auslandseinsatz führte die Gruppe nach Südostasien, wo bei einem Tsunami 2004 insgesamt rund 230.000 Menschen starben.

Damals waren auch Experten des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) vor Ort, genauer gesagt die Spezialisten der Identifizierungskommission (IDKO). 

Die Leichenkundler der 1972 gegründeten IDKO reisten mit kühlschrankgroßen Metallkoffern ins Unglücksgebiet. Sie enthielten Gummischürzen, Mundschutzmasken, Zellstoff, Scheren, Bandmaße zur Vermessung von Körpern, Fotoapparate, Skalpelle und einige Flaschen Kölnisch Wasser. Das Parfüm half den Experten, den Geruch der Toten zu überdecken. 

Hölzerne Klapptische dienten damals zur Ausbreitung von Asservaten – und, weil die Zahl der Leichen so hoch war, auch für Obduktionen. Die Identifizierungen, soweit überhaupt noch möglich, nahmen mehrere Monate in Anspruch. 

Gerade nach Bränden sind Untersuchungen sehr schwierig

Nach dem Silvester-Inferno in der Schweiz ging es vergleichsweise schnell. Dabei gilt die Untersuchung von Brandopfern als besonders schwierig. Normalerweise werden Menschen, die bei großen Schadensereignissen ums Leben gekommen sind, mithilfe von drei international anerkannten Methoden identifiziert:

  • der Vergleich von Finger-, Hand- und Fußflächenabdrücken (Daktyloskopie),
  • der Abgleich des Zahnstatus,
  • die Untersuchung und der Vergleich von genetischem Material (DNA-Abgleich).

Fingerabdrücke, Zahnstatus und DNA sind bei jedem Menschen jeweils so einzigartig ausgeprägt, dass hierüber eine sichere Zuordnung zu einer Person möglich ist.

Doch gerade bei Brandopfern kann man wichtige Spuren wie Finger- und Handabdrücke oft nicht mehr sichern, Tätowierungen nicht mehr erkennen. Auch der Zahnstatus gibt nicht in allen Fällen Aufschluss, besonders wenn die Opfer jung sind wie in Crans-Montana. Denn jüngere Menschen haben oft noch keine Implantate oder besondere Gebissmerkmale, über die man sie zweifelsfrei zuordnen kann. Auch eindeutige Operationsnarben findet man bei jungen Menschen nicht so häufig.

Horrornacht von Crans-Montana: In einem Punkt Gewissheit

In solchen Fällen bleibt häufig nur noch die DNA. Dafür wird den Opfern genetisches Material entnommen. Anschließend vergleicht man es mit den Mustern von Eltern oder Geschwistern. Genauso wurde es jetzt in der Schweiz gehandhabt.

Dabei kam erschwerend hinzu, dass den Ermittlern, anders als nach Hotelbränden oder Flugzeugabstürzen, keine Gäste- oder Passagierlisten zur Verfügung standen. Man musste jedes kleine Detail mühsam recherchieren, noch dazu im Ausland.

Dass die Schweizer Spezialisten ihren Job so schnell und gründlich erledigt haben, gehört zu den wenigen positiven Aspekten rund um die Horrornacht von Crans-Montana. Nun können sich die Ermittler voll auf die weiteren Untersuchungen konzentrieren: zur Brandursache, zu den Schutzvorkehrungen in der Bar und, vor allem, zu der Frage: Wer ist für das Inferno verantwortlich?