Ein Tänzer, der gegen „Fleischbeschau“ ankämpft: Bei Dominik Halamek zählt Können

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An Silvester flog Halamek: An seiner Show „Circus of Fantasy“ in der Loisachhalle beteiligte er sich akrobatisch. © Matthias Wupper

Der Varieté-Künstler erlebte unangenehme Vortanztermine und fragwürdige Methoden in der Ausbildung. Er selbst arbeitet heute bewusst anders.

Geretsried - Uniformjacken mit spitzen Nieten, schillernde Paillettenkorsagen, Tüllröcke – rund tausend Kostüme hängen in der Geltinger Industriehalle. „Mindestens nochmal so viele habe ich gerade verkauft“, sagt Dominik Halamek. Hier, in seiner Kreativzentrale, wie er es nennt, lagert die Ausstattung für die zahlreichen Bühnenproduktionen des Varieté-Künstlers. Einen eigenen großen Kleiderständer füllen schwarze Trikots mit weißen LED-Schläuchen, die er zusammen mit seinem Vater entworfen hat – in den unterschiedlichsten Größen: denn das ist ihm wichtig, sagt er, dass in seinen Tanz- und Luftakrobatiknummern nicht nur schlanke, großgewachsene Menschen auftreten.

In seiner Kreativzentrale in Gelting sprach Dominik Halamek mit unserer Autorin Clara Wildenrath.
In seiner Kreativzentrale in Gelting sprach Dominik Halamek mit unserer Autorin Clara Wildenrath. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Seit er fünf ist, tanzt Halamek

So wie auch der 42-Jährige mit der blonden Stoppelfrisur selbst nicht dem vermeintlichen Idealbild eines grazilen Tänzers entspricht. Das war auch in seiner Jugend schon so, sagt er, „obwohl ich damals 25 Kilo weniger hatte als heute“. Deshalb sei ihm schnell klargeworden, dass er es vermutlich nie zu einem Solisten im Staatsballett bringen würde. Trotz Talent und Leistung, die ihm immer wieder bescheinigt wurden.

Tänzer, Choreograph und Unternehmer

Dominik Halamek (42) absolvierte die Ausbildung zum Tänzer an der Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden. Er tanzte unter anderem an der Dresdner Semperoper und der Bayerischen Staatsoper. Parallel entwirft er seit 2003 eigene Shows. Als Luftakrobat wirkte er weltweit bei über 100 Produktionen mit, unter anderem bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Für Fernsehshows, Musicals und Events arbeitet er als Choreograph und Koordinator. Seit 2019 ist er mit seinem Varieté „Circus of Fantasy“ deutschlandweit auf Tournee. Außerdem betreibt er die „Dance-Factory“-Studios in Wolfratshausen, Geretsried und Bad Tölz.

Mit fünf Jahren fing er mit Ballettunterricht an – weil er es unbedingt seiner knapp eineinhalb Jahre älteren Schwester gleichtun wollte. Tanzen sei seine Leidenschaft, sagt er und sieht glücklich dabei aus. Er erzählt aber auch von den Schmerzen, die zum Alltag jedes Tänzers gehörten. Und von körperlichen Züchtigungen und psychischen Misshandlungen während der Tanzausbildung. „Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass Korrekturen auch ohne Zufügen von Schmerzen möglich sind.“ Im Studentenrat setzte er sich später gegen fragwürdige Ausbildungsmethoden ein – und wurde mit schlechten Noten und Ausgrenzung bestraft.

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Wenn er nachdenkt, verzieht er oft das Gesicht zu komischen Grimassen. Noch heute schüttelt es ihn bei der Erinnerung an die verhassten Vortanztermine, bei denen es nie nur um Können ging, sondern um „unangenehme Fleischbeschau“. Es gebe kaum einen Tänzer, egal ob männlich oder weiblich, der sich in seinem Körper wohlfühle, so wie er ist, sagt er: „Selbst, wenn die Maße ideal sind.“ Gerne denkt er dagegen an einen Auftritt mit Helene Fischer im Jahr 2018 zurück: In der Luftakrobatiknummer sei er wegen seiner Figur wieder einmal am Rand platziert worden; der Schlagerstar habe daraufhin persönlich dafür gesorgt, dass er wegen seines Könnens das Trapez direkt neben ihr bekam. „Das war ein sehr wichtiger Moment für mich.“

Irgendwann beschloss er, nicht mehr zum Vortanzen zu gehen. Heute tritt er fast nur noch in seinen eigenen Produktionen auf. „Mein großer Traum war immer, zu erreichen, dass ich möglichst oft beeinflussen kann, mit wem ich zusammenarbeite – Tänzer, Techniker oder Agenturen. Das habe ich zu 90 Prozent geschafft.“

Alle Hobbys im Job vereint

Freiheit, Selbstbestimmtheit, keine Angst haben zu müssen – das bedeute Erfolg für ihn, sagt er nach einer kurzen Pause. Auch Im vergangenen Jahr sei der Ticketverkauf eingebrochen und er habe viel Geld verloren. Trotzdem bleibt er optimistisch, dass der Tourbetrieb bald wieder besser läuft: „Kultur ist noch nie ausgestorben.“

Seine Arbeit erfülle ihn so, dass er privat keine Hobbys habe, sagt er. „Ich nähe gern, ich bastle gern, ich mache gern Grafik Design. Alles das habe ich innerhalb meines Berufs.“ Mit zunehmendem Alter übernehme er mehr Jobs, bei denen er nicht auf der Bühne steht. Ganz lassen will er es aber nicht mit seiner Mischung aus Tanz und Luftakrobatik: „Solange es sich gut und richtig anfühlt, mache ich weiter.“ Er sei stolz auf seinen Körper, dass er auch heute noch ohne viel Training seine Leistung abrufen könne – wie bei der Silvester-Show in der Loisachhalle (wir berichteten). „Danach hatte ich allerdings brutalen Muskelkater“, gibt er lachend zu.

Und auch wenn er aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage bei seinen Entscheidungen wieder mehr ans Geld denken muss: Jobs, bei denen er Tänzer nach ihrer Figur auswählen soll, lehnt er ab. „Man muss Prinzipien haben. Vielleicht kann ich damit in kleinen Schritten minimal die Welt verändern.“

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Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/wolfratshausen/dominik-halamek-lehnt-jobs-ab-bei-denen-taenzer-nach-figur-bewertet-werden-94131013.html