Eine Kuh aus Kärnten ist auf einmal weltberühmt, der kleine Bauernhof in Österreich voll mit Journalisten. Veronika sorgt für eine wissenschaftliche Sensation.
Nötsch – „Es ist unglaublich, also wirklich“, staunt Landwirt Witgar Wiegele im ORF: „Globales Interesse auf meiner Hexe.“ Bei der „Hexe“ handelt es sich um Kuh Veronika, die tatsächlich weltweit Schlagzeilen macht. Journalisten aus England, Deutschland, Frankreich, sogar den USA stehen Schlange auf dem kleinen Bauernhof in Kärnten. Nicht zum Österreich-Urlaub, sondern für einen Blick auf Veronika.
Der Grund klingt banal: Veronika, 13 Jahre alt, kratzt sich – mal mit einem Besen, mal mit etwas anderem. Sie greift mit ihrer langen Zunge gezielt nach Gegenständen wie Schrubbern oder Ästen, um damit verschiedene Körperstellen zu erreichen.
Kuh Veronika aus Österreich überrascht die Wissenschaft
Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben dieses Verhalten nun erstmals wissenschaftlich dokumentiert und nachgewiesen, dass ein Hausrind gezielt Werkzeuge einsetzen kann. „Wir verwenden den Begriff ‚dumme Kuh‘, weil wir diese Tiere nur aus dem Blickwinkel der Verwertung betrachtet haben“, erklärt die aus Bayern stammende Biologin Alice Auersperg, die an der Studie beteiligt war.
Anders als viele ihrer Artgenossen lebt Veronika nicht als Milchkuh oder für die Fleischproduktion, sondern als Haustier bei ihrem Biobauern und Bäcker in Kärnten. Dort hat sie offenbar ideale Bedingungen vorgefunden, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln. Die Forscher fanden heraus, dass die Kuh seit etwa neun Jahren selbstständig heruntergefallene Äste oder Rechen aufnimmt, um sich zu kratzen.
Kuh zeigt erstaunliches Verhalten in Experimenten
Um Veronikas Fähigkeiten genauer zu untersuchen, führten die Wissenschaftler ein Experiment durch. Sie legten der Kuh mehrfach einen Deckschrubber in verschiedenen Positionen hin. Veronika zeigte dabei erstaunliche Anpassungsfähigkeit: Für das Kratzen am Rücken nahm sie gezielt das Ende des Stiels ins Maul und bog den Kopf seitlich nach hinten. Wollte sie empfindlichere Stellen wie Bauch oder After erreichen, griff sie den Schrubber am anderen Ende, um sich vorsichtig mit dem Stielende zu kratzen.
Die in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlichte Studie könnte das Bild von Nutztieren grundlegend verändern. Die Forscher weisen darauf hin, dass ähnliches Verhalten bereits bei Pferden beobachtet wurde. Auch von Zebus, einer mit dem Hausrind verwandten Rinderart, existieren Videos mit vergleichbarem Kratzverhalten. Da sich Zebus und Hausrinder evolutionär bereits vor mehr als 500.000 Jahren voneinander getrennt haben, vermuten die Wissenschaftler, dass die Werkzeugfähigkeit nicht nur mit der Domestizierung zusammenhängt, sondern auf einem gemeinsamen Hang zur physischen Problemlösung beruhen könnte.
Gutes Leben in Österreich: Veronika hat Glück gehabt
Antonio Osuna Mascaró, der zweite Autor der Studie, betont: „Veronika ist kein Einstein unter Kühen.“ Sie habe einfach das Glück gehabt, in einer anregenden Umgebung aufzuwachsen. Die Forscher gehen davon aus, dass alle Kühe ähnliche Fähigkeiten entwickeln könnten, wenn sie als Jungtiere genügend Möglichkeiten zum Spielen und Interagieren mit Objekten hätten.
Die Wissenschaftler planen nun weitere Untersuchungen, um herauszufinden, welche Faktoren solches Verhalten begünstigen. Sie hoffen zudem, dass sich Menschen bei ihnen melden, die ähnliche Beobachtungen bei anderen Nutztieren gemacht haben. „Denn wir vermuten, dass diese Fähigkeit weiter verbreitet ist, als sie bislang dokumentiert wurde“, sagt Osuna Mascaró. (Verwendete Quellen: dpa, ORF) (moe)