Die Grönland-Krise ist das Ende des bisherigen transatlantischen Verhältnisses, sagt USA-Experte Josef Braml im Interview. Merz dürfe jetzt keinen Alleingang wagen.
Washington, D.C./Berlin – Die Welt ordnet sich gerade neu unter US-Präsident Donald Trump: Alte Regeln gelten nicht mehr, dafür regiert in der US-Politik das Recht des Stärkeren. Trumps Vorgehen gegen Europa in seinem Anspruch, Grönland zu besitzen, liefert dafür den letztewn Beweis. Damit Europa im Strudel der Machtpolitik nicht untergeht, braucht es jetzt Gegenwehr, sagt Politikwissenschaftler und USA-Experte Dr. Josef Braml.
Braml schrieb bereits vor vier Jahren in seinem Werk „Die transatlantische Illusion“, es sei ein Trugschluss, zu glauben, dass die USA unsere Interessen in Zukunft mitvertreten werden. Das scheint jetzt Realität zu werden, wie er im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media ausführt.
Trump bricht bei Grönland mit alten Regeln: „Übergang in multipolare Weltordnung“
Herr Braml, Sie schreiben in Ihrem Buch, es sei eine „transatlantische Illusion“, zu glauben, die USA würden die Interessen Europas in Zukunft vertreten, und warnen vor dem Ende der alten Weltordnung. Ist die Grönland-Krise ein Symptom dafür?
Die aktuelle Grönland‑Krise bestätigt in vieler Hinsicht das Ende jenes transatlantischen Selbstverständnisses, wonach die USA automatisch europäische Interessen mitberücksichtigen. Die von Trump angekündigten Strafzölle – zunächst 10 Prozent ab Februar, später 25 Prozent – dienen explizit dem Druck auf europäische Staaten, einer US‑Kontrolle über Grönland zuzustimmen. Das bedeutet einen Bruch mit dem bisherigen partnerschaftlichen Ansatz.
Dr. Josef Braml im Interview
Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer globalen Plattform für den Dialog politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens. Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen. In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.
Europa muss den Übergang in eine multipolare Ordnung gestalten, in der nicht mehr die „Rule of Law“, sondern die Macht der Stärkeren gilt, die ihre Einflussbereiche abstecken. Die EU arbeitet bereits an Mechanismen, um sich gegen wirtschaftliche Nötigung zu wappnen – etwa dem Anti‑Coercion Instrument, das Gegenmaßnahmen wie Gegenzölle ermöglicht. Darüber hinaus ist eine strategische Gesamtplanung nötig: Europa braucht eine gemeinsame Arktis‑Politik, denn die Region gewinnt wegen Rohstoffen, neuer Handelsrouten und militärischer Präsenz enorm an Bedeutung. Die Debatte um das amerikanische Ultimatum nach dem Motto „Grönland oder NATO“, zeigt auch, dass Europa mittelfristig seine eigene sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit stärken muss.
Trump koppelt Grönland-Interessen an Erpressung – „Europa sollte klare Linie durchsetzen“
Markiert die Grönland-Krise einen endgültigen Wendepunkt in den transatlantischen Beziehungen oder ist sie als eine kurzfristige Laune von Trump zu werten? Wie sollte Europa darauf reagieren – mit Konfrontation oder Anpassung?
Die Faktenlage deutet klar auf einen strukturellen Wendepunkt: Trump verfolgt sein Interesse an Grönland seit Jahren und koppelt es inzwischen direkt an handelspolitische Erpressung, inklusive der Androhung militärischer Schritte. Dass US‑Senatoren bereits Gesetzesinitiativen einbringen, um ein solches Vorgehen zu begrenzen, zeigt die innenpolitische Brisanz in Washington. Europa sollte daher weder konfrontativ eskalieren noch opportunistisch nachgeben, sondern eine klare, gemeinsame Linie durchsetzen: robuste Gegenmaßnahmen, etwa bis zu 93 Milliarden Euro Gegenzölle, in Stellung bringen und gleichzeitig Dialogbereitschaft zeigen, wo es sinnvoll ist.
Grönland-Streit mit Trump – „Deutschland kann deeskalierend wirken“
Kanzler Merz will in Davos mit Trump sprechen und betont, Deutschland werde seine Interessen schützen. Welche Handlungsoptionen hat Deutschland? Wie kann die Bundesregierung zwischen transatlantischer Loyalität und europäischer Solidarität navigieren?
Deutschland kann und sollte diplomatisch deeskalierend wirken, aber nicht außerhalb der europäischen Linie agieren. Wichtig ist eine klare Einbindung in die EU‑Strategie. Die Europäische Union bereitet koordinierte handelspolitische Gegenmaßnahmen vor, die nur wirken, wenn alle Mitgliedstaaten gemeinsam auftreten. Deutschland kann seine wirtschaftlichen Interessen, vor allem im Bereich des Exports, nur durch eine geeinte europäische Politik schützen. US-Zölle könnten deutsche Industriezweige besonders stark belasten. Merz kann also vermitteln, aber nicht im Alleingang verhandeln. Ein deutscher Sonderweg würde Europas Verhandlungsposition schwächen.
USA-Experte: „Ob Trump Erfolg haben wird, hängt von Gegenwehr Europas ab“
Trump will Strafzölle gegen europäische Länder verhängen, um seinen Besitzanspruch auf Grönland durchzusetzen. Welche Interessen verfolgt er tatsächlich in der Arktis? Glauben Sie, dass er am Ende damit Erfolg haben wird?
Trump nennt offiziell die nationale Sicherheit als Hauptgrund – insbesondere für das Raketenabwehrsystem „Golden Dome“ und die strategische Lage Grönlands mit Blick auf Russland und China. Trump verweist immer wieder auf russische und chinesische Ambitionen in der Arktis, um unter anderem auch neue, durch den Klimawandel frei werdende Seewege zu nutzen, und begründet damit seine Forderungen. Schließlich geht es auch um enorme Rohstoffvorkommen, darunter Öl, Gas und Seltene Erden, die in Grönland vermutet werden. Ob er Erfolg haben kann, hängt von der geschlossenen Gegenwehr Europas ab. Auch in den USA nimmt der Widerstand gegen gewaltsames Vorgehen im Kongress zu. Eine US‑Annexion würde zudem die NATO in eine existenzielle Krise stürzen. (Interview: Stephanie Munk)