Einziger Buchhandlung in Ebersberg droht das Aus

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Trauriges Alleinstellungsmerkmal: Ebersberg könnte die erste Kreisstadt in den alten Bundesländern ohne Buchhandlung werden. © Frank Rumpenhorst

Buchhändler Björn Hartung meldet sich vom Abgrund. Nun droht Ebersberg die erste Kreisstadt ohne Buchladen zu werden. Was für eine Großchance, ärgert sich unser Autor. Eine Polemik.

Ebersberg - Für die Stadt Ebersberg tut sich eine Großchance auf, die eigene Einmaligkeit unter Beweis zu stellen: Sie könnte die erste Kreisstadt bayernweit, ja, westdeutschlandweit ohne eigenen Buchladen werden. Und sich damit auf ein Deutschland-Dreier-Podest zu den Kreisstädten Wittstock und Seelow in Brandenburg gesellen, wo es schon so weit ist.

Buchhändler Björn Hartung (38), seit 2020 Betreiber der Buchhandlung Otter am Marienplatz, hat am Montagabend online einen Hilferuf veröffentlicht, der auch in seinem Schaufenster hängt: „Ich melde mich vom Abgrund“, schreibt er. Spätestens das verheerend rückläufige Weihnachtsgeschäft habe den Traditionsladen in der Innenstadt an den Rand des Ruins getrieben. „Vielen Dank für die Unterstützung der letzten Jahre“, schreibt der Chef, und meint es so, denn der Laden ist sein Lebenstraum. Doch nun sei der Fortbestand „stark gefährdet“.

Der Facebook-Hilferuf im Wortlaut

Der Ebersberger Ortskern, dessen Attraktivität ohnehin gänzlich unumstritten ist, könnte also bald von einem zusätzlichen Versicherungsbüro in bester Lage profitieren. Oder darf es zur Abrundung fürs Innenstadt-Gelegenheitsshopping der siebte Immobilienmakler sein? Ein weiteres Nagel- oder Fußpflegestudio?

Amazon statt Einzelhandel: Ebersbergs Marienplatz am Scheideweg

Aber man muss es auch so sehen: Das Amazon-Prime-Abo kommt einem notleidenden, Trump-unterstützenden US-Milliardär zugute. Wer will schon sein hart erarbeitetes Geld im popeligen, einheimischen Einzelhandel versenken? Noch dazu für so etwas Antiquiertes wie Bücher, die meisten ganz ohne Bilder? Warum so etwas Angestaubtes anfassen, wenn man sich die Welt gratis in bunten 30-Sekündern auf Tiktok und Instagram erklären lassen kann?

Es gibt halt noch ein paar unverbesserliche Idealisten. Leute, die einen solchen Laden für einen unverzichtbaren Teil der öffentlichen Nahversorgung halten. Einen Ort zum Stöbern, Blättern und Ratschen, der wie die großen Online-Händler über Nacht und zum selben Preis alles Mögliche vom Pixi-Buch über den neuesten Bestseller-Thriller, Lebensratgeber, Reiseführer bis zur Schmuckbibel heranschafft. „Ich hoffe, dass wir zusammen die Kurve bekommen“, schreibt Buchhändler Hartung, selbst so ein hoffnungsloser Innenstadtromantiker, in seinem Aushang. Die Ebersberger haben die Chance, ihn auf den Boden der Tatsachen zu stoßen. Oder mal bei ihm einkaufen zu gehen. Kommt drauf an, in welcher Art von Kreisstadt sie leben wollen.