Wie konnte das passieren? Behörden mauern, Schweizer Experten rechnen jetzt ab

Auch eineinhalb Tage nach der Katastrophe von Crans-Montana halten sich die Behörden des Kantons Wallis in der Schweiz bedeckt. Es geht um zwei zentrale Fragen: Gab es eine offizielle Brandschutzabnahme und regelmäßige Kontrollen in der Bar „Le Constellation“? Und: Wie konnte sich das Feuer so schnell und verheerend ausbreiten?

Katastrophe in Crans-Montana: Behörden schweigen zu Brandschutzkontrollen

Die Indizien:

  • Brennbare Materialien: Bilder aus der Bar legen nahe, dass die Deckenisolierung aus einfachem Kunststoff bestand. Dieser entzündete sich – Auslöser war aller Wahrscheinlichkeit nach der Funkenschlag einer Wunderkerze in einer Champagnerflasche.
  • Versperrte Fluchtwege: Ein Video der Bar aus dem Jahr 2015 zeigte einen Fluchtweg über die Terrasse, der jedoch durch Möbel versperrt war; zudem fehlte an der Tür ein Griff. Laut ersten Berichten gab es nur einen Weg nach draußen: eine enge Treppe nach oben, die schnell verstopfte. Die Ermittler gaben in einer Pressekonferenz am Freitag an, es habe einen Notausgang gegeben. Ob dieser erreichbar oder verstellt war, dazu wurde geschwiegen.
  • Fehlende Auskunft: Die Behörden gaben bislang keine Information dazu preis, ob eine Brandschutzabnahme stattfand. „Ich kann Ihnen das zurzeit nicht sagen“, erklärte Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud am Freitagnachmittag.
  • Eigenbau des Betreibers: Der Betreiber Jacques Moretti rühmte sich kurz nach der Eröffnung vor rund zehn Jahren damit, „fast alles selbst umgebaut“ zu haben. In einem ersten Statement nach dem Unglück wies er Vorwürfe mangelhaften Brandschutzes zurück.
  • Verantwortung der Gemeinde: Zuständig für die Einhaltung der Vorschriften ist die Gemeinde. Auf die Frage des „Spiegel“, inwiefern Kontrollen stattgefunden hätten, entgegnete Gemeindepräsident Nicolas Feraud: „Wer sind Sie, so etwas zu verlangen!“

Bislang gibt es keine Beweise für eine individuelle Schuld; es gilt die Unschuldsvermutung. Das Ausweichen der Behörden wirft jedoch die Frage auf, ob beim Brandschutz geschlampt wurde.

Experten-Kritik: Mängel beim Brandschutz in der Schweiz und im Wallis

In eine ähnliche Kerbe schlagen Brandschutzexperten gegenüber dem Nachrichtenportal „20 Minuten“. Sie äußern drastische Kritik am Schweizer Sicherheitssystem. Thomas Mandler, Brandschutzberater und ehemaliger Feuerwehrmann, zeigt sich über das Ausmaß der Tragödie kaum überrascht: „Der Brandschutz wird in der Schweiz nicht konsequent umgesetzt.“ Laut Mandler sei es fast der „Normalfall“, dass vieles schiefläuft, da Behörden oft auf die Eigenverantwortung der Besitzer vertrauen, statt zwingende Kontrollen durchzuführen. „Entsprechend entdeckt auch niemand Mängel, und Gebäude werden nicht vorübergehend geschlossen“, so Mandler.

Ein weiterer Experte hebt hervor, dass der Kanton Wallis zudem ein „Spezialfall“ sei: Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es dort keine obligatorische Gebäudeversicherung; die Verantwortung liegt allein bei den Gemeinden.

Brandursache Akustikmatten: Interessenskonflikte bei Sicherheitskontrollen?

Ein anonymer Fachmann berichtet bei „20 Minuten“ zudem von einem brisanten Interessenkonflikt: Selbst bei gravierenden Mängeln würden Kontrolleure gegen Schließungen entscheiden, da sie „auch touristische Interessen abwägen“. Sein bitteres Fazit: „Am Ende ruft ja das Geld.“ Die Walliser Behörden ließen Anfragen zu den letzten Kontrollintervallen im Club bislang unbeantwortet.

Ein besonderer Fokus der Ermittlungen liegt auf den Akustikmatten an der Decke. Laut Experte Mandler werden Dekorationen bei Abnahmen oft nicht genau untersucht oder Änderungen nach der Bewilligung gar nicht erst gemeldet.

Gegenüber FOCUS online sagte der Brandschutzexperte Markus Knorr bereits am Donnerstag: „Auf einem Video ist zu erkennen, dass es von der Decke brennend abtropft. Das deutet darauf hin, dass es in der Bar brennbaren Kunststoff an der Decke gab. Auch an der sonstigen Innenverkleidung sehe ich viel Schaumstoff, vermutlich Akustikmaterial aus leicht entflammbarem Material. Diese Struktur hat zudem ein hohes Oberfläche-zu-Masse-Verhältnis, wodurch sie zusätzlich leichter brennbar ist.“

Aufarbeitung: Zwischen behördlichem Schweigen und Expertenkritik

Die drängenden Fragen nach den Abnahmeintervallen und der Materialprüfung bleiben vorerst unbeantwortet im Raum stehen. Während Experten strukturelle Schwachstellen im System vermuten, obliegt es nun der Staatsanwaltschaft, die genauen Kausalitäten zwischen Innenausbau und Behördenkontrolle zu entwirren. Klar ist nach diesen ersten Tagen nur: Die Aufarbeitung wird weit über den Einzelfall in Crans-Montana hinausgehen und die allgemeine Sicherheitskultur der Region auf den Prüfstand stellen.