Russlands Truppen rückten 2025 schneller vor als im Vorjahr. Ein neues operatives Modell steigerte das Tempo – bei enormen menschlichen Verlusten.
Moskau – Für einen eroberten Quadratkilometer setzte der russische Präsident Wladimir Putin im Jahr 2025 im Ukraine-Krieg 78 Menschenleben ein. Das geht aus einer Analyse der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) vom Mittwoch (31. Dezember) hervor. Demnach steigerte Russland im vergangenen Jahr seine Gebietsgewinne deutlich: Das ISW schätzt, dass Moskaus Truppen 4.831 Quadratkilometer in der Ukraine eroberten und zusätzlich etwa 473 Quadratkilometer in der Oblast Kursk. 2024 waren es nur 3.604 Quadratkilometer. Die Erfolge basieren laut Militärexperten auf einem neuen operativen Modell.
Der neue Ansatz basiert demnach auf „technologischen Anpassungen und einer Änderung der Angriffstaktiken“, so die ISW-Analyse. Dadurch konnten russische Truppen ihre durchschnittliche Vorstoßrate auf 13,24 Quadratkilometer pro Tag erhöhen. Zum Vergleich: 2024 waren es bei 9,87 Quadratkilometer. Der bisherige Höchstwert lag im November 2025 bei 20,99 Quadratkilometern pro Tag. Ab Herbst setzte Russland auf eine Taktik mit „langwierigen Luftangriffskampagne, taktischen Abfangeinsätzen, Infiltrationsmissionen und Massenangriffen kleiner Gruppen“. Das führte zu Gebietsgewinnen in Richtung Pokrowsk, Oleksandriwka und Huljajpole.
Russland verändert den Drohnenkrieg: Mehr Glasfaser statt Funk
Russland entwickelte 2025 auch seine Drohnentechnik maßgeblich weiter: Seit Frühjahr 2025 produzieren die Streitkräfte verstärkt Glasfaser-Drohnen, die gegen ukrainische Störsignale resistenter sind. Ihre Reichweite stieg zunächst von 7 auf 20 Kilometer und im Sommer auf bis zu 60 Kilometer. Zudem setzte Russland sogenannte „Mutterschiff“-Drohnen ein, die kleinere FPV-Drohnen (First-Person-View) transportieren und so deren Einsatzradius vergrößern. Dies erlaubte nach Angaben des ISW gezieltere Angriffe im ukrainischen Hinterland. Laut dem ukrainischen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj trug der Einsatz dieser Drohnen bei Siversk zur Einnahme der Stadt bei.
In Waldgebieten wie dem Serebrjanske-Wald nutzen russische Einheiten die Glasfaser-Drohnen, um ukrainische Nachschubwege zu stören – dort, wo funkgesteuerte Drohnen Schwierigkeiten haben und kaum funktionieren. Der Haken für Russland: Die Erfolge waren teils vom Wetter abhängig. „Die vergleichsweise schnelleren russischen Vorstöße im Jahr 2025 beschränkten sich weiterhin auf das Fußtempo und nutzten häufig schlechte Wetterbedingungen aus, die ukrainische Drohneneinsätze behinderten – Bedingungen, die nicht ewig anhalten werden“, so die Analyse der Experten weiter.
| Zeitpunkt in 2025 | Militärische Fortschritte Russlands |
| Ende Januar | Russland nimmt Welyka Nowosilka ein |
| Frühjahr | Erfolgreiche Luftangriffe: Drohneneinsätze, um ukrainischer Bodenverbindungen zu unterbrechen |
| März | Russische Streitkräfte vertreiben ukrainische Truppen aus Kursk |
| April und Mai | Verlegung der Elite-Drohnenpiloten des Rubikon-Zentrums an die Frontlinie |
| Juni | Beginn des Übergans von verlustreichen, infateriegeführten Angriffen zu Infiltrationstaktiken |
| Sommer | Weiterentwicklung der Drohnentechnik: Russland erhöhte die Reichweite von 7 auf 20 Kilometer und im Sommer auf 50 bis 60 Kilometer. |
| Herbst | Beginn des neuen operativen Modells |
| Herbst und Winter | Verstärkte Angriffe auf ukrainisches Energienetz und Eisenbahninfrastruktur, unter anderem mit verbesserten Drohnen des Typs Shahed. |
Diese Verluste nahm Putin in Kauf: insgesamt mehr als eine Million Tote
Doch nicht alles lief für den Kreml nach Plan: Bis 1. September wollte Moskau die Gebiete Luhansk und Donezk vollständig einnehmen, sowie bis Ende des Jahres eine Pufferzone entlang der nördlichen ukrainisch-russischen Grenze errichten, wie der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Pawlo Palisa, mitteilte. Beides gelang Russland jedoch nicht. „Die russischen Streitkräfte priorisierten im Jahr 2025 die Eroberung von Pokrowsk, den Vormarsch im Westen des Gebiets Donezk und den Vorstoß in den Südosten des Gebiets Dnipropetrowsk“, so die ISW-Analyse.
Für diese Gebietsgewinne nahm Putin viele tote Soldaten und Soldatinnen in Kauf: Laut Angaben des ukrainischen Generalstabs lagen die russischen Verluste allein im Jahr 2025 bei 416.570, pro Tag also im Schnitt bei 1.200 Soldaten. Diese Zahlen aus Kiew lassen sich zwar nicht unabhängig verifizieren, gelten unter Militärexperten aber als plausibel. Insgesamt wurden seit Beginn des russischen Angriffskriegs bereits mehr als 1,1 Millionen russische Soldaten verletzt oder getötet, wie NATO-Generalsekretär Mark Rutte im Dezember mitteilte. Die Ukraine zerstörte 2025 außerdem 4.250 russische Panzer und 8.639 bewaffnete Infanteriefahrzeuge, wie geolokalisierte Aufnahmen der Datenbank Oryx zeigen. (Quellen: ISW, dpa, Oryx) (bme)