Der Bio-Landwirt aus Vierkirchen praktiziert Weideschlachtung ohne Transportstress. Ein Tier wird er jedoch niemals schlachten können.
Vierkirchen – Oliver Wickl liebt seine Tiere. Das wird bei einem Besuch auf einer seiner gepachteten Weiden bei Kranzberg (Landkreis Freising) schnell klar. „Resi“ oder „Mausi“ etwa nennt er seine Rinder. Gerade streichelt er liebevoll eine Kuh. Und dennoch wird er dieses Tier schlachten. Denn der 28-jährige Bio-Landwirt aus Vierkirchen lebt auch von der Fleischrindhaltung – verfolgt dabei aber ein konsequent nachhaltiges und tierfreundliches Konzept: ganzjährige Weidehaltung und Schlachtung ohne Transportstress.
In die Wiege gelegt war ihm die Landwirtschaft sicher nicht. Beide Eltern sind Polizeibeamte, mit einem Hof hatte die Familie nichts zu tun. „Meine Eltern fanden das anfangs eher befremdlich, einige Freunde hielten mich wohl für leicht verrückt“, erinnert sich Wickl schmunzelnd. Eigentlich dachte er zunächst auch an eine Karriere im Polizeidienst. Aber er erkannte bald, dass dort Aufstiegsmöglichkeiten einen höheren Schulabschluss erfordern. So holte er zunächst das Abitur an der Fachoberschule (FOS) in Karlsfeld auf dem sozialen Zweig nach. Anschließend arbeitete er für ein Jahr in einem Kindergarten.
Während seiner Zeit an der FOS lernte Wickl einen Bio-Ackerbauern kennen, der einen Großbetrieb im Vierkirchner Ortsteil Pasenbach führt. Noch als Schüler arbeitete er dort mit. „Da habe ich gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit draußen in der Natur macht“, erzählt er. Wickl entschied sich nach dem Abitur somit doch gegen die Polizei oder Sozialarbeit. Stattdessen studierte er Landwirtschaft in Weihenstephan. „Mit Tieren wollte ich erst einmal nichts zu tun haben und mich auf den Ackerbau konzentrieren“, sagt er rückblickend. Das änderte sich, als er über einen Mitstudenten die Mutterkuhhaltung kennenlernte. Dies ist eine Form der Rinderhaltung, bei der Kühe ihre Kälber selbst säugen und die Kälber nicht von der Mutter getrennt werden, wie es in der Milchviehhaltung üblich ist. Wickl war von dieser Art der Aufzucht fasziniert und wollte in die gleiche Richtung gehen. So begann er vor etwa sechs Jahren mit zwei Rindern auf einer Weide hinter einer Halle des Vierkirchner Bio-Großbetriebs. Schnell stellte er fest, dass die Nachfrage nach hochwertigem Fleisch aus ökologischer, tiergerechter Haltung groß ist.
Er entscheidet sich gegen Polizeidienst und Sozialarbeit und wird Landwirt
Eine klassische Stallhaltung gibt es bei ihm so nicht. Die etwa 35 Tiere leben überwiegend ganzjährig im Freien. Wickl setzt auf alte und robuste Rassen: Einen Teil seiner Herde machen die Pinzgauer Rinder aus, eine vom Aussterben bedrohte Art. Ergänzt wird der Bestand durch die ebenfalls seltenen Murnau-Werdenfelser Rinder.
Über 100 000 Euro hat der Junglandwirt bislang in seinen Betrieb investiert. „Ohne EU-Förderungen wäre das nicht möglich gewesen“, sagt er offen. Subventionen erhält er für die biologische Landwirtschaft, extensive Weidehaltung und den Erhalt der seltenen Rassen. Ohne diese wäre der Fleischpreis viel zu hoch, und es bestünde so kaum Kaufinteresse.
Wickl betreibt seinen eigenen Betrieb nur im Nebenerwerb und arbeitet weiterhin als angestellter Landwirt auf dem Bio-Hof in Pasenbach. Bei zeitlichen Engpässen helfen mittlerweile schon mal seine Eltern aus. „Ohne sie würde es nicht funktionieren“, gesteht Wickl. Auch seine Freundin Maria packt immer wieder mit an.
Trotz des Wachstums seiner Rinderhaltung bleibt er bewusst in einem überschaubaren Rahmen. Seine Tiere hält er auf etwa 15 Hektar Weidefläche, verteilt auf mehrere Standorte, unter anderem auch in Sulzrain bei Vierkirchen. Weitere 20 Hektar dienen der ökologischen Futtergewinnung für seine Tiere.
„Ich möchte klein bleiben“, betont er. Sein Ziel sei, etwa zehn Tiere pro Jahr zu schlachten. Mehr wolle er nicht – auch, um zusätzliche Bürokratie zu vermeiden. Zudem arbeitet er im Milchviehbetrieb seiner Freundin mit.
Der letzte Gang des Tieres soll ohne Angst erfolgen
Ein besonders sensibles Thema ist für Wickl das Schlachten. Die Tiere werden auf der Weide geboren, dort aufgezogen – und dort auch getötet. „Am Anfang war das emotional sehr schwierig. Beim ersten Mal hatte ich schon leicht feuchte Augen“, gibt er offen zu. Umso wichtiger ist dem Jungbauern ein möglichst stressfreier Ablauf. Mittlerweile hat er auch einen speziellen Kurs absolviert. Die Rinder werden mit gut 30 Monaten geschlachtet. Dies sei später als in den meisten konventionellen Fleischtierhaltungen. Der letzte Gang der Tiere soll angstarm in der gewohnten Umgebung erfolgen. Ein Transport zum Schlachthof entfällt. Wickl betäubt seine Rinder per Kugelschuss mit einem speziellen Gewehr, nicht mit dem sonst üblichen Bolzenschussgerät. Fehlschüsse habe es bislang keine gegeben. „Gott sei Dank“, sagt Wickl. Anschließend tötet er das aufgehängte Tier mit einem Bruststich. Danach wird es zum Metzger gebracht und dort zerlegt – auch dabei hilft Wickl mit. Während er davon erzählt, streichelt er eines der Rinder, mit denen er seinen Betrieb begonnen hatte. Dieses Tier wird er nicht schlachten. Das bringt er einfach nicht übers Herz. Es bekommt sein Gnadenbrot.
Das Fleisch verkauft Wickl direkt – über die Homepage „wickls-weidefleisch.de“, Flyer, Mundpropaganda und soziale Medien. Das Kilogramm-Mischpaket kostet derzeit 20 Euro. „Eigentlich ist das fast zu günstig im Vergleich zu den Preisen bei der konventionellen Haltung“, meint Wickl. Als Wettbewerber zu konventionellen Betrieben sieht er sich dennoch nicht. Etwas Konkurrenz gebe es allenfalls bei der Verteilung der Grünlandflächen.
Was ihm besonders wichtig ist, bringt Wickl auf einen einfachen Nenner: bewusster Fleischkonsum. „Lieber weniger Fleisch essen – dafür hochwertiges aus guter Haltung.“ Markus Wittenzellner