Die „Ideenfabrik“ Dachau soll Bibliothek und Jugendkultur vereinen. Doch die Finanzierung dürfte schwierig werden, Kritiker sprechen von Luftschlössern.
Dachau – Wer heute an der Ludwig-Thoma-Straße entlangfährt, kann sich nur schwer vorstellen, dass auf dem ehemaligen MD-Papierfabrikgelände einmal ein moderner neuer Stadtteil mit bis zu fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern, einem riesigen Parkhaus und Geschäften in den Himmel ragen soll. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen in Stadtrat und Stadtbauamt seit Jahren darauf drängen, die denkmalgeschützten Teile der historischen Fabrik inklusive Wasserturm zu erhalten und sinnvoll zu nutzen – und damit quasi ein Scharnier zu erschaffen zwischen dem alten und neuen Dachau.
Das Problem: Die ursprünglichen Pläne, wie dieses Scharnier gestaltet werden könnte, haben sich im vergangenen Jahr zerschlagen. Der Bezirk Oberbayern war, wie berichtet, aus dem mit Stadt und Landkreis Dachau gemeinsam geführten Zweckverband Dachauer Galerien und Museen ausgestiegen. Dessen Ziel, auf dem MD-Gelände ein schickes Museumsforum zu bauen, war damit beerdigt. Zur Erinnerung: Das Museumsforum sollte sowohl ein – neues – Museum für Arbeits- und Industriekultur als auch das – alte – Bezirksmuseum beheimaten; letzteres wäre von seinem altehrwürdigen Standort in der Altstadt auf das Papierfabrikgelände gezogen.
Oberbürgermeister Florian Hartmann aber ließ sich von diesem Rückschlag nicht beeindrucken. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte er angekündigt, dass es neue Ideen gebe, wie man in Zukunft Leben in die alten Fabrikhallen bringen könnte. Am Mittwoch setzte er dieses Versprechen um. In einer in dieser Legislaturperiode bislang einmaligen Sitzung von Kultur-, Familien- und Sozial- sowie Bau- und Planungsausschuss stellte er sein Konzept der „Ideenfabrik“ vor.
Stadtbücherei braucht langfristig mehr Platz
Und das klingt fantastisch. Im denkmalgeschützten Gebäuderiegel an der Ludwig-Thoma-Straße soll demnach ein „offener, barrierefreier, generationenübergreifender Kultur- und Bildungsort“ entstehen, der für die Jugend einen Veranstaltungsort und „Kreativwerkstätten“, für alle eine neue Stadtbibliothek sowie – optional – für die Kulturfreunde auch noch eine neue Gemäldegalerie umfassen soll. So bleibe, nach außen, die Papierfabrik sichtbar, im Innern aber entstehe ein Ort der Wissens- und Kulturproduktion. Arbeitstitel des Projekts: „Ideenfabrik“.
Die Idee für die „Ideenfabrik“ kam Hartmann und seinen Rathaus-Verantwortlichen aber erst, als sie im vergangenen Herbst eine Hiobsbotschaft erreichte: Die Stadtbücherei-Hauptstelle am Max-Mannheimer-Platz hat laut OB „ein Problem mit dem Stahlbeton“ und ist „energetisch auch alles andere als gut“. Zwar würde nach Einschätzung des Bauamts eine 3 bis 5 Millionen Euro teure Betonsanierung der Einrichtung eine weitere Lebensdauer von zehn bis 20 Jahren bescheren. Aber dann, so Hartmann, „brauchen wir eine Lösung“ – und zwar eine, die der beliebten Bücherei nach Möglichkeit auch noch Raum für einen Ausbau biete. Die nach dem Scheitern der Museumsforum-Pläne wieder leeren Fabrikhallen seien da „eine Fügung des Schicksals“ gewesen.
Allerdings hat die „Ideenfabrik“ ihren Preis: ganz grob geschätzt 38,7 Millionen Euro. „Ein Batzen Geld“, wie Hartmann erklärte, und eingestehen musste: „Das ist nicht finanzierbar.“ Und hier kommt die zweite schicksalhafte Fügung ins Spiel: Die Regierung von Oberbayern, die zuvor ja aus dem Zweckverband Dachauer Galerien und Museen ausgestiegen war, sei von den neuen Plänen nun „begeistert“ und „angetan“ gewesen und habe, so der OB, eine „gigantische“, bis zu 80-prozentige Förderung in Aussicht gestellt! Hartmanns Forderung an die Stadträte war daher eindeutig: „Lassen Sie es uns versuchen, machen wir uns auf den Weg!“
Anke Drexler (SPD) war, wie die Mehrheit des Gremiums, „begeistert“, wie sie erklärte. Die Stadt müsse das „Momentum“ nutzen, „da geht ein Zeitfenster auf“! Auch Sabine Geißler (Bündnis für Dachau) rief das Gremium dazu auf, diese einmalige Chance zu nutzen. Wer nämlich schon einmal die Stadtbücherei in München gesehen habe, „der weiß, wie moderne Bibliotheken funktionieren“! Wolfgang Moll (Wir) sah bei Hartmanns Vorschlag nur eine Gefahr: „Dass wir diese Chance nicht nutzen!“ Und für Richard Seidl (Grüne) ist die „Ideenfabrik“, mangels anderer Vorschläge, ohnehin alternativlos: „Bisher hat keiner eine bessere Idee gehabt. Das ist also nicht nur eine Chance, sondern unsere einzige Option.“
Doch es gab auch kritische Stimmen. Florian Schiller (CSU) rechnete vor, dass – selbst im besten Förderungs-Fall – bei der Stadt noch eine Eigenbeteiligung an den Baukosten von 13 Millionen Euro bliebe. „Wenn ich mir unsere Haushaltszahlen anschaue, fehlt mir die Fantasie, wie wir das hinbekommen sollen.“ Jürgen Seidl (FDP) nannte die städtische Rechnung denn auch „abenteuerlich“ und warf Hartmann vor, „Luftschlösser zu zeichnen“. Zu den reinen Investitionskosten kämen ja schließlich noch die Unterhaltskosten!
Doch OB Hartmann beruhigte. Mit seiner Zustimmung mache der Stadtrat ja nun erst einmal einen ersten Schritt von vielen weiteren. Bis es so weit sei, dass auch nur ein Buch vom Max-Mannheimer-Platz hinüber zum MD-Gelände zieht, „wird noch viel Wasser den Mühlbach hinunterfließen“.