„Es profitieren alle“: Refudocs behandeln in Ebersberg Menschen Geflüchtete, auch zum Wohl der Einheimischen

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Sprechstunde in der Geflüchtetenunterkunft: Arzthelferin Hartzendorf (41) legt der 70-jährigen Olga, geflohen aus der Ukraine, eine Blutdruckmanschette um, bevor Arzt Werner Schweizer (75) zur Anamnese übergeht. © Stefan Rossmann

Der Verein Refudocs versorgt Geflüchtete in der Unterkunft am Sparkassenplatz. Fast 1500 Behandlungen gab es bereits in anderthalb Jahren.

Olga fühlt sich schwindlig und ihr ist übel. Die 70-Jährige ist vor dem Krieg in ihrer ukrainischen Heimat geflohen, bis nach Ebersberg. Nun sitzt sie auf einem schwarzen Plastikstuhl in dem engen Beratungszimmer, das quasi nur aus Schreibtisch und Untersuchungsliege besteht. Beobachtet von Werner Schweizer aus Vaterstetten, als Hausarzt mit 75 Jahren eigentlich längst im Ruhestand, zurrt Arzthelferin Mariia Hartzendorf die Manschette des Blutdruckmessgeräts fest. Die 41-Jährige aus Markt Schwaben stammt selbst aus der Ukraine. Sie fungiert in dieser besonderen Sprechstunde im ehemaligen Sparkassengebäude gleichzeitig als Übersetzerin. „Warum sind Sie da? Wo kommen’s her? Was fehlt Ihnen?“: Das sind die ersten Dinge, die Werner Schweizer wissen will, wenn er in der Geflüchtetenunterkunft Sprechstunde hält, wo etwa 380 Menschen aus der Ukraine, Afghanistan und vielen weiteren Ländern leben.

Ebersberg  REFUDOCS , alte Sparkasse
„Gesundheit ist Menschenrecht“: Refudocs-Gründer Mathias Wendeborn und Praxis-Managerin Anne Frank. © Stefan Rossmann

Dass zweimal die Woche Ärzte zu den Menschen in die Unterkunft kommen, ist den Refudocs zu verdanken, einem gemeinnützigen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, Geflüchtete und deren Kinder in Sammelunterkünften unkomplizierten Zugang zu medizinischer Hilfe zu verschaffen. Gegründet hat ihn der Münchner Kinderarzt Mathias Wendeborn, als er sah, wie 2015 die Erstaufnahmeeinrichtung in der Bayernkaserne mit 2000 Menschen überquoll, ohne richtige medizinische Versorgung. Auf Anfrage des ärztlichen Kreisverbands um dessen Vorstand Marc Block sind die Refudocs seit April 2024 auch in Ebersberg aktiv. Insgesamt rund 20 vergleichbare Praxen haben die Refudocs seit dem Flüchtlingssommer 2015 gemanagt, sind zurzeit auch noch in München und im Kreis Starnberg tätig – und für weitere Engagements grundsätzlich offen. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten ist vielerorts über die Jahre abgeebbt. Die Refudocs wollen weiter präsent sein. „Wir machen das immer mit den Leuten vor Ort“, sagt Wendeborn. In Ebersberg habe sich ein tolles Helfer-Team gebildet; begeistert sei man außerdem von der enormen Unterstützung durch das Landratsamt.

Die Leute sollen hier in diesem fremden Land nicht völlig verloren gehen.

Vor dem Sprechzimmer hat sich eine Schlange gebildet: ein junger Mann mit klobigen Kopfhörern, Brille und Frisur wie Harry Potter. Eine hagere, ältere Frau im dicken Mantel. Ein halbes Dutzend weiterer Bewohnerinnen und Bewohner der größten Unterkunft im Landkreis Ebersberg. Hier leben rund 380 Menschen, darunter rund 120 Minderjährige. Entsprechend ist vom fiebrigen Kleinkind und Grippe bis zur eitrigen Mandelentzündung, grauem Star und Diabetes alles dabei, was auch die Einheimischen krankmacht und was sich entsprechend ein Arzt anschauen sollte.

Arzthelferin und Dolmetscherin in Personalunion: Mariia Hartzendorf (41) aus Markt Schwaben hilft mit Fachkenntnis, Russisch und Ukrainisch und der Refudocs-Mappe.
Arzthelferin und Dolmetscherin in Personalunion: Mariia Hartzendorf (41) aus Markt Schwaben hilft mit Fachkenntnis, Russisch und Ukrainisch und der Refudocs-Mappe. © Stefan Rossmann

Refudocs-Gründer Wendeborn sagt: „Von uns profitieren alle: die Flüchtlinge, die Arztpraxen – und die Ebersberger.“ Die Patienten dank einer ersten Anlaufstelle, die nicht nur medizinisch kompetent, sondern auch auf die Sprachbarrieren und die oft komplizierten Vorgeschichten und bürokratischen Umstände eingestellt ist. Die Arztpraxen in der Stadt, weil ihnen diese Probleme abgenommen würden – und die Ebersberger, weil das wiederum die hiesigen Wartezimmer entlaste. Zudem komme es durch die Anwesenheit der Ärzte zu viel weniger Notarzt-Einsätzen und Klinik-Einweisungen. „Wir sparen viel mehr, als wir kosten“, sagt Wendeborn. Fast 1500 Behandlungen haben die Refudocs in den anderthalb Jahren in Ebersberg absolviert. Finanziert aus Spenden, an denen sich auch Behörden wie das Landratsamt beteiligen, die wissen, was sie an den Refudocs haben. Die Ärzte bekämen lediglich eine Aufwandsentschädigung, weit unter dem üblichen Satz und leisteten die reine Basisversorgung. „Keiner wird bessergestellt als ein normaler Kassenpatient“, sagt Wendeborn, verweist gleichzeitig auf den UN-Sozialpakt von 1976, der in Artikel 12.2d die medizinische Versorgung für jedermann dem internationalen Völkerrecht einschreibt.

Wir sparen viel mehr, als wir kosten.

Olga hat, wie alle anderen Refudocs-Patienten auch, eine Pappmappe bekommen, die ihre medizinische Vorgeschichte, Medikation und Behandlungsempfehlungen enthält. Die dolmetschende Arzthelferin Mariia Hartzendorf wird ihr auch dieses Mal einen Zettel hineinlegen, mit einem Kurzbericht aus der heutigen Sprechstunde. Stellt sich heraus: Die 70-jährige Ukrainerin war einem Missverständnis bei der Medikamenteneinnahme aufgesessen, wie es den Ärzten zufolge immer wieder vorkommt, gleich welcher Herkunft die Patienten sind. Mit der Refudocs-Mappe, mit der Olga nun erleichtert lächelnd von dannen zieht, sind die Apotheker und die Ärzte in der Kreisstadt mitsamt der Klinik vertraut, sagt Wendeborn. Damit geht es, falls die Refudocs-Ärzte für ein Problem keine Lösung haben, in der Klinik oder einer Praxis unkomplizierter und schneller voran.

Ebersberg  REFUDOCS , alte Sparkasse. , Dr. Schweizer
Mediziner im Ruhestand, Arzt aus Leidenschaft: Werner Schweizer (75). © Stefan Rossmann

Für den 75-jährigen Werner Schweizer aus Vaterstetten ist das Helfen hier im Sparkassengebäude eine Einstellungssache. Als Berufsmediziner ist er im Ruhestand, aber Arzt ist er geblieben. „Die Leute sollen hier in diesem fremden Land nicht völlig verloren gehen“, findet er. Einem Mann Anfang 20, durch eine Linsentrübung fast erblindet, habe er eine rettende Augenbehandlung vermitteln können. „Dieser Mann wird wieder sehen“, sagt Schweizer und nickt mit hippokratischer Genugtuung.

Neben diesem spektakulären Fall erinnert sich der Arzt an ungezählte berührende Begegnungen, die über die manchmal auch kleinen Wehwehchen hinaus in Erinnerung bleiben. Auf dem Peru-Markt in Vaterstetten hat er Teddybären gekauft. Mit dem Hustensaft gibt es dann für ein Kind das manchmal erste Kuscheltier, das es besitzt. Und ein Strahlen zurück, das für Schweizer mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Wenn er nach der Sprechstunde über den Ebersberger Sparkassenplatz in den Feierabend spaziert, nicken ihm die Bewohner zu, erzählt er, oft mit einer Geste, die alles sagt: Schweizer legt die Hand aufs Herz, deutet eine leichte Verbeugung an und sagt: „Dafür brauchst du keinen Dolmetscher.“