Der Raubüberfall von Haag hat das Dorf tief getroffen. Vor Ort und im Netz zeigt sich, dass sich viele hilflos gefühlt haben, obwohl die Lage längst unter Kontrolle war.
Haag – Obwohl die Polizei nach dem bewaffneten Raubüberfall am Dienstagabend aus Haag an der Amper (Kreis Freising) längst abgerückt ist, bleibt ein sehr mulmiges Gefühl bei den Bürgerinnen und Bürgern der kleinen Ampertal-Gemeinde zurück. Und das ist am darauffolgenden Vormittag deutlich zu spüren. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas bei uns hier passieren kann“, sagt eine ältere Dame, die gerade aus dem Dorfladen kommt. Was viele bemängeln: die fehlende und vor allem zeitnahe Informationsweitergabe seitens der Polizei oder anderer Verantwortlicher, was eigentlich gerade in ihrer Gemeinde los ist.
Ein Nachbar wird Zeuge der Tat
Eine Nachbarin des Opfers allerdings kann dem Freisinger Tagblatt relativ genau sagen, was am Dienstagabend passiert ist – und sie nennt dabei erschreckende und bis dato unbekannte Details. „Mein Mann war vor Ort und ist Zeuge“, erzählt eine Dorfladen-Kundin. Demnach sei der Tathergang, der ihr von ihrem Mann berichtet wurde, so gewesen: Eine 41-jährige Frau öffnete am Dienstagabend kurz nach 17 Uhr ihre Haustüre, weil zu diesen Zeiten häufig der Paketbote klingelt. Vor ihr allerdings stand nicht ein Zusteller, sondern ein Mann mit einer Schusswaffe in der Hand – und dieser wollte Bargeld. Es kam zu einem Gerangel, das Opfer schrie dabei auch laut nach Hilfe und der Polizei, weshalb dann auch der Zeuge dazukam.
Wann genau der Täter mit seiner Waffe auf die Frau einschlug, ist unklar – klar ist hingegen, dass die Geschädigte davon eine Platzwunde am Kopf davontrug. Der Täter, so die Nachbarin, floh mit Bargeld in der Höhe von 500 Euro stadtauswärts und rempelte dabei auch noch ihren Ehemann, also den Zeugen, an. Klein, schmächtig und dunkel gekleidet sei der Flüchtige gewesen. Die Aussagen decken sich mit dem Bericht des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, der am Mittwochmittag verschickt wird. Was im Dorfladen auch noch die Runde macht, aber Recherchen des Freisinger Tagblatts nicht bestätigen können: dass die Polizei die Mehrzweckhalle neben dem Rathaus „evakuiert“ habe, da dort zu dieser Zeit eine Sportveranstaltung gelaufen ist und überhaupt nicht klar war, ob sich der bewaffnete Mann noch in der Nähe aufhält. Die betroffenen Tischtennisspieler widersprechen dieser Aussage auf Nachfrage.
„Wir haben einfach von nichts gewusst“, beklagt auch eine weitere Dame im Dorfladen. Beängstigend sei vor allem der Hubschrauber gewesen, der lange Zeit über Haag in der Luft „gestanden“ sei. Zudem habe es sehr schnell sehr viele Gerüchte gegeben, unter anderem, dass ein Schuss gefallen sei. Viele der vom Tagblatt vor Ort Befragten haben sich sicherheitshalber in ihren Häusern verbarrikadiert. „Ich musste noch mit dem Hund raus, das war schon sehr beunruhigend“, erinnert sich eine der Dorfladen-Beschäftigten an ihr mulmiges Gefühl. Als das Geschäft am Mittwoch um 8 Uhr in der Früh aufsperrt, bleibt der Laden erst einmal leer – offensichtlich, weil die Leute immer noch Angst haben und sicherheitshalber erst mal lieber zu Hause bleiben.
„Viele haben Angst“, sagt eine ältere Dame
Gegen 10 Uhr trifft sich am Dorfladen dann die Seniorensportgruppe, und auch bei ihren Mitgliedern ist der Überfall ein Thema. Ein Senior erzählt: „Um halb zehn abends hat es bei mir geklingelt – und das war dann tatsächlich der Paketbote. Da schaust‘ dann schon sehr blöd drein.“ – „Die Leute sind alle aufgeregt, viele haben Angst“, sagt eine ältere Dame, die gerade vom Frauenbund-Frühstück kommt, und auch sie meint: „Man weiß nicht mehr, was stimmt und was nicht. Es gibt so viele Gerüchte.“
Überraschend: Das Rathaus war trotz dieser Krisen-Situation und Unsicherheiten in der Bevölkerung am Vormittag nicht besetzt, dafür allerdings aufgrund der darin befindlichen Mittagsbetreuung geöffnet. Die beiden Betreuungskräfte haben freilich auch von dem Überfall gehört und hatten nach eigenen Aussagen auch durchgehend Angst, denn das Rathaus könne jederzeit von Unbefugten betreten werden. „Jetzt ist halt alles anders in Haag, jetzt muss man fest zusperren“, meint dann auch eine Seniorin. Dass der Täter sich noch in der Gemeinde herumtreibe, hält sie für ausgeschlossen. „Der ist doch nicht blöd, der ist ins Auto und dann ab“, so ihre Einschätzung.
In sozialen Netzwerken wird die brutale Tat natürlich ebenfalls intensiv diskutiert. Ein großes Thema ist dabei abermals die mangelnde Kommunikation von offizieller Behördenseite. „Eigentlich find‘ ich es echt schade bei all den Medien, die einem im Jahr 2026 zur Verfügung stehen, Informationen oder Warnungen zu so etwas nur durch private Quellen zu bekommen – oder eben viel zu spät“, beklagt ein User in der öffentlichen Gruppe „Ampertal, Gemeinde Haag, Langenbach, Zolling“. Er habe Verständnis für den Datenschutz, wünsche sich in solch einer Lage aber dennoch eine kurze öffentliche Warnung.
„Keinerlei Information, und das in dieser Zeit“
Eine andere Nutzerin pflichtet ihm bei: Es sei ja nicht so, dass man keine verängstigten Kinder zu Hause sitzen habe oder vielleicht selbst Ängste habe, schreibt sie ironisch und schimpft: „Keinerlei Informationen bekommt man, und das in dieser Zeit!“ Eine dritte Userin erinnert an die Bevölkerungsgruppe, die nicht mit digitalen Diensten vertraut ist: „Wenn Leute Social Media wenig nutzen und nicht in den richtigen Gruppen sind, bekommen sie keine Warnungen mit.“ Sie selbst habe die Meldung auch erst gegen 22 Uhr gelesen – zufällig.