Eisbaden entwickelt sich vom Nischenphänomen zum Massentrend. Zwei Frauen aus Ebersberg erklären, was sie daran fasziniert - und warum das tägliche Bad im eiskalten Klostersee Körper und Seele erfrischt.
Ebersberg - Barfuß stapft Anne Schabow durch knöchelhohen Schnee über den Steg am Ebersberger Klostersee. Sie trägt Mütze und Bikini. Unter ihr eine spiegelglatte Eisdecke, zwölf Zentimeter dick. Am Wochenende haben hier Kinder Eishockey gespielt. Am unteren Ende der Einstiegsleiter klafft ein ovales, dunkel schimmerndes Loch im Eis. Die 52-Jährige greift mit Handschuhen an das kalte Geländer, ihre Finger sollen nicht am Metall festfrieren. Dann geht es schnell. Zügig klettert Schabow hinunter. Ohne Zögern taucht sie bis zum Hals in eiskaltes Wasser.
„Beim Hineingehen ist das immer erst mal ein Schock“, erklärt sie. Dann konzentriert sie sich aufs Atmen, zieht ein paar schnelle Züge längs durchs Badeloch und fischt ein paar Brocken aus dem Wasser, schmeißt die Klumpen auf die Eisfläche. „Wenn ich mich zwinge, ruhig zu atmen, ist es gar nicht mehr so kalt.“ Dann müsse sie direkt aufpassen, nicht zu lange drin zu bleiben. Denn sonst werde ihr Körper anschließend gar nicht mehr warm. Am schlimmsten sind die Füße, sagt sie. Die speichern die Kälte am längsten. Die Faustregel lautet: Allerhöchstens so lange im Wasser bleiben wie die aktuelle Wassertemperatur. Also bei fünf Grad nicht länger als fünf Minuten.
Früher dachte sie: „Die sind doch verrückt.“
Früher habe sie auf ihren Hundespaziergängen die Eisbadenden nur aus der Ferne beobachtet. „Die sind doch verrückt“, habe sie dann gedacht und sich tief in ihrer Winterjacke vergraben. Jetzt taucht sie selbst unter, mindestens fünfmal pro Woche. Heute ist sie selbst eine von den Verrückten.
Vorbild Wigald Boning
Eigentlich ist Wigald Boning schuld. Der Komiker hatte vor Jahren eine Herausforderung gestartet, für die er täglich ein Bad im Freien nimmt, sommers wie winters, mittlerweile weit mehr als 1000 Tage in Folge. Das hat Anne Schabow fasziniert und zugleich angestachelt. Aus der Stadtbücherei holte sie sich Literatur zum Thema Eisschwimmen und startete schließlich ihre eigene Mission: 100 Tage lang täglich einmal ins Wasser. Sie startete im September, als für die meisten anderen die Badesaison endete. „Bis 28. Dezember war ich jeden Tag drin“, berichtet sie. Seitdem hat es sie gepackt.
Ein kleines Beil zum Eishacken in der Badetasche
Eineinhalb Minuten bleibt die 52-Jährige heute im kalten Nass. Dann klettert sie wieder hoch, wickelt sich in ihr Handtuch und eilt durch den Schnee zurück ans Ufer. Dort warten schon zwei Gleichgesinnte darauf, dass das Badeloch für sie frei wird. Wenn regelmäßig jemand hinuntersteigt, bleibt die Eisdecke dünn genug, dass sie mit einem einfachen Stock aufgehackt werden kann. Trotzdem hat Anne Schabow im Zweifelsfall ein kleines Beil in der Badetasche. Man weiß ja nie.
Zig Eisbadende gehen regelmäßig in den Klostersee
Den ganzen Winter über ist hier täglich Betrieb. 20 bis 30 Leute tauchen regelmäßig in den Klostersee, schätzt Schabow. Am Häuschen der Wasserwacht prangt eine Liste. „Eisige Wohlfühltester“, steht da. Darunter tragen manche stolz ihren Namen ein, die aktuelle Temperatur und die Sekunden, die sie im Wasser ausgehalten haben.
Mediziner raten, zur Sicherheit nicht alleine ins frostige Nass zu steigen. So ganz ungefährlich ist die Extremkühlung nämlich nicht. Wer Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Probleme hat, sollte lieber draußenbleiben. Per WhatsApp hat sich Schabow darum mit Barbara Breuer verabredet. Die 65-Jährige geht fast jeden Tag in den Klostersee, früher nur im Sommer, seit zwei Jahren auch im Winter. „Ich habe eines Tages einfach nicht mehr mit dem Schwimmen aufgehört“, sagt sie.
„Wut kühlt im Eiswasser ganz schnell ab“
Und warum das Ganze? Ob die extreme Erfrischung tatsächlich einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat, ist umstritten. Anhänger schwören auf eine Stärkung des Immunsystems, große Studien gibt es dazu jedoch nicht. „Ich meine aber, es ist ein Effekt da“, sagt Anne Schabow. „Ich bin fast nie erkältet und insgesamt vitaler.“ Auch emotional tue das kalte Bad einfach gut. „Wenn ich mich geärgert habe und ich gehe baden, dann geht’s mir einfach besser“, sagt sie. „Die Wut kühlt im Eiswasser ganz schnell ab.“
Auch Barbara Breuer schätzt am extrakalten Bad im Klostersee hauptsächlich die seelische Wirkung. „Wenn ich den Kopf voll habe und hier aus dem Wasser herauskomme, bin ich plötzlich gar nicht mehr so gestresst“, sagt sie. „In dem Moment, wenn du hineingehst, bist du komplett bei dir, da ist alles andere drumherum ausgeschaltet. Da sortiert sich manches ganz automatisch.“