Die Bundeswehr verstärkt ihre Präsenz an Schulen deutlich. Zustimmung für den Besuch der Jugendoffiziere kommt aus der Union – Kritik von den Linken.
Berlin – Die von Altkanzler Olaf Scholz (SPD) ausgerufene Zeitenwende nimmt im Jahr 2026 weiter Form an. Erstmals seit Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 soll die Wehrerfassung für junge Männer wieder anlaufen. Im Rahmen des neuen Wehrdienstes, auf den sich die Merz-Regierung Ende 2025 geeinigt hat, wirbt die Bundeswehr um Freiwillige. Dafür sollen alle 18-Jährigen in diesem Jahr auch verpflichtend einen Fragebogen ausfüllen. Zeitgleich hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahren auch ihre Präsenz an Schulen deutlich erhöht. Während die Union den Schritt unterstützt, warnt die Linke vor einer „Militarisierung der Bildung“.
Seit 2021 hat sich die Anzahl der Besuche von Bundeswehr-Soldaten an Schulen mehr als verdoppelt. Das geht aus einer kleinen Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor, die dem Spiegel vorliegt. Von 2558 Auftritten im Jahr 2021 auf 5527 im vergangenen Jahr. Für die Union ist die steigende Zahl die logische Konsequenz aus der veränderten sicherheitspolitischen Lage seit dem Ukraine-Krieg.
Union begrüßt gestiegene Zahl von Bundeswehr-Besuchen an Schulen
„Die hochdynamische sicherheitspolitische Lage hat sicherlich auch zu mehr Erkenntnisinteresse bei den Schülerinnen und Schülern und Lehrkörpern geführt“, sagte Thomas Erndl, verteidigungspolitischer Sprecher der Fraktion, auf Anfrage des Münchner Merkurs von Ippen.Media. „Die Einladung der Bundeswehr an die Schulen ist vor diesem Hintergrund ausdrücklich zu begrüßen. Das zeigt auch, welches Vertrauen unsere Bundeswehr in der Gesellschaft zu Recht genießt.“
Die Schulbesuche der Bundeswehr werden von sogenannten Jugendoffizieren ausgeführt. Auf ihrer Website teilt die Bundeswehr mit, die Aufgabe von Jugendoffizieren sei es, „als erfahrene und praxisnahe Referentinnen und Referenten deutschlandweit die Herausforderungen einer bündnisorientierten Sicherheitspolitik“ zu vermitteln. Werbung für den Dienst bei der Bundeswehr dürfen die Jugendoffiziere nicht machen. Das Angebot richte sich demnach vorwiegend an Lehrerinnen und Lehrer, die in den Jahrgangsstufen 9–13 unterrichten. Kritiker bemängeln dennoch, dass die Schulbesuche zu einseitig über das Thema informieren würden und zumindest indirekt in einem Schutzraum um Minderjährige geworben werden könnte.
Bundeswehr erhöht Präsenz an Schulen: Linke warnt vor „Militarisierung der Bildung“
Nicole Gohlke, bildungspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, warnte deswegen vor einer „Militarisierung der Bildung“. „Minderjährige werden aggressiv von der Bundeswehr umworben, dabei bräuchte es statt Druck in Richtung Uniform und Kriegslogik endlich massive Investitionen in gute Schulen, soziale Sicherheit und eine Politik, die Jugendlichen echte Zukunftschancen statt Kasernenhöfe bietet“, kritisierte Gohlke im Gespräch mit dem Spiegel.
Die Einladung von Jugendoffizieren erfolgt in der Regel durch Lehrerinnen und Lehrer oder die Schulen selbst. Die rechtlichen Grundlagen für die Auftritte liefern jedoch die Länder. Neun Länder haben dafür derzeit eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr zur Arbeit der Jugendoffiziere. Das Wehrdienstgesetz der Bundesregierung hat an der geltenden Regelung nichts geändert.
CDU-Abgeordneter Erndl teilte auf Nachfrage unserer Redaktion mit, dass man auch weiterhin keinen rechtlichen Handlungsbedarf sehe. „Wir halten die gegenwärtige Praxis der Einladung von Jugendoffizieren der Bundeswehr an die Schulen zur sicherheitspolitischen Weiterbildung für zielführend, um die komplexen Fragestellungen der Außen- und Sicherheitspolitik zu diskutieren.“ Der Verzicht auf die Wahrnehmung dieses Angebotes der Bundeswehr durch manche Schulen würde wiederum einen Teil der Wirklichkeit ausblenden und den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zum Diskurs nehmen, führte Erndl weiter aus. Die Zeitenwende scheint auch in deutschen Klassenzimmern angekommen zu sein. (Quellen: Spiegel, Bundeswehr, eigene Recherchen) (fdu)