Ein Ort ist fassungslos: Alleinerziehende mit zwei Kindern mitten in der Nacht abgeschoben

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Bild aus glücklichen Tagen: Derick und Abundance Osayande beim Fischen von Wasserflöhen im September. © Fritz Keilmann

Die Polizei holt eine alleinerziehende Mutter und ihre Kinder, sieben und elf Jahre alt, mitten in der Nacht aus der Asylbewerberunterkunft und setzt sie ins Flugzeug nach Nigeria. In Berg herrschen Ohnmacht und Fassungslosigkeit.

Berg - Der vergangene Mittwoch, kurz nach Mitternacht, die Asylbewerberunterkunft in Berg: Polizisten tauchen wie aus dem Nichts auf und reißen Imuetynian Osayande und ihre Kinder Abundance und Derick aus dem Schlaf. Die 41-jährige Nigerianerin gerät in Panik. Tochter (11) und Sohn (7) müssen mitansehen, wie sie aus dem Fenster im ersten Stock des Containerbaus springt. Imuetynian Osayande, die seit sieben Jahren in Deutschland lebte, wird von einem Notarzt versorgt, im Krankenhaus weiter untersucht und schließlich von der Polizei für transportfähig erklärt. Am frühen Morgen sitzt sie mit ihrer Familie im Flugzeug nach Nigeria. Ein Land, in dem sie schlimmste Gewalt erfahren hat. Und eines, das ihre Kinder nicht kennen.

Dramatische Szenen in Berg: Mutter mit zwei Kindern abgeschoben

Es sind die dramatischen Szenen einer Zwangsabschiebung und deren Folgen, die in diesen Tagen viele Menschen in Berg aufwühlen. Vor allem Kinder und Jugendliche, die Mitschüler von Derick und Abundance. Der Bub ging auf die Oskar-Maria-Graf-Grundschule in Aufkirchen. Das Mädchen besuchte die Mittelschule in Starnberg und spekulierte auf die Realschule. Ein Zusammenhang spricht für sich: Die Stiftung Startchance, die benachteiligten Kindern in der Region hilft, förderte Abundance. Kürzlich erhielt die Bildungseinrichtung den Integrationspreis der Regierung von Oberbayern. Und die Ausländerbehörde jener Regierung von Oberbayern wiederum setzte nur wenige Wochen darauf die Zwangsabschiebung durch.

Ein elfjähriges Mädchen nach Benin City zu schicken, finde ich moralisch und humanitär komplett verwerflich.

„Ein elfjähriges Mädchen nach Benin City zu schicken, finde ich moralisch und humanitär komplett verwerflich“, sagt Karin Busch. Ihre Tochter war sehr gut mit Abundance befreundet, sie übernachtete sogar mehrmals bei ihr im Flüchtlingscamp. Busch kommen die Tränen, wenn sie von der nigerianischen Familie erzählt. Es möge eine rechtliche Grundlage geben für die Nacht-und-Nebel-Aktion vom Mittwoch. „Aber warum der humanitäre Schutz von Kindern dabei nichts zählt, ist mir ein absolutes Rätsel.“ Wenn sie an die große Stadt in Nigerias Süden denkt, denkt sie an Menschenhandel und Bandenkriminalität.

Die Bergerin steht nach wie vor in Kontakt mit der Familie Osayande. Genau wie Alina Stroiu. Sie arbeitet für die Diakonie als Asylsozialberaterin in der Berger Unterkunft und leitet ein Sport-Integrationsprogramm, an dem Abundance und Derick teilgenommen haben. Über Imuetynian Osayande sagt sie: „Sie ist eine verantwortungsvolle und liebevolle Mutter.“ Ihre Kinder seien bestens integriert gewesen, Osayande habe immer alle Maßnahmen unterstützt.

Die Nigerianerin besuchte zuletzt einen A2-Deutsch-Kurs. Einen Job hat die alleinerziehende Mutter, seit zwei Jahren in Berg, bisher nicht ergriffen. Sie war in Deutschland lediglich geduldet. Seit sieben Jahren. Laut Stroiu verließ sie Afrika 2005 Richtung Italien, sie sei „Opfer aller möglichen Formen von Gewalt“ geworden. Tochter Abundance kam 2014 in Venedig zur Welt, Sohn Derick 2018 in Heidelberg. Viel Näheres zu den familiären Umständen habe Osayande nicht preisgegeben, sagt die Asylsozialberaterin. Auch Alina Stroiu kann nicht nachvollziehen, warum gerade drei Menschen, die aus ihrer Sicht sehr schutzbedürftig sind, ausreisen mussten. „Man macht doch eine Liste“, sagt sie wütend. Und auf der müsste die Familie doch ganz weit hinten stehen. Die Drei seien bei Angehörigen untergekommen, „in sehr schlechten Verhältnissen“.

Schulleiterin: „Möchten sichtbares Zeichen setzen“

„Die Geschehnisse haben an den betroffenen Schulen sowie in der Gemeinschaftsunterkunft deutliche Verunsicherung ausgelöst“, schreibt eine Unterstützergruppe, die sich in Windeseile formiert hat, in einer Pressemitteilung. Die Oskar-Maria-Graf-Schule habe das Thema altersgerecht in allen Klassen besprochen. Schulleiterin Dr. Silke Rogosch: „Wir möchten ein sichtbares Zeichen setzen – gegen die Art und Weise der Durchführung und für den Schutz von Kindern, die hier aufgewachsen sind. Die Ereignisse haben uns betroffen und sprachlos gemacht.“

Deshalb haben Eltern, Lehrkräfte, der Helferkreis und andere Engagierte eine Solidaritätsaktion organisiert. Treffpunkt ist heute um 13.30 Uhr an der Grundschule. Nach einem gemeinsamen Gang über die Gemeinschaftsunterkunft zum Parkplatz des MTV Berg gibt es öffentliche Statements und Gesprächsmöglichkeiten. „Wir machen das vor allem für die Kinder“, sagt Stroiu. „Sie sollen die Möglichkeit haben, Abschied nehmen zu können. Sie fühlen sich ohnmächtig, weil sie über Nacht eine Freundin oder einen Freund verloren haben.“

Die Regierung von Oberbayern sah sich am Montag nicht imstande, die Merkur-Fragen zu dem Fall bis Redaktionsschluss zu beantworten. Eine Sprecherin versprach eine spätere Stellungnahme.

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