Seit 20 Jahren setzt Martin Kandler auf Hackschnitzel als Wärmequelle. Mittlerweile versorgt der Landwirt mit seiner Anlage rund 40 Wohnungen, die Kirche und das Pflegeheim in seinem Heimatort Anzing. Und ihn erreichen immer mehr Anfragen aus der Nachbarschaft.
Anzing – Brusthoch türmt sich zerschreddertes Holz in dem offen-gemauerten Schuppen im Hinterhof von Martin Kandler. Hier, im sogenannten „Bunker“ lagert der Landwirt aus Anzing sein wertvollstes Gut: Hackschnitzel. „Das ist alles Durchforstungsholz, also Bruchholz, Abschnitte oder Sträucher“, sagt er, während er ein kurz-gehäckseltes, dürres Ästlein aus dem staubigen Haufen pickt und es zwischen den Fingern dreht. „Es sieht ein bisschen unscheinbar aus, aber das wird alles energetisch verwertet. Das macht Wärme.“ Viel Wärme.
Nahwärme mit Hackschnitzel: Landwirt verfolgt Vision für Anzing
Seit über 20 Jahren setzt der 49-Jährige auf seinem Hof im Anzinger Ortskern bereits auf Hackschnitzel als Wärmequelle. „Wir haben schon immer mit Holz geheizt, damals im Bauernhaus noch über eine Zentralheizung“, erinnert er sich. Mit dem Umbau der hofeigenen Maschinenhalle in moderne Mietwohnungen sei ihm die Schlepperei der Holzscheite allerdings zu anstrengend geworden. Beim Holz habe Kandler dennoch bleiben wollen, der Überzeugung wegen. „Hackschnitzel also“, sagt er lachend und zuckt mit den Schultern.
Seither verheizt der Landwirt jeden Strauch und jedes Gehölz, das nicht schnell genug in seiner Kompostieranlage verrottet, im Heizkessel. Ein System, das sich bewährt. Die Hackschnitzelanlage bringt ausreichend Wärme – und das, auf kurzem Weg. „Es ist eine gute Sache“, sagt Kandler, der sein Hackgut-Imperium über die Jahre immer weiter ausgebaut hat. Denn als der 49-Jährige auch noch den alten Stall in ein Mehrparteienhaus umwandelt, kommt der ursprüngliche Kessel mit leistungsstarken 200 Kilowatt an seine Grenzen. „Bei eisigen Temperaturen musste ich immer mit dem alten Stückholzkessel mitheizen“, erklärt er. Die Lösung: ein zweiter Heizkessel.
Hackschnitzelanlage versorgt Nachbarschaft, Kirche und Pflegeheim
Knapp 80 000 Kilowattstunden an Wärme erzeugen die beiden neuen, sonnengelben Öfen im ausgebauten Schuppen mittlerweile im Jahr. Per Förderband wird das Hackschnitzel dabei vom „Bunker“ in die Kessel befördert und verheizt. 1200 Kubik jährlich. Die daraus gewonnene Wärme versorgt an die 40 Wohnungen in der engeren Nachbarschaft, das alte Bauernhaus von Martin Kandler, die angrenzende Kirche und das örtliche Pflegeheim. „Dass ich einmal so viele Menschen versorge, hätt‘ ich nie gedacht“, gesteht der Landwirt lächelnd. „Das war nicht geplant, eher Zufall.“ Ein Zufall, dem sich jetzt immer mehr Anzinger anschließen wollen.
Von Einfamilienhäusern über das Apothekenhaus bis hin zu Rathaus und Gemeindehaus: „Ich bekomme immer wieder Anfragen aus dem Ort, ob sich die Leute bei mir draufschließen können“, betont der Landwirt stolz. Doch ganz so leicht sei das nicht. „Förderungen sind derzeit sehr kompliziert und die Leitungen wirklich teuer.“ Allein von seinem Hof bis zum Rathaus, Luftlinie vielleicht 80 Meter, schlage der Erdbau mit 200 000 Euro ein. „Das lohnt sich dann fast nicht“, sagt Kandler bedrückt. Auch Grundstücksbesitzern im angrenzenden Semptweg und nahe dem Friedhof habe er bereits eine Absage erteilen müssen. „Hackschnitzel ist keine Anschaffung für neu gebaute Einfamilienhäuser. Bei deren geringem Energieverbrauch lohnt sich der Anschluss noch weniger – und ich mag niemanden bescheißen“
Dennoch: Sein Nahwärmekonzept will der 49-Jährige weiter ausbauen. Fürs Rathaus feilt er derzeit gemeinsam mit der Gemeinde an einer Lösung. Sein ganz großer Traum wär es, ganz Anzing über mehrere Stationen mit Hackschnitzel-Wärme zu versorgen. Der Vorteil: „Wir bräuchten viel weniger und kürzere Leitungen und hätten dadurch einen geringeren Wärmeverlust“, schwärmt Kandler. Der Nachteil: „Wir bräuchten Grundstücke für die Anlagen.“ Aber auch an dieser Idee feilt der Landwirt, Vermieter, Gemeinderat und Nahwärmeversorger aus Anzing weiter. Des Ortes und der Menschen willen.