„Mist aus Moskauer Giftküche“: War Anschlag auf Putins Residenz nur inszeniert?

Der Kreml schlägt Alarm: Die Ukraine soll einen massiven „Terroranschlag“ auf die Privatresidenz von Wladimir Putin in Waldai verübt haben. Von 91 Drohnen ist die Rede, die US-Präsident Donald Trump in Rage versetzten. Doch je mehr Details ans Licht kommen, desto lauter werden die Zweifel. War alles nur eine Inszenierung, um den Friedensprozess zu torpedieren?

Im Video: Hinter den Mauern von Putins Rückzugsort: Spa, Bowling und eigenes Kino inklusive

Fehlende Beweise für Ukraine-Angriff auf Putin-Residenz

Normalerweise hinterlassen ukrainische Drohnenangriffe Spuren: Videos von brennenden Wrackteilen, Zeugenberichte über Explosionen oder geolokalisierte Rauchwolken. Im Fall Waldai herrscht jedoch Funkstille. Das „Institute for the Study of War“ (ISW) kommt in einer aktuellen Analyse zu einem deutlichen Schluss:

„Der Kreml hat keine Beweise für seine Behauptung vorgelegt, dass ukrainische Streitkräfte Putins Residenz ins Visier genommen hatten.“

Auch lokale Behörden widersprechen der Moskauer Darstellung indirekt. Während Außenminister Sergej Lawrow von 91 Drohnen sprach, meldeten das Verteidigungsministerium und der Gouverneur der Region Nowgorod lediglich einen Bruchteil dieser Zahl – und erwähnten die Residenz mit keinem Wort.

Waldai
Isolierter Machtzirkel: Luftaufnahmen der Waldai-Residenz zeigen die weitläufige Anlage am See. Alexej Nawalny Stiftung

7 Punkte gegen die Echtheit: Warum die Story von 91 Drohnen wackelt

Der Journalist und BBC-Reporter Euan MacDonald legte auf der Plattform X eine Liste von Ungereimtheiten vor, die den russischen Bericht von dem Vorfall als „schlichtweg absurd“ entlarven sollen:

  1. Zahlen-Chaos: Das russische Militär meldete ursprünglich nur 18 Drohnen für die gesamte Region Nowgorod – weit weg von Lawrows 91.
  2. Stumme Zeugen: Anwohner berichteten nicht über die typischen Geräusche der Flugabwehr.
  3. Keine Bilder: Es existiert kein einziges Foto oder Video des angeblichen Großangriffs.
  4. GPS-Sperre: Die Region um die Residenz ist eine bekannte GPS-Todeszone, was die Navigation für Drohnen extrem erschwert.
  5. Festung Waldai: Mindestens 12 Pantsir-S1-Systeme schützen das Areal. Ein Angriff wäre laut MacDonald „eine enorme Verschwendung von Ressourcen mit kaum Erfolgsaussichten“.
  6. Strategiewechsel? In fast vier Jahren Krieg hat die Ukraine die Residenz nie direkt angegriffen.
  7. Sabotage der eigenen Interessen: Ein solcher Angriff würde Russland nur Vorwände für Eskalationen liefern und die eigene Verhandlungsposition schwächen.

Gerhard Mangott: „Wahrscheinlich eine Desinformationsoperation“

Auch für den renommierten Russland-Experten Gerhard Mangott riecht der Vorfall stark nach einer gezielten Kampagne. Gegenüber FOCUS online ordnet er die Lage ein: 

„Für den von Russland behaupteten Angriff auf eine Residenz Wladimir Putins wurden keinerlei Belege vorgelegt. Natürlich könnte ein solcher Angriff passiert sein, wir wissen es nicht. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass es sich hierbei um eine Desinformationsoperation gehandelt hat.“

Mangott sieht zwei wahrscheinliche Motive für eine solche Inszenierung:

„Entweder Putin wollte Trump die ‚Heimtücke‘ der ukrainischen Führung einreden und ihn davon überzeugen, oder die Operation dient dazu, russische Angriffe auf Regierungsgebäude in Kiew zu rechtfertigen. Es könnte natürlich beides gewesen sein.“

Allerdings geht der Kreml laut Mangott ein Risiko ein:

„Die USA sind mit ihrer Aufklärungstechnologie in der Lage, die Echtheit der russischen Behauptung zu überprüfen. Wenn es also nur ein behaupteter Angriff war, könnte das Putin deutlich schaden. Er wäre der Lüge überführt. Natürlich weiß die russische Seite, dass die USA die Wahrheit herausfinden können, das würde wieder die Echtheit des Angriffs wahrscheinlich machen.“

ISW-Analyse: Putin will Friedensverhandlungen torpedieren

Das ISW stützt sich auf eine ähnliche These - auch das Institut vermutet hinter dem Manöver Kalkül gegenüber den USA. Trump hatte sich kurz zuvor mit Selenskyj getroffen und zeigte sich nach einem Telefonat mit Putin „sehr wütend“ über den angeblichen Anschlag.

Das ISW warnt: „Der Kreml beabsichtigt möglicherweise, den angeblichen Angriff als Rechtfertigung für seine Ablehnung jeglicher Friedensvorschläge zu nutzen, die aus den jüngsten Gesprächen hervorgehen.“

Waldai
Exklusivität unter Maximal-Schutz: Das Gästehaus der Waldai-Residenz dient als Treffpunkt für Putins engsten Zirkel. Alexej Nawalny Stiftung

Nico Lange: „Mist aus der Moskauer Giftküche“

Der ukrainische Journalist Denis Trubetskoy pflichtet bei: „Ehrlich gesagt hätte ich erwartet, dass der Kreml bis dahin irgendwelche Beweise liefert. Irgendwie selbst für Moskauer Verhältnisse wenig überzeugend.“

Auch der Militärexperte Nico Lange warnt davor, der russischen Darstellung auf den Leim zu gehen. Auf Bluesky bezeichnete er die Meldung als „Mist aus der Moskauer Giftküche“. Die Ukraine selbst bezeichnete die Vorwürfe als „Lüge“, um kommende Schläge gegen Kiew moralisch vorzubereiten.

Leser misstrauen russischer Darstellung des Drohnenvorfalls
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