Uli Henking, Mutter eines Sohnes mit Trisomie 21, hat vor 15 Jahren Tom‘s Café gegründet. Ein Inklusionsprojekt, das Vorbild fürs geplante Wir-Quartier ist.
Holzkirchen - Wird er zunehmen und gedeihen? Wird er lächeln? Das waren Uli Henkings Sorgen nach der Geburt ihres Sohnes Nico. Der heute 29-Jährige wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Er wog 1600 Gramm und hatte ein Loch im Herzen. „Ich war wahnsinnig unter Anspannung“, erinnert sich Henking. Doch abgesehen von der Sorge um Nicos Gesundheit hatte die 59-Jährige, die sich in der evangelischen Kirchengemeinde Holzkirchen seit vielen Jahren für Inklusion einsetzt, keine Schwierigkeiten, die Diagnose Down-Syndrom zu akzeptieren. Sie war bereits im Freundeskreis ihrer Eltern Kindern mit der sogenannten Trisomie 21 begegnet. Henkings Erfahrung: „Menschen mit Behinderung können glücklich sein, wenn sie ein liebevolles Umfeld haben und gut begleitet werden.“
Nico entwickelte sich gut, schloss Freundschaften im Inklusionskindergarten, den er besuchte. Für seine beiden jüngeren Brüder war er eine Bereicherung. Henking: „Mit Nico aufzuwachsen, hat ihr Sozialverhalten sehr positiv beeinflusst.“ Mitgefühl und Rücksichtnahme – das haben Nicos Brüder von klein auf gelernt.
Als Nicos Einschulung anstand, lag der Familie am Herzen, ihm den Besuch der Grundschule in Holzkirchen zu ermöglichen. Hier waren alle seine Kindergarten-Freunde. „Die Alternative war das Förderzentrum in Hausham, was ihn aus seinem sozialen Umfeld herausgerissen hätte.“ Tatsächlich tat sich an der Grundschule an der Baumgartenstraße eine Tür auf: Eine in Montessori-Pädagogik ausgebildete Lehrerin erklärte sich bereit, Nico im Rahmen von differenziertem Unterricht in der Regelklasse zu unterrichten. „Es war wunderbar“, erzählt Henking, „Nico war sofort inkludiert.“
Zwei Jahre lang besuchte Nico die Grundschule – bis er in der dritten Klasse eine neue Lehrkraft bekam. Druck baute sich auf, sodass die Familie schließlich beschloss, Nico doch am Förderzentrum in Hausham anzumelden. „Dort hat er sich nicht so wohlgefühlt“, erinnert sich Henking. Nico hörte auf zu sprechen, zog sich in sich selbst zurück.
Aufgrund dieser Erfahrung gründete Henking mit Gleichgesinnten das Holzkirchner Forum Inklusion. Die Idee war, mit Informationsveranstaltungen und Vorträgen von Lehrern, die inklusiv unterrichten, eine Veränderung des Schulsystems anzustoßen. „Inklusion bedeutet eine gewaltige Umstrukturierung, das funktioniert nur, wenn die Schulen das wirklich wollen“, sagt Henking. Sie musste die Erfahrung machen, dass der Aufwand momentan offenbar nicht stemmbar ist. „Wenn die Schulen das nicht bewältigen können, wollen wir ihnen Inklusion nicht aufzwingen.“
Zu einem Leuchtturmprojekt entwickelt hat sich dagegen Toms Café, das Henking vor 15 Jahren gegründet hat, um Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft zu holen. In dem Café, das mittwochs im Thomassaal der evangelischen Gemeinde öffnet, haben Menschen mit Beeinträchtigung oder Fluchthintergrund die Möglichkeit, im Rahmen eines Praktikums oder einer dauerhaften Mitarbeit praktische Erfahrung zu sammeln, begleitet von Ehrenamtlichen. Für einige von ihnen war das bereits ein Sprungbrett ins Berufsleben.
Toms Café ist Vorbild für den Umbau des evangelischen Gemeindehauses an der Haidstraße zu einem komplett inklusiven Begegnungszentrum. Mit Spenden aus „Leser helfen Lesern“ soll dieses sogenannte Wir-Quartier verwirklicht werden. Nicht nur mittwochs in Toms Café, sondern immer sollen alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Henking hat festgestellt, wie gut es Menschen mit Beeinträchtigung tut, in Toms Café zu arbeiten: „Sie sind so stolz auf sich, wenn sie die Erfahrung machen, dass sie das können.“ Auch ihr Sohn Nico, der heute in einer Wohngemeinschaft der Stiftung Attl in Wasserburg lebt und arbeitet, machte seine ersten Schritte ins Berufsleben in Toms Café. „Als bester Waffelbäcker der Welt.“