Eine Flamme am Gasleitungsknotenpunkt Lubmin markiert einen Meilenstein – und zugleich das zentrale Dilemma der deutschen Wasserstoffstrategie. Der Gasnetzbetreiber Gascade hat einen rund 400 Kilometer langen Leitungsabschnitt von der Ostsee durch Brandenburg bis nach Sachsen-Anhalt erstmals mit Wasserstoff befüllt.
Es ist der bislang längste zusammenhängende Wasserstoff-Highway Deutschlands – gebaut auf den Fundamenten einer alten geopolitischen Infrastruktur. Jahrelang floss hier russisches Erdgas aus der Ostseepipeline Nord Stream 1 ins deutsche Netz. Nun wurde die ehemalige „Putin-Pipeline“ aufwendig umgerüstet und auf einen neuen Energieträger getrimmt.
Pipeline aus der Nord-Stream-Ära
Gascade spricht von einem „entscheidenden Meilenstein beim Aufbau des deutschen Wasserstoff-Netzes“. Technisch ist das Projekt ein voller Erfolg, politisch ein Signal des Aufbruchs – wirtschaftlich aber bleibt der Highway vorerst leer: Die dringend benötigten Abnehmer fehlen.
Politisch ist das Projekt gewollt: Grüner Wasserstoff gilt als Schlüssel für die Klimaneutralität der Industrie. Bei seiner Nutzung entsteht kein CO2, sondern nur Wasser. Lubmin ist dabei strategisch zentral: Am Greifswalder Bodden laufen nicht nur Pipelines zusammen, sondern auch Stromkabel von Offshore-Windparks. Mehrere Unternehmen planen hier Elektrolyseure, um Wasserstoff aus erneuerbarem Strom herzustellen.
Doch die Realität zeigt die Grenzen des Hochlaufs: Abnehmer fehlen. Unternehmensberater Matthias Deeg spricht von massiver Zurückhaltung in der Industrie. "Im Moment sind die Preise für Wasserstoff brutal hoch, so dass wir teilweise Faktor drei gegenüber dem jetzigen Erdgaspreis zu bezahlen hätten", erklärt er gegenüber dem "rbb". Für energieintensive Branchen wie Stahl, Chemie oder Glas sei das wirtschaftlich nicht tragbar. „Die Nachfrage nach Wasserstoff geht aktuell eigentlich gegen null. Die Investitionen, die wir derzeit ins Kernnetz betreiben, sind im Moment noch ohne Verkäufer und Käufer", bilanziert Deeg.
Trotzdem hält Deeg die Investitionen für wichtig, auch im internationalen Vergleich. „Der Markt für Wasserstoff wird kleiner, je länger wir warten, bis das Netz fertig ist und die Preise lange oben bleiben.“ Unternehmer planten bereits heute, in welche Öfen und Anlagen sie in sieben bis zehn Jahren Geld stecken würden – und ob sie die Technologie Wasserstoff an sich vorbeiziehen ließen.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Daniel Keller spricht bei der "Tagesschau" indes von einer Chance, räumt aber ein: „Der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft ist kein Selbstläufer. Wir müssen geeignete Rahmenbedingungen schaffen, Marktrisiken abbauen und pragmatische Lösungen finden.“
Milliarden für ein Kernnetz
Bundesweit ist der Ausbau eines Wasserstoff‑Kernnetzes beschlossen worden, das schrittweise bis 2032 entstehen soll. Die Bundesnetzagentur hat dazu ein Netz mit insgesamt etwa 9040 Kilometern Leitungslänge genehmigt, davon rund 60 Prozent umgebaute Erdgasleitungen und etwa 40 Prozent Neubauten. Die erwarteten Investitionskosten belaufen sich auf etwa 18,9 Milliarden Euro.
Gascade hat nach eigenen Angaben Hunderte Millionen Euro in die Umrüstung investiert – dennoch hat bislang kein einziger Interessent einen Wasserstoff‑Transportvertrag abgeschlossen. Die Nutzung des Kernnetzes wird allerdings erst nach und nach beginnen, da es schrittweise in Betrieb gehen soll, beginnend 2025.
Für die Hochlaufphase hat die Bundesnetzagentur ein einheitliches Netzentgelt von 25 Euro pro Kilowattstunde Wasserstoff pro Jahr festgelegt, das für alle Nutzer gelten soll. Diese Regelung dient dazu, ein planbares Preisniveau zu schaffen und gleichzeitig eine Finanzierung des Netzes über Netzentgelte sicherzustellen – auch wenn die Nachfrage zunächst gering bleibt.
Denn: Der Hochlauf des Wasserstoffmarktes in Deutschland ist ins Stocken geraten. Der Ausfall wichtiger Projekte wie die Direktreduktionsanlagen des Stahlherstellers ArcelorMittal in Bremen und Eisenhüttenstadt sowie die Absage eines Elektrolyseurs durch das ostdeutsche Braunkohleunternehmen LEAG verschärfen das Problem. Ohne starke Abnehmer fehlt die Nachfrage, ohne Nachfrage wird die Produktion ausgebremst – ein klassisches Henne-Ei-Problem.
Grüner Wasserstoff kann wettbewerbsfähig werden
Experten sind sich einig, dass grüner Wasserstoff langfristig preislich konkurrenzfähig sein kann. Derzeit liegt der Produktionspreis für ein Kilogramm grünen Wasserstoff zwischen fünf und acht Euro. Die Ziele der Industrie und Politik liegen oft bei unter zwei Euro pro Kilogramm, um echte Wettbewerbsfähigkeit mit fossilen Wasserstoffformen zu erreichen. Studien von Deloitte, einem der größten Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen der Welt, sowie dem Öko‑Institut zeigen, dass grüner Wasserstoff ab etwa 2040 konkurrenzfähig sein könnte.
Dennoch ist der Weg bis dahin steinig. Der Wasserstoff‑Highway von Lubmin steht bereit – doch ob er tatsächlich befahren wird, hängt von politischen Entscheidungen, der Marktnachfrage und der Wettbewerbsfähigkeit des Energieträgers ab. Bis die ersten Industrieunternehmen einsteigen, bleibt die Pipeline ein Symbol für technische Pionierarbeit und politische Ambitionen – deren wirtschaftlicher Erfolg noch ungewiss ist.