Russlands Ukraine-Krieg droht in sein fünftes Jahr zu gehen. Kiew muss mehrere Problemfelder unter Kontrolle halten. Eine Analyse.
„Große Fortschritte“ auf der Suche nach einem Ende des Ukraine-Kriegs pries US-Präsident Donald Trump am Sonntag (28. Dezember). Der Nachsatz: Eine Einigung sei „wahrscheinlich näher als jemals zuvor“. Gerade aus Trumps Munde könnte diese Einschätzung verräterisch wirken. Immerhin hatte er einst einen Frieden binnen 24 Stunden versprochen. Und noch im Sommer – mittlerweile längst verstrichene – Ultimaten an die Adresse von Wladimir Putins Russland gestellt. Greifbar schien das ersehnte Schweigen der Waffen zu keinem dieser Zeitpunkte.
Nicht auszuschließen also, dass sich die Ukraine auf ein weiteres Kriegsjahr einstellen muss. Es wäre das fünfte. Experte Eduard Klein zufolge würde es in mehrerlei Hinsicht ein schwieriges Jahr – nicht nur im Verteidigungskampf gegen Russland. „Die Ukraine steht aktuell an drei Fronten unter massivem Druck“, sagte der Wissenschaftler der Forschungsstelle Osteuropa der Uni Bremen dem Münchner Merkur von Ippen.Media im Dezember. Ein Ausblick auf das Jahr 2026:
Ukraine-Krieg im Jahr 2026: Putins Truppen bislang nicht auf Friedenskurs – Probleme für Kiew
Ein Blick in das Innenleben des Kreml – oder gar Wladimir Putins Kopf – ist nicht möglich. Unklar insofern, ob Russland nun doch ernsthafte Verhandlungen eingehen könnte. Doch das Muster ist bekannt: Putin zeigt sich gegenüber Trump friedenswillig. Und setzt zugleich die Angriffe an der Front und auch tief in der Ukraine unbeirrt fort. Erst am Wochenende betonte Russlands Machthaber wieder einmal: Strebe Kiew keine friedliche Lösung an, werde Russland alle seine Ziele militärisch erreichen. Dabei arbeiten Wolodymyr Selenskyj und sein Stab mit den Russland wahrlich nicht (mehr) feindlich gesonnenen USA bereits an Kompromissen.
Russlands faktisch harte Linie hängt natürlich auch mit der Lage auf den Schlachtfeldern zusammen: Es sei die Ukraine, die Land verliere, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Montag. Nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW) übertreiben Putin und sein Militär zwar bei der Schilderung vermeintlicher Erfolge, etwa in Kupjansk in der Ostukraine. Fakt ist aber, dass Russland insgesamt langsam vorrückt – selbst wenn nach ISW-Berechnungen beim aktuellen Tempo wohl mehr als drei Jahre nötig wären, um die vier Oblasten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja zu erobern.
Im sich womöglich weiter fortsetzenden Abnutzungskampf sieht Klein die Ukraine vor Schwierigkeiten. „In militärischer Hinsicht wird die fehlende ‚Manpower‘ durchaus immer mehr zum Problem“, warnt er: „Das ist schwer in den Griff zu bekommen, selbst durch den weiter zunehmenden Einsatz an Drohnen.“ Russland hat schon aufgrund seiner Größe wesentlich höhere personelle Ressourcen. Die Ukraine wiederum versucht Rücksicht auf ihre junge Bevölkerung zu nehmen – jedenfalls beim Rekrutierungsalter. Diese und andere Folgen des russischen Angriffs sind auch innenpolitisch ein Problem:
Ukraine-Krieg vor dem fünften Jahr: Probleme für Kiew – auch im Inneren
Ein Aspekt ist das Leiden der Menschen in der Ukraine. Selbst dort, wo nicht unmittelbar russische Drohnen oder Bomben niedergehen. Erst am Wochenende waren im Großraum Kiew mehr als eine Million Haushalte ohne Strom. „Die kritische Stromversorgung – stundenlange Abschaltungen sind an der Tagesordnung – stellen die Wirtschaft und die Menschen vor enorme Herausforderungen“, erklärt Klein. „Die Gesellschaft ist kriegsmüde und durch die ständigen russischen Attacken und Stromausfälle zermürbt – sie sehnt sich nach positiven, Hoffnung gebenden Entwicklungen.“
Doch die ukrainische Politik lieferte zuletzt eher negative Signale. Ein Korruptionsskandal, ausgerechnet in Sachen Energie-Infrastruktur, erschütterte das Land – und zog Kreise bis in die Riege von Selenskyjs Ministerriege. Die rechte Hand des Präsidenten, Andrij Jermak, musste schließlich gehen. Aus Kleins Sicht aber zu spät. Das Vertrauen sei auch deshalb gesunken und die Handlungsfähigkeit geschwächt. „Ich schließe nicht aus, dass es zu weiteren Enthüllungen kommt – die das Vertrauen in die Politik und die bröckelnde gesellschaftliche Einheit weiter erodieren würden“, warnt der Experte.
Ein weiterer Aspekt ist der Staatshaushalt. Für das Jahr 2026 scheint der gesichert: dank eines EU-Kredites. Ein etwas größerer Befreiungsschlag mithilfe der großteils in Belgien eingefrorenen russischen Staatsgelder blieb aber aus.
Das dritte Problem der Ukraine: Friedens-Diplomatie in der Ära Trump
Als sicher kann gelten, dass auch 2026 an einer weiteren „Front“ große Anstrengungen nötig sind: in der Kriegs- und Friedensdiplomatie. Der Ukraine-Krieg wird sich trotz Trumps Versprechen weiterhin nicht binnen 24 Stunden lösen lassen. „Putin besteht weiterhin auf seinen Maximalforderungen, die sich für die Ukraine wie eine Kapitulation anfühlen – da ist nur wenig Spielraum für Verhandlungen“, sagte Klein unserer Redaktion Mitte Dezember. Möglich, dass weiterhin gilt: Das aus Moskau geforderte „Anstreben einer friedlichen Lösung“ würde die Kapitulation bedeuten. So lehnt Russland etwa westliche Sicherheitsgarantien weiterhin ab. Doch ohne die (und ein eigenes starkes Militär) wäre die Ukraine weiteren Angriffen weitgehend schutzlos ausgeliefert.
Die entscheidenden Partner der Ukraine bleiben die USA und die Europäer. Erstere haben unter Trump ihre Hilfen zurückgefahren und dürften weiter unkalkulierbar bleiben – wenn nicht gar unter direktem Einfluss des Kreml. Die EU wiederum steht bislang an der Seite der Ukraine. Doch auch hier gibt es Unwägbarkeiten. Viele Staatsbudgets schrumpfen tendenziell, in einigen Ländern sind russlandfreundliche Kräfte auf dem Vormarsch. Und andere, wie Viktor Orbáns Ungarn, hintertreiben die Unterstützung bereits jetzt mehr oder minder offen.
Womöglich hilft in Richtung Europa die Argumentationslinie der Ukraine: Vertreter des Landes betonen, die Ukraine verteidige nicht nur aktuell Europas Sicherheit, sie sei auch künftig mit ihrem im Kampf gewonnenen Know-how und den Rüstungskapazitäten eine wichtige Sicherheitsstütze. Zu verhindern ist aber erstmal vor allem ein womöglich verheerender Druck der USA, wie Klein sagt: Der, „eine bittere Pille zu schlucken, die keine Lösung bringt“. „Minsk I und II lassen grüßen“, betont der Experte. Das Abkommen Minsk II etwa sah eine Überwachung des Waffenstillstands durch die OSZE vor und dachte ein Überwachungsgremium aus Deutschland, Frankreich, Russland und Ukraine an. Ohne Erfolg. Selenskyj drang zuletzt auf US-Sicherheitsgarantien über „30, 40 oder 50 Jahre“. Trump wolle darüber nachdenken, sagt er. (Quellen: Eduard Klein, Institute for the Study of War, dpa, AFP/fn)