Die Zahlen sind eindeutig: Knapp 15 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik sind Ausländer – aber ebenso 42 Prozent der einer Straftat Verdächtigen und 37 Prozent der Strafgefangenen. Wer diese Zahlen aufführt, wird von grüner und linker Seite schnell des Rassismus verdächtigt. Die Verteidiger der einstigen Willkommenskultur versuchen, die hohen Kriminalitätsquoten von Zuwanderern zu relativieren oder sie schönzureden.
Fratzscher: Kein Zusammenhang zwischen Herkunft und Kriminalität
Das tut jetzt auch Marcel Fratzscher, der Chef des "Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)" in Berlin. Das DIW ist bekannt dafür, für linke Umverteilungsphantasien oder übersteigerte grüne Klimapolitik die wissenschaftliche Begleitmusik zu liefern. In dieses Schema passt ein Kommentar Fratzschers in der "Zeit".
Aufgehängt an der "Stadtbild"-Debatte wendet er sich gegen jeden Zusammenhang von ausländischer Herkunft und Neigung zur Kriminalität. Fratzscher zentrale These: "Kriminalität wird nicht importiert, sie ist ein soziales Phänomen. Menschen, die in Armut und ohne soziale Einbindung leben, begehen häufiger Straftaten – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe. Entscheidend sind Bildung, Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe, nicht der Pass."
Laut Fratzscher werden Migranten nicht aufgrund einer anderen kulturellen Prägung überdurchschnittlich häufiger straffällig. Schuld sind vielmehr die Deutschen, genauer der Staat, der "zu selten präsent ist – mit Schulen, Sozialarbeit und bezahlbarem Wohnraum".
Wer auf hohe Kriminalitätsquoten unter Ausländern verweist, hat freilich die Zahlen auf seiner Seite. Laut der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik wurden 2024 insgesamt 2,18 Millionen Tatverdächtige registriert. Darunter waren 42 Prozent Menschen ohne deutschen Pass. Ähnlich sieht es bei den insgesamt 217.277 Fällen von Gewaltkriminalität aus. Dazu zählen unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Raub oder gefährliche Körperverletzung. 39 Prozent dieser Verdächtigen waren Ausländer. Zu den 61 Prozent nichtdeutscher Tatverdächtiger zählen auch Zuwanderer der zweiten oder dritten Generation.
Urbaniok: Zuwanderer geprägt durch "gewaltaffine Männlichkeitsvorstellungen"
Der forensische Psychiater Frank Urbaniok, der für ein ganzes Buch zur Ausländerkriminalität umfangreiche Datenrecherchen angestellt hat, stellte dazu fest, dass Zuwanderer aus bestimmten Ländern durch "gewaltaffine Männlichkeitsvorstellungen" geprägt seien. Diese Prägung lasse sich oft noch in der zweiten oder dritten Generation feststellen. Urbaniok, der an den Universitäten Zürich und Konstanz lehrt, erklärt die Überrepräsentation ausländischer Tatverdächtiger mit deren "kulturspezifischer Prägung".
Der Einsatz von Gewalt sei in bestimmten Ländern gesellschaftlich legitimiert, werde oft mit Männlichkeit und Stärke gleichgesetzt. Urbaniok hat in seiner umfassenden Studie dargelegt, dass Zuwanderer aus Osteuropa, aus arabischen und afrikanischen Staaten im Verhältnis zu deutschen Tatverdächtigen deutlich überrepräsentiert sind.
Das Argument, junge Männer würden überproportional straffällig, und deshalb tauchten viele junge Zuwanderer in der Kriminalitätsstatistik auf, lässt Urbaniok nicht gelten. So weist er nach, dass auch unter den 14- bis 29-jährigen jungen Männern die Ausländer in der Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert sind. Darauf wies nun übrigens auch die Berliner Polizeipräsidentin hin.
Urbaniok widerlegt Fratzscher-These zu Armut
Aber wie sieht es mit der Fratzscher-These aus, Armut fördere die Neigung zur Kriminalität, unabhängig von der Herkunft? In einem Gespräch mit der "FAZ" hat Urbaniok schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass beispielsweise unter Algeriern, Tunesiern Libyern oder Ägyptern 19 Prozent als sozial schwach gälten, ebenso viele wie unter den Vietnamesen. Mit einem Unterschied: Die Kriminalitätsquote bei den Vietnamesen liegt bei zwei Prozent, die in der anderen Gruppe bei 23 Prozent. Sprich: Mit der pauschalen These von Fratzscher lässt sich das nicht erklären.
Was Fratzscher leugnet, spielt übrigens vor Gerichten eine große Rolle. Manche Urteile fallen verhältnismäßig milde aus, weil die Richter die kulturelle Prägung der zugewanderten Täter strafmildernd berücksichtigen. Das dürften sie nicht tun, wenn Kriminalität laut Fratzscher angeblich "nicht importiert" wird.
Der Historiker Professor Michael Wolffsohn hat beispielsweise vor zwei Jahren milde Urteile deutscher Gerichte bei antisemitischen Straftaten in "Bild" so kommentiert: "Nicht selten fällte die deutsche Justiz, wenn überhaupt, mildeste Urteile. Die Begründung: Man müsse die kulturellen Unterschiede zwischen der westlichen und islamischen Gesellschaft berücksichtigen. Auf diese Weise verwandelten Richter (…) Straftaten in einen Kampf der Kulturen, Zivilisationen und Religionen."
Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sind gesetzestreu
Ganz gleich, welche Statistik man heranzieht: Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sind rechtschaffene Bürger, die keine Straftaten begehen. Wenn Fratzscher aber jeden Zusammenhang von Herkunft und überproportionaler Neigung zu Straftaten leugnet, malt er sich das "bunte Deutschland" schöner, als es ist.
Bei Fratzscher weiß man nie, was bei ihm politisches Wunschdenken ist und was er selbst für eine wissenschaftlich fundierte These hält. So stellte der DIW-Präsident Anfang 2016 die kühne Prognose auf, die Ausgaben für Flüchtlinge wirkten "wie ein Konjunkturprogramm". Außerdem seien "etwa ein Viertel der Geflüchteten gut qualifiziert". Eine weitere Willkommenskultur-These Fratzschers lautete so: "Viele der Geflüchteten werden die Renten der Babyboomer zahlen".
Nun ja, den durch die Flüchtlingswelle ausgelösten Boom hat bisher kein Konjunkturforscher entdecken können. Auch dürften angesichts der geringen beruflichen Qualifikation vieler Zuwanderer mehr von ihnen in der Grundsicherung landen, statt die Rentenkassen zu stabilisieren. Aber Fratzscher ist eben Fratzscher: Er weiß, dass man mit steilen Thesen in die Schlagzeilen kommt. Was auch in diesem Fall so sein dürfte.