Arbeit statt Bescherung, Kneipe statt Familie: Für Layla ist dieses Weihnachten ganz anders als gewöhnlich. "Für mich ist es das erste Mal überhaupt ohne die Familie“, erzählt die 33-Jährige im Gespräch mit FOCUS online: "Es fühlt sich merkwürdig an, verrückt.“
Ihre neuen Kneipenfreunde: Rumänische Migranten
Mit ihrem Partner Filipe und einigen Freunden sitzt sie an Heiligabend in der "unFassBar“ in Singen am Hohentwiel nahe Konstanz. "Es fühlt sich wie zu Hause hier an“, sagt sie – denn genau in dieser Kneipe lernte sie den neuen Freundeskreis kennen: Rumänische Migranten. "Sie sind unsere Familie“, sagt Filipe.
Layla ist erst im März dieses Jahres aus Brasilien nach Deutschland gezogen, um als Krankenschwester in Singen zu arbeiten. Partner Filipe hat gemeinsam mit ihr die Zelte abgebrochen. Der Fotojournalist orientiert sich nun beruflich neu: "Jetzt bauen wir uns hier in Deutschland ein neues Leben auf.“
Die besinnlichen Tage fernab der Familie stellen trotzdem eine besondere Herausforderung dar. "Ich konnte meinen Urlaub nicht planen, wie ich wollte“, bedauert die Krankenschwester. In ihrem Beruf sei es ohnehin schwierig, über Weihnachten und Silvester freizubekommen.
Bier statt Truthahn
In der Vergangenheit hat sich Layla immer über das Festmahl gefreut. Truthahn, Hähnchen, Schwein, dazu Reis und eine Platte mit Kartoffelsalat, Rosinen und Karotten zählen sie und Filipe als typisches Weihnachtsgericht in der Heimat auf. „Ich vermisse brasilianisches Essen wirklich, besonders an Weihnachten“, sagt die 33-Jährige.
Jetzt mussten Videotelefonate mit den Verwandten reichen. „Es ist auch hart für meine Familie“, sagt Layla. Beim Gespräch habe ihr Vater erzählt, dass er sie ebenfalls vermisse. Er sei noch nie in Europa gewesen und die Mutter bereits verstorben. Der Rest der Familie verbringt Weihnachten nun ohne Layla und ihre Mutter. „Aber sie denken, dass es mir hier gut geht“, schiebt sie hinterher.
Da kam es für Layla ganz gelegen, dass sie an Heiligabend tagsüber noch arbeiten musste. „Ich habe Geschenke für die alten Leute gemacht. Sie waren alleine, ich war alleine – wir waren zusammen“, schildert sie die Atmosphäre im Krankenhaus. Den Patienten eine Freude zu bereiten und Zeit mit ihnen zu verbringen, habe auch ihre Stimmung aufgebessert.
Über die Familiengeschichte schweigt der Mann lieber
Nicht nur an Laylas und Filipes Tisch herrscht herrscht eine gesellige Stimmung. Eine Gruppe hat sich am Billardtisch versammelt. An der Dartscheibe steht ein irischer Gast, der seine beiden Söhne besucht. Beide studieren in der Region. Für sie steht erst am ersten Weihnachtsfeiertag das traditionelle irische Essen mit Truthahn an. "Morgen bin ich Chef“, frohlockt der Senior, der dann neben den Kindern auch seine Frau bekochen wird.
An der Theke sitzen diejenigen, die nicht alleine zu Hause sein wollen – oder nicht bei der Familie. "Die Familiengeschichte lassen wir jetzt weg – die würde zu lange dauern“, sagt etwa ein älterer Gast. Seine Frau verbringt Weihnachten in der Schweiz, über die Gründe für das getrennte Fest schweigt der Mann lieber.
Ihn störe ohnehin der Kommerz rund um Weihnachten. "Aber ich bin hier nicht allein“, sagt der Mann und verweist auf seine Sitznachbarn. Auf seiner Kneipentour treffe er Bekannte, die er schon lange nicht mehr gesehen habe. Die Kneipe ist ein guter Ort gegen die Einsamkeit.
Schwierige Tage in der psychiatrischen Wohngruppe
Ein paar Stühle weiter hat eine Mittzwanzigerin Platz genommen und trinkt ihr Feierabendbier. "Heute war kein einfacher Tag“, sagt sie. Sie arbeitet in einer psychiatrischen Einrichtung. Einige Bewohner seien allein, mit den Feiertagen und dem sozialen Druck überfordert. "Manche bekommen Besuche, manche nicht“, umreißt sie. Andere hätten nicht viel Geld und spürten Druck, Geschenke kaufen zu müssen.
Für die Belegschaft seien die Feiertage besonders herausfordernd. Theoretisch könnte man sie zwar festlich gestalten. Nur: "Manche wollen feiern, andere nicht. Etwas zu finden, womit alle zurechtkommen, geht gar nicht. Wir sind auch nicht so viele Leute in der Schicht, dass wir auf jeden einzeln eingehen können.“
Sie selbst könne Weihnachten ohnehin nicht viel abgewinnen. "Ich finde es stressig mit der Familie“, sagt die Singenerin. Das Zusammenkommen sei ihr zu heuchlerisch, sie besuche ihre Eltern ohnehin regelmäßig. "Ich sage das der Familie aber nicht. Ich sage immer, ich muss arbeiten.“ Zudem sei die Kneipe ihre zweite Familie: "So alleine feiere ich doch nicht.“
Bar-Inhaber berichtet von unerklärlichem Wandel
Bar-Mitarbeiterin Patrizia bekommt zwischendurch Besuch von ihrem Partner. Pächter Patrick hat ebenfalls kein Problem damit, an Weihnachten die Kundschaft zu bedienen und das Geschäft nach dem Familientreffen aufzuschließen.
An der Theke sitzt auch Inhaber Oliver. "Meine Familie ist das hier. Was soll ich daheim machen – Fernsehen?“, fragt er. Ein Fest mache für ihn aus, dass alle zusammenkämen, da wolle er dabei sein. Hier in der Kneipe.
Durchaus mit Unverständnis erzählt der Inhaber, dass sich das weihnachtliche Ausgehverhalten in den vergangenen Jahren komplett verändert hat. Die jungen Leute seien beim Elternbesuch nach der Bescherung ab 22 Uhr in die Kneipen geströmt, um alte Freunde zu treffen.
„Das war brechend voll“, erzählt Oliver: "Heiligabend war der beste Tag im Jahr – mit Abstand.“ Wieso das nachgelassen habe, könne er sich auch nicht erklären.
Dem daraus entstandenen Klischee der verlorenen Seele, die einsam am Bier nippt, tritt Oliver deshalb entschieden entgegen. "In der Regel sind das gesellige Leute“, sagt er und zeigt auf die muntere Runde. Weihnachten sei ein Fest der Freude und des Feierns – auch in der Kneipe.
Krankenschwester Layla will indes künftig andere Anlässe nutzen, um mit der Familie zusammenzukommen. "Ich habe vor, meine Familie nächstes Jahr zu besuchen“, sagt sie. An Weihnachten und Silvester dürfte es zwar weiterhin schwierig sein. Doch hat sie schon eine andere Idee: „Eher am Geburtstag meines Vaters.“