Weil er einem Zehntklässler ein Praktikum bei der AfD-Landtagsfraktion in Brandenburg verwehrte, muss sich Alexander Otto mit Drohmails, Anrufen und Hetze auf Social Media auseinandersetzen. Das erzählte er unlängst im Gespräch mit dem "Spiegel". Otto leitet eine weiterführende Schule in Teltow nahe Potsdam.
Im Oktober hatte die AfD-Abgeordnete Lena Kotré bei einer Pressekonferenz auf den Fall aufmerksam gemacht. Sie erklärte, der Schulleiter habe das Praktikum verboten, weil man es "offensichtlich mit Rechtsextremen zu tun" habe.
Das verurteilte sie als "Indoktrination von Schülern". Kotré wiederholte damals mehrfach den Namen der Schule. Außerdem verbreitete sie ein Video über die Ereignisse auf ihren Social-Media-Kanälen. Darunter fanden sich Tausende Kommentare.
Hass-Kommentare gegen Schulleiter: "So ein dreckiger Pädagoge"
Das Portal rbb24 zitierte im Oktober einige der Aussagen, die in den sozialen Netzwerken zu finden waren. Ein Kommentar lautete demnach: "So ein dreckiger Pädagoge, er hat als Leiter total versagt." Ein anderer: "Namen und Adressen der Entscheider, dessen Ehepartner und Angehörige bekanntmachen! Der Rest erledigt sich von selbst."
Schulleiter Otto ist entsetzt über das, was nach seinem Praktikums-Veto ins Rollen kam. "Das ist Einschüchterung. Und es ist einfach falsch. Ich muss nicht neutral sein, ganz im Gegenteil", sagte der dem "Spiegel".
Eine Schule sei eine Einrichtung, die den Auftrag habe, Kinder und Jugendliche "frei von Sorgen und frei im Geiste auszubilden, auf den Füßen des Grundgesetzes", so der Pädagoge. Grundsätzlich liegt es in seinem Ermessen, zu entscheiden, ob ein Praktikumsplatz geeignet ist oder nicht.
AfD-Landesverbrand Brandenburg gilt als gesichert rechtsextrem
Fest steht: Der Brandenburger Verfassungsschutz stuft den gesamten AfD-Landesverband als gesichert rechtsextrem ein. Zwar ist die AfD-Landtagsfraktion nicht das gleiche wie der Landesverband. Aber: Wer für die Partei im Landtag sitzt, gehört ihm in der Regel an.
Außerdem, so berichtet es der "Spiegel", werden sechs Mitglieder der Brandenburger AfD-Landtagsfraktion als Rechtsextremisten geführt - darunter auch Lena Kotré. Das Brandenburger Bildungsministerium sieht laut rbb24 kein Fehlverhalten bei Schulleiter Otto, nur weil er dem Zehntklässler das Praktikum verwehrte.
Die Schulleitung dürfe ein Praktikum in einem bestimmten Ausbildungsbetrieb untersagen. In der Antwort an das Informationsportal hieß es, der Schüler wäre "ohne pädagogische Begleitung und vergleichende Einordnung unmittelbar der erwiesen demokratiefeindlichen Ideologie der Partei ausgesetzt gewesen".
Mädchen in der Kantine: "Konnte die Angst in ihren Augen sehen"
Dass die Geschehnisse der vergangenen Monate nicht spurlos an dem Pädagogen seiner Schule vorbeigehen, zeigt eine Szene, die er dem "Spiegel" beschrieb. Sie spielte sich offenbar kurz nach der AfD-Pressekonferenz in der Kantine der Bildungseinrichtung ab.
"Da kamen drei Mädels zu mir und sagten: 'Herr Otto, was machen wir denn jetzt? Wir haben Angst.' Das war das Schlimmste, was ich erlebt habe. Ich konnte die Angst in ihren Augen sehen", so der Pädagoge. Es sei ihm jedoch gelungen, die Schülerinnen zu beruhigen.
Auch unterstützende Kommentare in den sozialen Medien
Letztlich gab es Otto zufolge auch Momente, die ihm Hoffnung machten. Denn laut dem Pädagogen erhielt die Schule viel Unterstützung von außen. Blumensträuße, Postkarten und sogar ein Anruf des Ministerpräsidenten sei dabei gewesen. Für Otto Zeichen der Menschlichkeit.
Und auch in den sozialen Netzwerken fanden sich im Oktober nicht nur diffamierende, sondern auch unterstützende, wohlwollende Kommentare. In einem Beitrag hieß es beispielsweise: "Das ist nicht links sondern normal, Schüler vor Rechtsextremismus zu schützen."