Im Schnitt 20 Tage krank: Lohnfortzahlung kostet die deutsche Wirtschaft Milliarden-Summe

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Krankmeldungen erreichen 2024 ein Rekordniveau: Millionen Fehltage kosten die Wirtschaft historische Summen. Pflegekräfte besonders betroffen.

Berlin – Deutsche Arbeitgeber mussten 2024 so viel Geld für kranke Mitarbeiter aufbringen wie nie zuvor. Die Gesamtkosten aus Produktionsausfällen und Lohnfortzahlungen erreichten nach Angaben der Bundesregierung erstmals die Marke von über 200 Milliarden Euro. Diese Summe entspricht etwa 4,7 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts, das bei ca. 4,26 Billionen Euro lag.

Deutsche Arbeitnehmer waren 2024 so oft krank wie nie zuvor. © Collage DeFodi/IMAGO - Wolfilser/IMAGO

Beschäftigte waren 2024 laut dem Bericht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durchschnittlich 20,8 Tage krankgemeldet – fast vier Tage mehr als noch 2020. Hinzu kommen gestiegene Löhne, die sich direkt auf die Lohnfortzahlungskosten auswirken.

Produktionsausfälle durch Krankmeldungen erreichen historische Dimensionen von 134 Milliarden Euro

Die BAuA ermittelte insgesamt 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. Den größten Kostenfaktor stellen die daraus resultierenden Produktionsausfälle dar, die 2024 auf 134 Milliarden Euro anstiegen. Zum Vergleich: 2020 beliefen sich die Produktionsausfälle noch auf 87 Milliarden Euro. Für jeden nicht geleisteten Arbeitstag mussten die Unternehmen im Schnitt 152 Euro pro Beschäftigtem aufbringen.

Diese Entwicklung trifft Unternehmen in einer ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage. Viele Betriebe kämpfen bereits mit hohen Energiekosten, Lieferengpässen und zunehmendem Wettbewerbsdruck. Die steigenden krankheitsbedingten Ausfälle verschärfen diese Situation zusätzlich und schwächen die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Lohnfortzahlungskosten steigen auf 82 Milliarden Euro und belasten Arbeitgeber massiv – Pflegepersonal besonders häufig erkrankt

Parallel zu den Produktionsausfällen stiegen auch die direkten Lohnfortzahlungskosten erheblich. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert die Aufwendungen der Arbeitgeber für kranke Beschäftigte auf 82 Milliarden Euro. Diese Summe setzt sich aus 69,1 Milliarden Euro reiner Lohnfortzahlung und zusätzlich 13 Milliarden Euro Sozialversicherungsbeiträgen zusammen, die Arbeitgeber auch während der Krankheitszeiten entrichten müssen.

Die Belastung durch Krankmeldungen verteilte sich ungleichmäßig auf die verschiedenen Wirtschaftszweige. Besonders betroffen war der Pflegebereich mit einem Krankenstand von 9,36 Prozent, gefolgt von der Metallerzeugung mit 9,33 Prozent und der öffentlichen Verwaltung mit 8,70 Prozent. Auch der Einzelhandel verzeichnete 2024 mit 7,14 Prozent den höchsten Krankenstand seit über 20 Jahren, so die AOK. Gründe seien laut Merit Kirch, Geschäftsführerin des BGF-Instituts der AOK Rheinland/Hamburg, der „intensive Kundenkontakt, die angespannte Personalsituation, Sorgen um den Arbeitsplatz sowie zunehmender Kostendruck.“

Demografischer Wandel und veränderte Krankheitsbilder verstärken das Problem strukturell: Experten forden strukturelle Reformen

Die Ursachen für den kontinuierlichen Anstieg der Krankmeldungen sind vielschichtig. Ein wesentlicher Faktor ist der demografische Wandel: Mit dem steigenden Durchschnittsalter der Belegschaften nehmen altersbedingte Erkrankungen zu, insbesondere Muskel- und Skeletterkrankungen (19,4 Prozent der Krankheitstage 2024), die längere Heilungszeiten erfordern.

Gleichzeitig haben sich die Krankheitsbilder verschoben. Psychische Erkrankungen, die früher eine untergeordnete Rolle spielten, verursachen heute überdurchschnittlich lange Ausfallzeiten. Allein im Einzelhandel gingen laut der AOK 5,7 Fehltage pro Arbeitnehmer auf psychische Erkrankungen zurück – 3,9 Tagen vor zehn Jahren. Insgesamt stellten psychische Verhaltensstörungen 16,7 Prozent der Krankheitstage 2024 dar.

Angesichts der steigenden Belastungen dringen Arbeitgeberverbände auf strukturelle Reformen. Dr. Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft schlägt die Einführung von Karenztagen vor. „Die Gehaltszahlung würde zu Beginn einer Erkrankung für einige Tage ausgesetzt“, so der Experte. Auch Karenzzeiten, „in denen das Gehalt auf reduziertem Niveau gezahlt wird“, sowie eine Begrenzung der Entgeltfortzahlungsverpflichtung seien denkbar. Gleichzeitig betonen Gesundheitsexperten die Notwendigkeit, die Ursachen anzugehen – durch bessere Arbeitsbedingungen, Präventionsmaßnahmen und ein systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement. (Quellen: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Institut der deutschen Wirtschaft, AOK) (jaka)

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