Rätselhafter Geheimgang bei Irschenberg stellt Forscher auf die Probe - Zeugnis eines Geheimkults?

  1. Startseite
  2. Bayern

Kommentare

Höhlenforscher haben den Stollen untersucht, sein Zweck bleibt ein Rätsel. © Montage Plettenberg/privat

Vor Hunderten von Jahren wurde im Landkreis Miesbach ein Tunnelsystem in den Untergrund gegraben. Warum, darüber rätseln die Forscher schon seit Generationen.

Reichersdorf - Eine Kirche, ein paar Bauernhöfe, Wald und Wiesen, dahinter Berge. Nichts deutet darauf hin, dass sich in Reichersdorf (Gemeinde Irschenberg) ein geheimnisvoller unterirdischer Gang befindet.

Sepp Hatz (r.) und Redakteur Johannes Welte im Erdstall, der sich unter einem Haus  befindet.
Sepp Hatz (r.) und Redakteur Johannes Welte im Erdstall, der sich unter einem Haus befindet. © THOMAS PLETTENBERG

Der Weg in die Unterwelt beginnt in einer steinernen Tür in einer Böschung

„Hier geht‘s runter.“ Neben einer Kapelle am Ortsrand schließt Sepp Hatzl vom Förderverein Kultur und Geschichte in Weyarn eine knarrende Holztüre in der Böschung auf, hinter der verwitterte Steinstufen in die Unterwelt führen. Gut fünf Meter steigt man in drei Windungen hinab, dann erreicht man einen mannshohen gemauerten Gang. Nach zehn Metern wird es enger und niedriger, die Wände rauer, sie sind direkt ins Erdreich gehauen, rechts und links Abzweigungen, bevor nach weiteren sechs Metern der Gang als Sackgasse endet. Das ist der eigentliche Erdstall – das Gewölbe davor ist erst gut 100 Jahre alt.

„Wir befinden uns im ersten Erdstall, der nach Jahrhunderten des Vergessens wiederentdeckt wurde“, berichtet Hatzl. Am 11. Juli 1640 wollte Bauer Hans Westiner an seinem Hof einen Brunnen graben, als er auf unterirdische Hohlräume stieß. Neben dem Brunnenschacht öffnete sich „ein wunderbahrliche Creuz Grufft“, wie es damals hieß. Neugierige seilten sich mit Fackeln in den 15 Meter tiefen Brunnenschacht ab, über den man den Erdstall erreichte.

Ein zweites, enges Schlupfloch führt in ein zweites Untergeschoss

Von der mannshohen „Kreuzgruft“ führt ein nur im Entengang begehbarer Stollen in den Kreuzgang. In einer Nebenkammer gelangt man durch ein etwa 40 Zentimeter enges Schlupfloch in einen weiteren tiefer gelegenen Tunnel.

Diese Kapelle wurde im 17. Jahrhundert über dem damals wiederentdeckten Tunnelsystem errichtet.
Sepp Hatz vor der Kapelle, die im 17. Jahrhundert über dem damals wiederentdeckten Tunnelsystem errichtet wurde, das auch unter dieses Haus reicht. © THOMAS PLETTENBERG

„Die Besucher des Stollens berichteten nach dem Besuch, von ihren Rückenleiden geheilt worden zu sein“, erzählt Hatzl. Auch dem Wasser des Brunnens wurde nachgesagt, „krankhen Leuthen und Vieh“ zu helfen. Sogar das Erdreich wirkte schiere Wunder. Hatzl: „Man rieb sich damit ein oder brachte es auf Felder aus, die nicht viel Ertrag brachten.“

Ein unterirdisches Wartezimmer für die Seelen bis zum Jüngsten Gericht?

Doch wozu diente der Erdstall von Reichersdorf ursprünglich? Das ist genauso ein Rätsel wie bei über 700 weiteren unterirdischen Gängen, die in Bayern, Österreich und Böhmen entdeckt wurden. „Man schätzt sie auf das Mittelalter, von der Jahrtausendwende bis ins späte 14. Jahrhundert“, so Hatzl. Früher kursierten Sagen von Zwergen, die dort hausten, weshalb sie auch „Schrazl-Löcher“ heißen.

Der Forscher Roland Harnisch, der den Erdstall erkundete - hier beim Absteigen in den unteren Tunnel. Er kam später bei der Erforschung eines Unter-Wasserhöhlensystems ums Leben.
Der Forscher Roland Harnisch, der den Erdstall erkundete - hier beim Absteigen in den unteren Tunnel. Er kam später bei der Erforschung eines Unter-Wasserhöhlensystems ums Leben. © privat

War es ein Zufluchtsort bei Überfällen? „Dazu wäre es zu eng gewesen.“ Wurden hier Eigentum oder Nahrung verborgen? Man hätte doch einmal Reste davon finden müssen! Eine Theorie sieht in den unterirdischen Gängen „Seelenkammern“, in denen sich die Seelen toter Angehöriger bis zum Jüngsten Gericht aufhalten konnten. Die Lehre vom Fegefeuer, wo man „gereinigt“ wird, bevor man in das Paradies eingeht, war damals noch unbekannt.

Infos zu den Führungen gibt‘s es beim Förderverein Kultur & Geschichte in Weyarn e.V.

Weitere interessante Ausflugsziele finden sich auch in der größten Höhlenburg Deutschlands in Stein an der Traun am Chiemsee oder auf Burg Grünwald bei München mit ihrer reichlich kuriosen Geschichte.