- Der vollständige Artikel von Anne-Kathrin Oestmann, auf den sich die folgende Kommentar-Analyse bezieht, ist hier verfügbar: Polarisierendes Projekt in Hamburg: Hier darf nur einziehen, wer kein Auto hat
Ein neu geplantes Wohnquartier in Hamburg, das Mieter ohne eigenes Auto bevorzugt, entfacht eine lebhafte Diskussion: Der Artikel stellt die vertragliche Verpflichtung im Mietvertrag dar, keinen Pkw zu besitzen – als Teil eines geförderten und autofreien Wohnkonzepts. In den Leserkommentaren stehen sich vor allem zwei Lager gegenüber: Einerseits sieht ein großer Teil die Maßnahme als übergriffigen staatlichen Eingriff und Bevormundung, während andere auf die Vorteile für Klimaschutz und nachhaltige Stadtentwicklung verweisen. Daneben gibt es deutliche Zweifel an der Durchsetzbarkeit, Sorgen hinsichtlich Ausgrenzung bestimmter Gruppen und sarkastische Kritik an der politischen Motivation.
Kritik an Einschränkung individueller Freiheit
Viele Leser empfinden das Wohnprojekt als unzulässigen Eingriff in die persönliche Lebensführung. Sie argumentieren, privater Besitz – insbesondere der eines Autos – gehe Vermieter grundsätzlich nichts an. Ein Besitzverbot werde als übergriffig wahrgenommen und rhetorisch mit anderen, klar unzulässigen Eingriffen in Grundrechte verglichen.
"Privater Besitz geht den Vermieter nichts an. Schon gar nicht der übliche Besitz eines Autos. Solche Klauseln im Mietvertrag über Wohnraum sind unwirksam. Bestenfalls kann das Parken von Autos auf dem Grundstück des Hauses verboten werden, nicht aber der Besitz eines Autos." Zum Originalkommentar
"Verbot, ein Auto zu besitzen, was kommt demnächst? Pflicht zu verhüten, denn es könnte dann zur Überbelegung kommen? Verbot, seinen Job selbst zu kündigen, da man dann sein Einkommen verliert. Verbot, folgende: ..., ..., ... Parteien zu wählen?" Zum Originalkommentar
"Gegenvorschlag: Um den Lärm in den Gebäuden zu begrenzen, muss man sich per Vertrag dazu verpflichten, keine Kinder zu bekommen. So, das ist dann aber auch vernünftig, oder?" Zum Originalkommentar
Kritik an staatlicher Wohnpolitik
Ein Teil der Kommentare richtet sich weniger gegen den konkreten Vermieter als gegen die wohnungspolitischen Rahmenbedingungen. Die Leser beschreiben eine Situation, in der Wohnungsmangel die Verhandlungsmacht der Mieter schwächt und ungewöhnliche Vertragsmodelle begünstigt.
"Es gibt in diesem Land inzwischen eine ganz eigene Definition von "Freiheit" und "Demokratie". Mit meiner hat die nichts mehr zu tun. Die Warnung der Trump-Regierung ist berechtigt." Zum Originalkommentar
"Und wieder werden Verbote ausgesprochen. Wegen des Mangels an Wohnungen fügen sich die Menschen eben. Findet das jemand gut?" Zum Originalkommentar
"So ein Projekt kann man gerne machen, aber bitte nicht mit öffentlichen Geldern gefördert - zumindest nicht in einer Demokratie nach allgemeiner und nicht nach rot/grüner Definition." Zum Originalkommentar
Sarkasmus zur politischen Ideologie
Zahlreiche Kommentare greifen zu Ironie und historischen Vergleichen, um ihre Ablehnung zu pointieren. Hamburg wird dabei als Symbol einer ideologisch überformten Stadtpolitik dargestellt, die Vorgaben für das private Leben mache.
"Die Hamburger erinnern einen immer mehr an die Schildbürger. Mal schauen, was sie sich als nächstes ausdenken: Vielleicht dürfen Autos dort bald nur noch rückwärts fahren, weil dann ja CO2 in Sauerstoff und Benzin zurückverwandelt wird ...? Ist schon drollig, diese Stadt." Zum Originalkommentar
"Die Hamburger haben ihre rot/grüne Diktatur, die ihnen von der Wiege bis zur Bahre vorschreibt, wie sie ihr Leben zu fristen haben, selbst gewählt. Meinen herzlichen Glückwunsch dorthin!" Zum Originalkommentar
"So etwas gibt es nicht mal in China oder Nordkorea." Zum Originalkommentar
Kritik an sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung
Mehrere Leser lenken den Blick auf mögliche Ausschlusswirkungen. Sie fragen, wie Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Pflegebedarf oder familiären Verpflichtungen in einem strikt autofreien Wohnumfeld zurechtkommen sollen.
"Kritisiert wird, dass Mieter das Verbot umgehen könnten. Ein Autoverbot ist laut einem Bericht der „Zeit“ außerdem problematisch, wenn Menschen darauf angewiesen sind, etwa Gehbehinderte oder Alleinerziehende." Zum Originalkommentar
"Das ist doch Diskriminierung! Nur für Menschen ohne Auto, nur für Menschen mit "weißer" Haut, nur für Menschen ohne Behinderung, nur für Menschen ohne Kinder.... Satire Ende." Zum Originalkommentar
"Also kein Haus für Senioren oder nur solche ohne geringste physische Einschränkungen, die mit Fahrrädern, ÖNV (und damit verbundenen Laufwegen) alles machen können und problemlos zurechtkommen." Zum Originalkommentar
Skepsis gegenüber praktischer Umsetzbarkeit
Neben rechtlichen Fragen äußern Leser erhebliche Zweifel an der Durchsetzbarkeit. Sie verweisen darauf, dass bereits Verbote der Tierhaltung nur eingeschränkt wirksam seien und ein Autobesitz erst recht kaum kontrollierbar wäre.
"Ob sowas überhaupt rechtlich durchsetzbar ist? Schon Haustierhaltung ist kaum zu verbieten. Abgesehen davon, Leasingfahrzeuge würden einem ja schon mal nicht gehören." Zum Originalkommentar
"Ist vielleicht vermutlich der Versuch, das Baurecht zu umgehen, das eine geplante neue Immobilie auch die genügend vorhandenen Stellplätze haben muss und Mieter nicht klagen können. Aber einen Mieter zu kündigen, weil er sich ein Auto kauft/besitzt, dürfte vor Gericht nur ein Lachen auslösen. Ganz davon abgesehen, wie man das kontrollieren will." Zum Originalkommentar
"Das Auto einfach leasen. Denn gehört es einem nicht. Was soll diese sittenwidrige Klausel? Es gibt Menschen, die müssen beruflich ein Auto fahren (Handwerker, Außendienst). Mit welcher Begründung dürfen die nicht einziehen? Will man nur arbeitslose Sozialhilfeempfänger in dem Viertel?" Zum Originalkommentar
Zustimmung zur Förderung nachhaltiger Mobilität
Demgegenüber äußert sich eine kleinere, aber deutliche Gruppe zustimmend. Diese Leser sehen im Projekt einen notwendigen Schritt hin zu ressourcenschonender Mobilität in dicht besiedelten Städten. Sie verweisen auf Carsharing, Lastenräder und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs als realistische Alternativen zum eigenen Auto.
"Das Projekt wäre doch einmal ein interessanter Versuch zu einem zukunftsweisenden Wohnkonzept. Carsharing, Fahrräder und Lastenräder sind sinnvolle Verkehrsalternativen in Großstädten. Zumal der Individualverkehr massiv überrüstet ist - es gibt viel zu viele PKW in Deutschland." Zum Originalkommentar
"Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus mit fünf Garagen, die mein Vermieter aus Prinzip nicht vermietet. Bis auf zwei Parteien hat bei uns keiner ein Auto, dafür gibt es Sharinganbieter, die gleich um die Ecke ihre PKW stehen haben. Der autofreie Hof vor den Garagen ist inzwischen ein begrünter Erholungsbereich für alle Mieter. Ein Gewinn für alle und mittelfristig die Zukunft für Innenstädte." Zum Originalkommentar
"Seit der Einführung von Elektrofahrrädern brauchen die meisten in der Stadt kein Auto, wer nicht darauf verzichten kann oder will, soll halt woanders wohnen." Zum Originalkommentar
"Das ist doch super, da würde ich sofort einziehen. Schade, dass ich nicht in Hamburg wohne." Zum Originalkommentar
Kritik an Kosten und Wohnungsmarkt
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Finanzierung. Leser kritisieren, dass öffentlich geförderte Neubauten mit Einschränkungen verbunden werden, während mögliche Kostenvorteile nicht zwingend an die Mieter weitergegeben würden. Der Verzicht auf Tiefgaragen senkt Baukosten erheblich, was theoretisch niedrigere Mieten ermöglicht.
"Scheint, als würden die schönen, vom Steuerzahler geförderten Neubauwohnungen, ohnehin nur mit Mietern belegt, die sich kein eigenes Auto leisten können." Zum Originalkommentar
"So wie es aussieht, wird man dort nicht parken können. PKW-Besitzer ausschließen und dadurch keine Parkplätze zu jeder Wohnung bereitstellen zu müssen, spart sehr viel Geld beim Projekt ein. Dadurch können niedrigere Mieten angeboten werden. Wer ein Auto haben will, bekommt auch eine Wohnung bei der Saga, kostet dann nur mehr..." Zum Originalkommentar
"Diese Wohnungen wurden mit öffentlichen Förderungen gebaut. Also in der Regel von Steuerzahlern, die ein eigenes Auto haben. Unglaublich." Zum Originalkommentar
Sonstige Stimmen
Die sonstigen Stimmen bündeln vor allem Unmut über die wahrgenommene Verschiebung wohnungspolitischer Prioritäten. Leser stellen die Frage, ob in einer angespannten Marktlage nicht zuerst der Zugang zu Wohnraum zählen müsse – unabhängig vom Mobilitätsverhalten.
""Polarisierendes Projekt in Hamburg: Hier darf nur einziehen, wer kein Auto hat" Wäre es nicht realistischer, wenn jemand einziehen darf, der keine Wohnung hat?" Zum Originalkommentar
"Ich hoffe, die Handwerker zeigen den Leuten einen Vogel." Zum Originalkommentar
"Ich habe schon vor 15 Jahren auf ein eigenes Auto in der Innenstadt verzichtet. Bis ich mir vor 8 Jahren ein Wochenendhaus im Grünen zulegte. Nun bin ich wieder glücklicher Besitzer eines eigenen SUV und auf das Land gezogen. Die nervige Stadt hat sich für mich erledigt." Zum Originalkommentar
Diskutieren Sie mit! Ein autofreies Wohnquartier in Hamburg spaltet die Meinungen: Ist das klimagerechte Stadtentwicklung oder Bevormundung durch die Hintertür? Wie sehen Sie das – braucht es mehr solcher Projekte oder bedrohen sie die individuelle Wahlfreiheit? Teilen Sie Ihre Meinung im Kommentarbereich!