Deutschland sollte den Ostermontag streichen, sagte die Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller. Deutschland habe „zu viele Feiertage“, „zu viele Krankheitstage“, wir müssten uns „wieder kollektiv anstrengen“. Zack. Debatte geöffnet.
Der alte Reflex: Mehr Tage, mehr Stunden, mehr Arbeit, dann wird das Wachstum schon wieder. Klingt entschlossen. Wirkt für viele Arbeitnehmer aber hart an der Realität vorbei.
Schaut man auf die Zahlen, zeigt sich auch schnell: Die Effekte solcher Maßnahmen sind klein, wacklig, teils kaum nachweisbar. Und es gäbe Wege, die weit mehr bringen könnten, ohne dass jemand auf einen einzigen freien Tag verzichten müsste. In der Diskussion:
1. Ostermontag streichen – der schnelle Hebel, der keiner ist
Rein rechnerisch wirkt die Streichung eines Feiertages brutal einfach: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag 2024 bei rund 4,31 Billionen Euro. Verteilt auf etwa 249 Arbeitstage ergibt das eine theoretische Obergrenze von rund 17,3 Milliarden Euro pro Tag. Das sind etwa 0,4 Prozent der Jahresleistung.
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet so: Ein extra Werktag (streicht man beispielsweise den Ostermontag) könnte bis zu 0,2 Prozent Wirtschaftsleistung bringen. Maximal wären bis zu 8,6 Milliarden Euro drin. Auch Clemens Fuest, Chef des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), argumentiert in die Richtung: „Das Streichen eines Feiertags wäre ein Beitrag, das Produktionspotenzial zu erhöhen.“ Mehr Tage, mehr Potenzial.
Nur: Das ist die optimistische Oberkante. In der Praxis bröckelt die schöne Rechnung. Warum?
- Kalendereffekt: Ein Werktag im Dezember ist nicht dasselbe wie ein Tag im Mai. Auswertungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigen: Viele zusätzliche Werktage schieben das BIP nur um 0,05 bis 0,1 Prozentpunkte.
- Branchenmix: In der Gastronomie, im Tourismus, in der Pflege wird ohnehin gearbeitet. Ein Feiertag weniger bedeutet dort weniger Freizeitkonsum, nicht mehr Output.
- Arbeit verlagert sich nur: Rund um Feiertage wird ohnehin vor- und nachgearbeitet. Fällt der freie Tag weg, verschiebt sich die Arbeit statt zuzunehmen.
Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hat Länder untersucht, die Feiertage strichen oder neu einführten. Das Ergebnis: kein robuster Wachstumseffekt. Teils liefen Regionen sogar besser, die ihre Feiertage behielten.
Kurz: Der Ostermontag ist kein Wachstumsturbo. Es geht nicht um eine sichere Produktivitätserhöhung, sondern um einen möglichen und sehr schwankenden Kalendereffekt.
Und ab dem zweiten Jahr ist dieser Tag schließlich „normal“. Es gibt keinen zusätzlichen Schub. Man arbeitet nicht jedes Jahr einen Tag mehr, sondern ab dann einen Tag mehr als bisher. Der Effekt ist somit bereits eingepreist.
2. Urlaub kürzen – gleicher Mechanismus, höhere Risiken
Dann gibt es eben weniger Urlaub für alle! Klingt nach mehr Präsenz, mehr Wertschöpfung. Und rein rechnerisch bringt jeder zusätzliche Arbeitstag etwa 0,1 Prozent BIP, also grob 4,3 Milliarden Euro.
Zwei gestrichene Urlaubstage lägen also in einem ähnlichen Bereich wie der Ostermontag, vielleicht sogar bei etwas mehr zwischen 8 bis 9 Milliarden Euro. Theoretisch.
Nur übersieht man dabei:
- Urlaub schützt vor Ausfällen. Erholungszeit dämpft Krankheit und Erschöpfung.
- Die Betriebskrankenkassen berichten bereits seit Jahren von steigenden Fehltagen. Das könnte weiter zunehmen.
- Wer über Wochen und Monate „auf Verschleiß“ läuft, liefert am Ende auch weniger und nicht mehr. Produktivitätssteigerung ade.
Kurzfristig steigt also das Arbeitsvolumen, langfristig können Produktivität und Gesundheit enorm unter Druck geraten. Netto bleibt von der Rechnung möglicherweise weniger übrig als erhofft.
3. Mehr Wochenarbeitszeit – große Zahl, viele Fragezeichen
Okay, dann lassen wir Feiertage und Urlaub in Ruhe und drehen dafür an der Wochenarbeitszeit.
Nimmt man nämlich vereinfacht an, die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland steigt um rund zwei Prozent, etwa durch eine Kombination aus etwas mehr Stunden bei Vollzeit, weniger Teilzeit und weniger Arbeitszeitverkürzungen, dann würde auch das gesamte Arbeitsvolumen um zwei Prozent steigen.
Das ergibt: Zwei Prozent von 4,31 Billionen Euro sind rund 86 Milliarden Euro.
Im ersten Moment klingt das beeindruckend. In der Realität ist es jedoch eine Obergrenze, keine Prognose.
Nicht jedes Unternehmen hat ausreichend Nachfrage. Mehr Stunden sind nur dann mehr Output, wenn Aufträge da sind. Jenseits einer Belastungsgrenze sinkt aber nachweislich die Produktivität pro Stunde. Fehler, Müdigkeit, Krankenstand – die ganze Spirale. Ein Teil der zusätzlichen Stunden ersetzt zudem schlicht Überstunden, die es ohnehin schon gibt.
Die 80 bis 90 Milliarden sind also auch eher ein theoretischer Deckel, kein realistisches Ergebnis.
Ein Alternativvorschlag: KI & Digitalisierung – mehr BIP ohne Freizeit-Verlust?
Alle vorgenannten Vorschläge arbeiten an der Anzahl der Stunden. Volkswirtschaftlich entscheidend ist aber doch die Frage: Was entsteht in einer Stunde?
Genau hier, das wird nun mittlerweile seit einigen Jahren prophezeit, setzen Technologien wie Automatisierung, künstliche Intelligenz (KI) und Digitalisierung an.
Eine IW-Studie zeigt: In den bisherigen 2020er-Jahren wuchs die Produktivität in Deutschland im Schnitt nur um etwa 0,4 Prozent pro Jahr. Mit konsequenter Nutzung von KI, so die Forscher, könnte das Wachstum zwischen 2025 und 2030 im Jahresdurchschnitt um 0,9 Prozent klettern.
Das klingt nicht nach Revolution und würde nach über zehn Jahre auch ein echtes Brett machen:
- Ohne KI-Schub: BIP steigt von 4,31 auf rund 4,47 Billionen Euro.
- Mit KI-Schub: auf etwa 4,70 Billionen Euro.
Differenz: 230 Milliarden Euro pro Jahr – dauerhaft. Ohne dass jemand länger arbeitet. Ohne dass der Ostermontag geopfert wird. Nicht das „Wunder“, aber eine klare, stetige Verbesserung.
Ist die „Ostermontags-Debatte“ Symbolpolitik?
Stellt man nun alles nebeneinander, ergibt sich in groben Größenordnungen:
- Ostermontag streichen: 4 bis 17 Milliarden Euro, einmalig und unsicher.
- Urlaub kürzen: ähnliche Größenordnung, mit größerem Risiko.
- Wochenarbeitszeit +2 Prozent: theoretisch 86 Milliarden Euro, praktisch deutlich weniger.
- KI & Digitalisierung: über zehn Jahre rund 230 Milliarden Euro pro Jahr, dauerhaft.
Die Arbeitszeit-Debatten-Vorschläge bringen kleine, einmalige Schübe und kosten aber sowohl politisch als auch gesellschaftlich viel. Technologie und Produktivität liefern hingegen dauerhafte Effekte, die sich Jahr für Jahr stapeln.
Ja, der Druck ist real: Gegenwind für die Industrie, hohe Kosten, Bürokratie, Unsicherheit.
Aber der Ostermontag wird dieses Land nicht retten. Zwei Urlaubstage auch nicht. Ein paar Wochenstunden mehr ebenso wenig.
Die großen Hebel liegen woanders
Die großen Hebel liegen dort, wo Stunden nicht verlängert, sondern wertvoller werden. Es braucht Automatisierung, KI, Technologien, die aus derselben Arbeitszeit mehr Output holen.
Eine Infrastruktur und Verwaltung, die nicht bremst, sondern trägt. Weniger Bürokratie, dafür eine Energiepolitik, auf die sich Unternehmen verlassen können.
Und schließlich: Organisation und Qualifizierung, die den Betrieben ermöglichen, das Potenzial ihrer Leute wirklich zu heben.
Kurz: Nicht mehr schuften. Klüger arbeiten. Und die Bedingungen schaffen, damit das überhaupt möglich wird.
Am Ende bleibt die einfache Wahrheit: Man kann Feiertage opfern. Oder man sorgt dafür, dass jede Stunde, die wir ohnehin arbeiten, mehr wert ist. Für ein Land, das an seiner Produktivität knabbert, ist Letzteres der deutlich klügere Weg.